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FEATURED COMPOSERS
Deutsch, Bernd Richard: Mad Dog (2011) 20'
for ensemble

Scoring

1.0.2(II=bcl).Tsax.0-1.1.1.1-perc(1-2)-harp-pft(prep)-2vln.vla.vlc.db

Abbreviations (PDF)

Territory

This work is available from Boosey & Hawkes der ganzen Welt.

World Premiere

02/11/2011
Radiokulturhaus, Wien
die reihe / Christian Muthspiel

Composer's Notes

English

I. Incalzante
II. Sognando
III. Irato

Mad Dog entstand 2011 im Auftrag des Ensembles die reihe aus Anlass der Feier seines 50-jährigen Bestehens.
Bei der Besetzung dieses Stücks habe ich bewusst auf die Oboe und das Fagott verzichtet bzw. sie durch eine zweite Klarinette und ein Tenorsaxophon ersetzt. Es ging mir dabei um die Erzeugung eines ganz spezifischen Klangs, dem durch den Einsatz der Harfe und des präparierten Klaviers noch eine weitere besondere Farbe verliehen wird.

Perkussivität beherrscht weite Teile dieses Werkes, und der Einsatz von Präparationsmaterialien war eine Konsequenz aus meiner Suche nach einer schlagzeugähnlichen Art, das Klavier zu behandeln.

Anlässlich der Uraufführung schrieb ich folgenden Programmtext:

"La nature ne laisse à notre disposition, pour établir des distinctions entre les espèces, que des particularités minutieuses, et en quelque sorte puériles."
(Die Natur stellt uns zur Bestimmung der Unterschiede zwischen den Arten nur minutiöse und gewissermaßen alberne Einzelheiten zur Verfügung.)
Jean-Baptiste Lamarck, 1817

Ein Stück Musik, wie aus dem Leben gegriffen... Ich stelle mir vor, die 3 Sätze umfassten einen 24-Stunden-Zyklus, beginnend mit der Mittagszeit und dem Nachmittag (er drängt, zerrt, läuft, springt, schnüffelt, hechelt, bellt, jault, knurrt, kläfft, trinkt) über den Abend und die Nacht (die Zeit der [Alp]träume und des scheinbar Irrationalen, aber auch der Stille) bis zum Morgen bzw. dem Vormittag (Zorn, Konflikt, doch nur vorübergehend, eine fixe Idee [Chaconne] – Ende = Anfang?).

Ein zoomorphisches Spiel: Der Mensch vermenschlicht den Hund gern. Oder ist es doch vielmehr der Hund, der den Menschen verhundlicht?..."

„Aus dem Leben gegriffen" – Klänge aus meinem Alltag sind es, die inspirierend auf die Komposition Einfluss genommen haben.
Drängende Motorik bei gleichzeitiger rhythmischer Flexibilität durchzieht den ersten Satz, der durch fast permanente Taktwechsel gekennzeichnet ist.
Das scheinbare „Chaos" zu Beginn enthält bereits alle wesentlichen Motive, aus denen die Musik entwickelt ist. Man könnte es mit Verweis auf einen Begriff aus der Biologie als „Ursuppe" bezeichnen. Nach und nach setzen die unabhängig voneinander spielenden Streichinstrumente, beginnend mit der ersten Violine, ein. Der geradezu barocke Gestus des Anfangsmotivs erklärt sich möglicherweise aus einer unbewussten assoziativen Verknüpfung von drängender Bewegung („Incalzante") und barocker Motorik. Es handelt sich jedoch nicht, wie oft vermutet worden ist, um ein (verfremdetes) Zitat.

Es gibt ein berühmtes Gemälde des italienischen Futuristen Giacomo Balla aus dem Jahr 1912, das den Titel Dynamismus eines Hundes an der Leine trägt. Darauf ist ein Dackel in Bewegung zu sehen, was dadurch suggeriert wird, dass die unterschiedlichen Bewegungsphasen der Beine und des Schwanzes gleichzeitig dargestellt werden und sich dadurch überlagern, ganz so, als wäre die Szene mit einer besonders langen Belichtungszeit fotografiert worden. Ich erinnere mich, bei der Arbeit an Mad Dog oft an dieses Bild gedacht zu haben.

Meine Werke sind letztendlich - auch wenn sie oft von Kunst, Literatur oder eben auch meinem Alltag inspiriert sein können - immer absolute Musik, sie haben kein wie immer geartetes „Programm". Auch in diesem Stück ging es mir weder um das Erzählen einer Geschichte noch um Illustration, sondern in erster Linie um die Darstellung eines Charakters, dessen Eigenschaften mit Begriffen wie Energie, Bewegungsdrang und Spielfreude umschrieben werden könnten. Ein Charakter, der sich aber auch durch eine gewisse Launenhaftigkeit und einen Hang zu cholerischen Ausbrüchen auszeichnet.

Der zweite Satz ist ein Nacht- bzw. Traumstück („Sognando"). Obertonharmonien prägen den Beginn. Es folgt eine lange, von Glissandi und schnellen Holzbläserfiguren dominierte Steigerung hin zu einer dramatischen Klimax, die an einen Alptraum denken lässt.
Der Epilog des Satzes kreist um einige wenige Akkorde, die zunehmend erstarren und verlöschen, bis zuletzt nur mehr Atemgeräusche hörbar sind.

Zu Beginn des dritten Satzes, „Irato" (erzürnt), scheint es fast so, als ob zwei Personen miteinander in Konflikt geraten wären, musikalisch charakterisiert durch ein „drohendes" und ein „flüchtendes" Element. Überraschend dann der Mittelteil: aus einem sechstönigen Motiv, das den Charakter einer fixen Idee hat, entwickelt sich eine Art Chaconne, die Textur ist zunächst punktuell, fügt sich aber zunehmend hin zu geradezu orchestraler Dichte. Nach einer langen Kadenz des präparierten Klaviers beschließt eine stepptanzartige Coda in raschestem Tempo das Stück.
Bernd Richard Deutsch

Recommended Recording

Klangforum Wien / Enno Poppe
Kairos 0013352KAI

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