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FEATURED COMPOSERS
Svoboda, MikeLove Hurts - Carmen Remix (2003/10) 22'
for trombone and orchestra, based on themes by Georges Bizet

Scoring
2(I,II=picc).2.2.2-4.3.2.1-timp.perc(3)-strings(12.10.8.6.3).
Abbreviations (PDF).

Territory
This work is available from Boosey & Hawkes der ganzen Welt.

World Premiere
26/03/2003
Listhalle, Reutlingen
Mike Svoboda, trombone / Württembergische Philharmonie Reutlingen / Sebastian Tewinkel


Composer's Notes      English
Kaum ein Klassikerstoff eignet sich besser zum remixen als die "greatest hits" aus Bizets Oper Carmen. Bis zum Erbrechen rauf und runter genudelt, ist es eigentlich eine sinnlose Unternehmung diesen abgedroschenen Gassenhauern neues Leben einhauchen oder gar einen frischen Blick auf sie werfen zu wollen. Anlässlich eines Faschingskonzertes (!) wurde ich jedoch beauftragt genau das zu tun und ich dachte keineswegs daran, dass dieses Werk jemals in einem seriösen Umfeld aufgeführt würde - gewollt plump kommen die verspielten Aktionen und augenzwinkernden Anspielungen daher. Inzwischen habe ich das Stück neben Strauss (Richard) und Schönberg, sowie Mozart und Beethoven gehört und - obwohl ich das mit meinem Gewissen nur schwer vereinbaren kann - schäme ich mich für diesen Ausflug ins Frivole kaum noch. Allerdings empfinde ich es manchmal wirklich als schwierig, ja fast als einen schizophrenen Zustand, hier in Zentraleuropa zu leben, wo man Konsequenz als Tugend versteht und wo alle Werke eines Komponisten zu einem oeuvre zusammengefasst werden sollen, selbst doch so scheinbar unvereinbare Herangehensweisen zu praktizieren. Love Hurts - Carmen Remix hat im Gegensatz etwa zu meinen Kompositionen Fünf kanonische Studien oder 20 französische Lieder fast gar nichts mit Neuer Musik zu tun. Für die Nerven der wenigen, die sich dafür interessieren (Kritiker, Musikwissenschaftler, Insider) wäre ein Pseudonym vielleicht doch schonender...

Programme Note  
Georges Bizet war in seinem kurzen Leben zwar nie in Spanien – aber wie genial verpasste er der europäischen Klassik eine mediterrane Frischzellenkur mit den aufreizenden Rhythmen und sehnsüchtigen Melodien der spanischen Volksmusik! Die Melodien seiner "Carmen" sind zwar "allgegenwärtig", so Mike Svoboda – doch genau das reizte ihn, sich mit ihnen auseinanderzusetzen: "Ich verwurste Bizet zwar im Fleischwolf", sagt Mike Svoboda "aber trotz der Hinzufügung starker Gewürze soll das Ergebnis noch als Bizet-Wurst zu erkennen sein."

Die Originalität dieser "Verwurstung" geht schon aus Mike Svobodas Vita hervor. Der vielgefragte Posaunist beherrscht die ganze Palette zwischen Avantgarde bis Jazz und Rock, arbeitete mit Karlheinz Stockhausen ebenso wie mit Frank Zappa. Als Komponist kennt er ebenfalls keine Scheuklappen, schrieb Kinderopern, Solokonzerte und Ensemblemusik. "Adult Entertainment" nannte die FAZ die Werke des Amerikaners und Wahl-Schweizers treffend.

Dass die "Liebe wehtut" ("Love hurts"), erfährt Don José durch Carmens unbedingten Freiheitswillen allzu schmerzlich. Und Freiheiten erkämpft sich auch der Posaunist in diesem aberwitzigen, mitunter rasend komischen Stück, in dem nicht nur Virtuosität, sondern auch Performer-Qualitäten gefragt sind. Zwar fand die Uraufführung 2003 im Rahmen eines Karnevalskonzerts statt, doch auch im "normalen" Aboprogramm darf gelacht werden. Dabei ist Svobodas "Carmen"-Remix handwerklich brillant und gedanklich gewitzt – eben nicht nur ein medleyhafter "Greatest Hits"-Verschnitt, sondern ein subtiles Spiel mit rhythmischen und melodischen Partikeln und Assoziationen.

Mit konstantem Habanera-artigen Rhythmus legt das Schlagwerk vor, bevor der Solist aus Liegetönen zu lebendiger Artikulation erwacht. Triller, Glissandi, geräusch- und sprachhafte Tonproduktionen gehören dabei zu seinem technischen Reservoir. Das Orchester schwört sich allmählich auf ihn ein und man findet sich auf dem gemeinsamen Ton a. Ein winziger Motiveinwurf in den Flöten spielt auf das „Chanson bohème" Carmens und ihrer Freundinnen an. Dann ein kurzer „Aha-Effekt" mit dem siegesgewissen Torero-Lied. Doch sofort verzieht sich Escamillo wieder in den Jazz-Keller und das schicksalhafte „Todesmotiv" steigt als melancholische Reflexion in der Posaune auf. In Loop-Sequenzen hakt sich das schmissige Vorspiel wie eine kaputte Platte fest, Triangel und Tamburin klingen und klirren wie in der Original-Bodega des Lillas Pastia. Aus einem geheimnisvollen, fast meditativ-fernöstlichen Zwischenspiel entwickelt die Posaune jazzige Improvisationen über Don Josés Dragonerlied. Heiße Luft? Jedenfalls denkt der Hörer bald an einen Ballon, aus dem selbige entweicht, dank Mundstückblasens des Solisten… Doch auch die Streicher haben bald eine ungewohnte, aber geräuschproduzierende Aufgabe an ihren Pulten. Schließlich kommt es zum Showdown zwischen Solist und Konzertmeister. Einer zieht den kürzeren – und ein Trauermarsch in Mahler-Manier sing das Grablied, umrahmt von Motiven aus der Habanera: „Prends garde à toi", Nimm dich in acht!, heißt es da. Der Posaunist versucht noch einmal, das Kommando an sich zu reißen, doch dieser Stierkampf geht aus wie das Hornberger Schießen. Beredt bringt sich der Torero noch einmal in Stellung, spricht mit tausend Zungen und wird am Schluss doch von Schicksalsmotiv und rasantem „Chanson bohème" untergepflügt.
Kerstin Schüssler-Bach




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