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FEATURED COMPOSERS
Chin, UnsuksnagS&Snarls (2003-04) 16'
for soprano and orchestra

Music Text      English
Lewis Carrolls "Alice im Wunderland", Unsuk Chin und ein traditioneller Kinderreim (engl.)

Scoring
2(II=afl,picc).2(II=corA).2(II=Ebcl,bcl).2(II=dbn)-2.3.2.1-perc(3): I=tgl/2cym(med,lg)/tam-t(lg)/cencerros/glsp/marimba; II=tamb/3SD/BD/cym(sm)/finger cym/6pop-bottles; III=xyl/harmonica/siren/2trash-cans/tgl/timbales(sm)/glasswind chimes/18wine glasses/15forks/8spoons/5sm metal casseroles-mandolin-harp-pft(=hpd,cel)-strings.
Abbreviations (PDF).

Territory
This work is available from Boosey & Hawkes der ganzen Welt.

World Premiere
6/6/2004
Libbey Bowl, Ojai/California
Margaret Thompson, mezzo-soprano / Los Angeles Opera Orchestra / Kent Nagano


Programme Note      English
Der Gesangzyklus snagS&Snarls nach Texten aus Lewis Carrolls Alice-Büchern wurde vom Los Angeles Opera Orchestra in Auftrag gegeben und im August 2004 unter der Leitung von Kent Nagano beim Ojai Festival uraufgeführt. Unsuk Chin begreift ihn als eine Vorstudie der 2007 in der Bayerischen Staatsoper uraufgeführten Oper Alice in Wonderland. Alle Lieder von snagS&Snarls – außer dem ersten – wurden, wenngleich in modifizierter Form, in die Oper aufgenommen.

Der ungewöhnliche Titel setzt sich aus den Wörtern snag und snarl zusammen.
Das Nomen snag lässt sich unter anderem mit 'kleine Schwierigkeit, die meistens unbekannt oder unerwartet ist' definieren, trägt aber auch die Nebenbedeutung 'spitzer, möglicherweise gefährlicher Vorsprung'. There's a snag in it entspricht der deutschen Redewendung 'die Sache hat einen Haken'. Snarl wiederum bedeutet entweder 'Knoten' oder 'verworrener Zustand' oder 'in einem übellaunigen Ton reden' bzw. 'die Zähne zeigen und wütend knurren'. [Das Oxford Advanced Learner's Dictionary (Fifth Edition, 1995) gibt unter anderem folgende Bedeutungen wieder: snag, 1) small difficulty or obstacle, usu hidden, unknown or unexpected; 2) rough or sharp projection, which may be dangerous; 3) tear, hole or thread pulled out of place in material that has caught on a snag; snarl, 1) (of dogs, etc) show the teeth and growl angrily; 2) (of persons) speak in an angry badtempered voice; 3) confused state, tangle]
