UA von Schwertsiks Kafka Amerika
(October 2009)
Einige Male hat Kurt Schwertsik bereits mit seinen charakteristischen Partituren Vorlagen für prominente Ballettproduktionen geliefert, allen voran die Kooperationen mit Johann Kresnik bei Frida Kahlo, Hans Christian Andersen, Picasso, Nietzsche und Gastmahl der Liebe.Nun hat sich Schwertsik Franz Kafkas Romanfragment Amerika (auch Der Verschollene) zur Grundlage eines neuen Werkes erkoren: Für das Landestheater Linz entstand auf ein eigenes Libretto Schwertsiks das abendfüllende Ballett Kafka Amerika. Die für Bariton und Orchester geschriebene Partitur kam am 10.10.2009 in einer Bühnenadaption des Choreographen und Regisseurs Jochen Ulrich in Linz zur Uraufführung. Es tanzte das Ballettensemble des Landestheaters, begleitet vom Bruckner Orchester unter Dennis Russell Davies:
Pressestimmen:
„Eine Uraufführung wie jene des Kafka-Balletts von Kurt Schwertsik weckt Begierden im Musikfreund. Nämlich die nach dem Wiederhören. Das passiert im neuen Musiktheater nicht so häufig, dass man mit Musik konfrontiert wird, die zu erneuter Beschäftigung (ja, man kann beinah sagen: zu wiederholtem Genuss) einlädt.“
(Wilhelm Sinkovicz, Die Presse, 12.10.2009)
„Kurt Schwertsik hat eine exquisite Ballettmusik für die Kulturhauptstadt komponiert ... Man darf wieder ungeniert an alte Traditionen anknüpfen, darf Elemente der Unterhaltungsmusik in eine Ballettpartitur integrieren, die zuweilen auch an Vorbilder aus dem frühen 20. Jahrhundert anklingt, als wär's eine Handreichung der alten Meister? Man darf. Und wenn man das auch kann,dann keimt im Publikum keinen Moment die bange Frage auf, wie all die scheinbar so gar nicht zusammengehörigen Elemente unter einen ästhetischen Hut zu bringen wären. Denn Schwertsik schreibt, höchst inspiriert, offenbar nur Stücke, die ihm selber gefallen. Er ist nicht nur ein wirklicher Könner, sondern auch ehrlich. So überzeugt jegliche Stilmixtur. Denn Schwertsik, dessen oft kraftvoll rhythmisierte, immer auf anrührende Weise melodische Musik von Herzen zu kommen scheint, hat auch einen Ton. Seinen Ton. Ganz und gar unverwechselbar klingt Amerika nach Schwertsik.“
(Wilhelm Sinkovicz, Die Presse, 12.10.2009)
„Ein bejubelter Abend mit wundersamer Musik von Kurt Schwertsik ... Die abgrundtiefe Unsicherheit, die in sich kreisende Fatalität, die rabenschwarz spröde Poesie von Kafkas Welt lotet diese fast zweistündige, farbig instrumentierte Partitur mit unglaublich viel Feingefühl aus, mit minimalistischer Unerbittlichkeit, die aber immer noch rechtzeitig in zupackende Dramatik mündet. Dazu kontrastieren die wirkungsvollen Lieder von Karls alter ego, manch Tanzrhythmus zwischen Walzer und Swing und eine virtuose Barpiano-Einlage. Schwertsiks Kunst ist es auch, Beziehungen auf die Klangwelt eines Mahler oder Zemlinsky nie eklektisch, sondern immer anregend neu zu formen. Im Finale findet der Komponist zu einem Tableau voll berückend melodischer Kraft, einer unwiderstehlichen Traum-Musik, wie sie die oft von des Gedankens Blässe angekränkelte Musik der Gegenwart bitter nötig hat. Nach der Uraufführung von Friedrich Cerhas famosem Schlagzeugkonzert in Salzburg ist dies der zweite Beweis in kurzer Zeit, wie schön und dabei gar nicht altmodisch, ja wie wegweisend und aufregend auf der Tradition aufbauende Musik heutzutage sein kann ... Und Dennis Russell Davies musiziert mit dem bestens motivierten Bruckner-Orchester nicht nur im besten Bühnenkontakt, sondern so nuancenreich und liebevoll, wie man es sich nur wünschen kann. Hingehen, anschauen, anhören!“