Der Titel basiert auf einer Kapitelüberschrift des Buches Metamagical Themas des Kognitionswissenschaftlers Douglas R. Hofstadter, in dem dieser über Selbstreferenzialität schreibt. Lewis Carrolls Alice-Geschichten entdeckte Unsuk Chin übrigens durch Hofstadters Kultbuch Gödel, Escher Bach: an Eternal Golden Braid: A Metaphorical Fugue on Minds and Machines in the Spirit of Lewis Carroll. Somit reiht die Komponistin sich in eine lange Reihe von Künstlern, Wissenschaftlern und anderen Lesern ein, die Carrolls Alice als hochkomplexe philosophische Kreation und als Klassiker der modernen Literatur schätzen lernten. Kein Wunder, thematisierte Lewis Carroll doch wesentliche philosophische Fragen, indem in Alice jegliche "Ordnungskategorien wie Raum und Zeit, Rationalität und Moral, Identität und Kommunikation, die Hierarchie von Mensch, Tier und Materie in den Sog einer subversiven Zerstörung" (Eberhard Kreutzer, Lewis Carroll: "Alice in Wonderland" und "Through the Looking-Glass", München 1984) geraten. Dieses Kunststück gelang Lewis Carroll bekanntlich durch eine einzigartige sprachschöpferische Leistung: Wortspiele und ebenso strenge wie absurde logische Schlüsse werden bei ihm zu Grundprinzipien und Baumaterialien eines Denkens des Absurden. Mittels dieser stellt Carroll eine Erfahrungswirklichkeit dar, die mit der Alltagsrealität "in demselben launischen Abhängigkeitsverhältnis zu stehen scheint wie Welle und Teilchen in der Quantenphysik" (Frank Harders-Wuthenow, A propos Alice. Manuskript, 2007)
Carrolls grenzüberschreitender philosophisch-dichterischer Kosmos scheint Unsuk Chin wie auf den Leib geschrieben. Wie Carrolls Alice, so ist Chins Musik zugleich von virtuoser Artistik, streng-logischer Konstruktivität und einem zuweilen überdrehten Humor geprägt. Wie Carroll, so ist auch Chin von Sprach- und Zahlenspielen fasziniert: man denke – um nur ein paar Beispiele zu nennen – an die Palindrome, Krebskanons und Anagramme, die in Miroirs des temps oder Kalá zu musikalisch sinnfälligen Chiffren für Unendlichkeit, Tod oder psychische Grenzregionen werden. Ein anderes Beispiel wäre das übermütig-ironische, selbstreferenzielle Vokalwerk Cantatrix Sopranica, in dem musikalische Prozesse oftmals mittels experimenteller Sprachkombinatorik erschaffen werden (und umgekehrt).
In snagS&Snarls kommt ein neuer Aspekt hinzu: die intertextuellen Verfahren von Lewis Carroll werden durch vielfache Stilparodien und Allusionen musikalisch widerspiegelt. Die musikalische Sprache dieses Werkes wirkt somit – auf den ersten Blick – vertrauter, einfacher und traditioneller als die anderer Werke von Chin. Allerdings trügt der Schein auf ähnliche Weise wie bei Carroll, bei dem das Genre der vermeintlichen Kindergeschichte nur den Rahmen liefert für eine hintersinnig-eigenwillige Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen.