(Gottfried Franz Kasparek, DrehPunktKultur Salzburg, 12.10.2009)
„Die Ballett-Uraufführung, mit der Ballettchef Jochen Ulrich und Kurt Schwertsik Kafkas Romanfragment ‘Amerika‘ in eine gelungene Symbiose von Tanz und Musik umsetzten, ist eine Visitenkarte für das neue Musiktheater! Denn Schwertsiks Komposition schmeichelt sich mit großem Wohlklang in die Ohren der Zuschauer, ohne beliebig zu sein oder während der rund zwei Stunden Aufführungsdauer an Ausdruckskraft zu verlieren. Nicht umsonst wurde der bei der Premiere am Samstag anwesende Komponist vom Publikum mit Bravorufen und dem Löwenanteil des kräftigen Beifalls bedacht. Unterstützt wurde der Ohrenschmaus durch das prächtig aufspielende Bruckner Orchester unter Dennis Russell Davies.“
(Birgit Thek, Neues Volksblatt, 12.10.2009)
„Komponist Kurt Schwertsik vertonte den Stoff zu einem überaus gelungenen Ballett ... Jochen Ulrich hat nicht nach passender Musik gekramt, sondern – für ein so bedeutendes Projekt auch richtig – nach einem Komponisten gesucht und den mit Sicherheit trefflichsten in Kurt Schwertsik gefunden. Seine Musik ist genauso phantastisch wie Kafkas Texte, spielt mit Zitaten, liebäugelt mit Modernismen und bleibt dennoch der traditionellen Harmonie verpflichtet. Eine Partitur hervorragender Ballettmusik, die es nicht nur schafft, ‘tanzbare’ Rhythmen aneinanderzureihen, sondern darüber hinaus die einzelnen Personen unglaublich präzise musikalisch zu charakterisieren ... eine eigene, leidenschaftlich gestikulierende Musik.“
(Michael Wruss, Oberösterreichische Nachrichten, 12.10.2009)
„Der Choreograph ließ sich vom Witz Kurt Schwerstiks inspirieren ... Obwohl ihm, dem Ideenträger und Urheber dieses Auftragswerks, von der inneren Stimme des Romanhelden Karl Roßmann (Bassbariton Martin Achrainer mit auch tänzerischen Fähigkeiten) und dem heftigen Auflachen der köstlichen Brunelda von Darie Cardyn abgesehen, nur stumme Darsteller zur Verfügung stehen, übertrifft seine Fassung von Franz Kafkas Vorlage an Dramatik so manche Opernaufführung. Natürlich nicht zuletzt dank Dennis Russell Davies am Dirigentenpult des Bruckner Orchesters. Ein ausgedehntes Klaviersolo hat Schwertsik der schauspielerisch ebenfalls nicht unbegabten Maki Namekawa in die Pianistenhände komponiert. Typengenau sind alle (es sind wirklich alle aus Kafkas fragmentarischem Text Der Verschollene) Rollen besetzt, an der Spitze Jonatan Salgado Romero mit noch dazu verblüffend starker Ähnlichkeit mit seinem singenden ‘Doppelgänger’. Fantasievoll hat Bjanka Ursulov die Kostüme entworfen, durch den klugen Umgang mit Bühnenbild und Licht ließ Simon Corder das Theater als ‘Großes Haus’ erscheinen. Das Premierenpublikum hatte allen Grund für seinen lautstarken Jubel.“
(Ernst Scherzer, Wiener Zeitung, 13.10.2009)
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Szenenfoto © Paul Leclaire, Linz
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