Das erste Lied vertont das Gedicht Alice – Acrostic, mit dem Carroll das zweite Alice-Buch beschließt. Die Anfänge der Zeilen ergeben hintereinander gelesen den Namen des historischen Vorbilds dieser Geschichten: Alice Pleasance Liddell. Der Autor erinnert sich hier der berühmten Bootsreise, auf der er Alice und ihren Schwestern die Geschichten zum ersten Mal erzählte. Die musikalische Textur evoziert eine nostalgisch-märchenhafte 'Es war einmal...'-Atmosphäre und ist vorwiegend konsonant, wobei das Klangbild allerdings durch die delikaten rhythmisch-metrischen Verschiebungen sowie die ausgefallene Instrumentation verfremdet werden. Auf diese nachdenkliche Eröffnung folgen verschiedene Szenen aus Alice' Adventures in Wonderland.
Die erste dieser Szenen entstammt dem Kapitel Pool of Tears und heißt Who in the World am I? In diesem Kapitel erlebt Alice, die gerade im Wunderland eingetroffen ist, in kürzester Zeit enorme Veränderungen ihrer Körpergröße und andere verwirrende Ereignisse, was zu einer heftigen Identitätskrise führt. In ihrer Verzweiflung versucht Alice, sich über sich selbst durch das Aufsagen eines Gedichts und von anderem Schulwissen zu vergewissern, doch bringt sie alle Fakten durcheinander. Alice' Verwirrung wird musikalisch auf verschiedene Weise widerspiegelt, so etwa mittels rhythmischer Komplexität, der bewusst als Ausdrucksmittel eingesetzten Pausen oder der isolierten Einsätze verschiedener Instrumente.
The Tale-Tail of the Mouse entstammt dem Kapitel A Caucus-Race and a Long Tale. Der Titel spielt an auf eine gleichlautliche [homophonische] Verwechslung: Alice stellt sich die Erzählung der Maus (mouse's tale) in der Form eines Mäuseschwanzes (mouse's tail) vor.
Konsequenterweise hat Carroll die Mausgeschichte in der Form eines Mäuseschwanzes verfasst und damit eines der berühmtesten Figurengedichte überhaupt geschaffen. Dieses visuelle Muster und die Atmosphäre des Gedichts wird von der Komponistin durch verschiedene Mittel in Musik übertragen: bei der Solistin mittels eines quasi-expressionistischen Sprechgesangs; bei der Instrumentalbegleitung durch die filigranen Triller und Läufe, die in sich verschlungenen, murmelnden, hinabfallenden Linien und die delikate Instrumentation (Mandoline, Harfe, Cembalo und Holzbläsergruppe).
Die nächste Szene, Speak Roughly to Your Little Boy, entstammt dem Kapitel Pig and Pepper. Die Handlung des Kapitels lautet folgendermaßen: Alice tritt ein in das Haus der Herzogin, in dem ein bedrohliches Durcheinander herrscht. Die Köchin der Herzogin bewirft alles, was in ihrer Reichweite steht, mit Geschirr, während die Herzogin ihr Baby hin- und herschüttelt und das Lied Speak Roughly to Your Little Boy, eine Parodie eines Wiegenliedes, singt. Schließlich bleibt Alice mit dem Baby alleine, das sich dann allerdings in ein Schwein verwandelt. Einige Kommentatoren haben in dieser Szene eine Stellungnahme zu der im viktorianischen England vorherrschenden 'schwarzen Pädagogik' sehen wollen, doch ist sie vor allem eine burleske Groteske. Der Gesang der Herzogin besteht in snagS&Snarls aus einer sehr einfachen, fast stumpfsinnigen Melodie und aus Schreien, die ihren grotesk-hässlichen Charakter trefflich widerspiegeln. Die Komponistin hat dem Text Verse aus einer frühen Alice-Theaterfassung beigefügt, die der Szene einen pseudo-rituellen Charakter geben – so, als würde die Parodie einer bösen Märchenhexe einen Fluch aufsagen. Der schäbige Charakter dieser Szene kommt zum Ausdruck auch durch die instrumentalen Ostinati, die Blechbläser- und Vokalglissandi, die komisch dumpfen Einsätze der tiefen Instrumente und nicht zuletzt durch das Schlagwerk, das das Klangbild in steigendem Maße dominiert: der Schlagzeuger muss sich hier unter anderem diverser Haushaltsgegenstände, 'Müll-Schlagzeug' und einer Sirene bedienen.
Im Kontrast hierzu schließt der Zyklus mit Twinkle, Twinkle, Little Star, das auf dem Kapitel A Mad Tea-Party basiert. Hier fühlt sich Alice durch die Anwesenden der 'Verrückten Teegesellschaft' beleidigt, da diese ihr absurde, unlösbare Rätsel aufgeben. Der Text parodiert das wohlbekannte, gleichnamige englische Kinderlied; er wird von der Komponistin mittels eigener, zungenbrecherischer Nonsensverse noch weiter dekonstruiert. Die Musik entwickelt sich aus reduzierten und geradezu infantilen Texturen unerwartet zu einem höchst virtuosen musikalischen Gewebe. Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Komponistin, ganz im Sinne Carrolls, einfache musikalische Ausdrucksweisen in ein musikalisches Wunderland überführt.
© Maris Gothóni

Press Quotes  
snagS & Snarls stellten sich mit jeder Wendung als geist- und erfindungsreich heraus, vor allem dank der onomatopoetischen Würze ihrer Partitur, aber auch dank stilistischer Affinitäten von Mussorgskys Kinderstube über Ravels Ma mère l’oye bis hin zur spitzbübischen Seite Ligetis ... Dieser Charmeur von einem Stück hat mit Sicherheit eine glänzende Zukunft vor sich.“ (David Fanning, The Daily Telegraph, 11.08.2005)

„Die Gesangslinien sind weich konturiert, oft mit der Schlichtheit von Kinderreimen, die Orchestrierung hingegen voll von den phantastischen Farben, für die Chin bekannt ist.“ (Andrew Clements, The Guardian, 12.08.2005)




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