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Brett Dean: Wie Debussys Ariettes orchestrieren?

(March 2015)

DeanWebStory2008-CreditMarkCoulson.jpg Im Interview gibt Brett Dean Auskunft über seine neue Orchesterfassung von Debussys Ariettes oubliées, die im Mai 2015 erstmalig aufgeführt wird.

Wie kam es zu der Bearbeitung?
Sie verdankt sich einem Auftrag des Australian World Orchestra. In diesem Klangkörper kommen führende australische Musiker aus der ganzen Welt alle zwei Jahre für ein Projekt zusammen. 2015 wird es von Sir Simon Rattle geleitet, mit seiner Ehefrau, der Mezzosopranistin Magdalena Kozena, als Solistin. Die Ariettes oubliées gehören natürlich zu Magdalenas Repertoire, sie hat sie oft gesungen – nur eben mit Klavier. Jetzt hatte sie den Wunsch einer Orchesterfassung. Ich bin dem Künstlerpaar seit langer Zeit verbunden und habe mich über ihre Anfrage natürlich sehr gefreut. Bei der Uraufführung werde ich auch im Orchester als Bratschist mitwirken; außer den Ariettes oubliées wird Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune erklingen sowie Bruckners Achte.

Kopiert deine Fassung den Orchestrierungsstil Debussys?
Die Antwort ist: Jein! Jedenfalls klingt sie nicht nach Brett Dean. Ich habe mich an der Besetzung von Prélude à l’après-midi d’un faune orientiert, allerdings mit zusätzlich einer dritten Klarinette, einem dritten Fagott, einer Trompete sowie Pauken und ein wenig Schlagwerk. Ich verwende zum Beispiel mehr Streichersoli, als Debussy das getan hat. Nach meiner Arbeit habe ich vor allem beim letzten Lied, „Spleen", festgestellt: So klingt es unerwartet deutlich nach Wagner! Es hat sich quasi als ‚teutonisches‘ Lied entpuppt. Denn natürlich war Debussy stark von Wagner beeinflusst.

Was und wieviel muss man ändern?
Wirklich geändert habe ich an Debussys Notentext nichts. An einigen wenigen Stellen empfand ich es als nötig, der Musik mehr Zeit zu geben, und habe Schläge, Takte oder eine Fermate hinzugefügt. Der Orchesterklang, die Schwere des Materials braucht einfach mehr Zeit, um sich zu entfalten. Das gilt wiederum insbesondere bei „Spleen", wo der Schluss nachklingen muss. Colin Matthews in seiner bekannten Orchestrierung aller 24 Klavierpreludes von Debussy ist ähnlich verfahren; früher fand ich das befremdlich, aber jetzt verstehe ich es gut. Außerdem sind natürlich manche Klavierfiguren auf Orchesterinstrumenten nicht spielbar. Man muss versuchen, denselben schillernden Klang mit weniger Noten zu realisieren, zum Beispiel mit Sechzehnteln oder Triolen statt Zweiunddreißigsteln, oder mit Divisi.

Du kennst Debussys Partituren natürlich unter anderem aus deiner Tätigkeit als Bratscher im Orchester gut. Hast sie du trotzdem für die Ariettes noch einmal studiert?
Ich habe noch einmal La Mer angeschaut, außerdem La Damoiselle elue, das die Berliner Philharmoniker gerade aufgeführt haben, und natürlich das das Prélude à l’après-midi d’un faune. Mich hat die Frage interessiert, wie Debussy das mit den Hörnern macht. Er behandelt sie in besonderer Weise, sie klingen präsent und zugleich warm. Und er verwendet auch besondere Streicherfigurationen.

Verspürst du eine Verwandtschaft zwischen Debussys Stil und deinem eigenen?
Ohnehin entsteht, wenn man so eine Orchestrierung macht, am Schluss das Gefühl, als gehöre einem gewissermaßen das Stück. Aber auch in meinen Werken schreibe ich beispielsweise bewegte, besonders ausgearbeitete Innenstimmen, sie verleihen dem Orchesterklang Lebendigkeit. Es ist allerdings etwas anderes, in eine Partitur einzutauchen, die ohne Wenn und Aber diatonisch ist. Das ist auch einmal etwas Schönes (lacht)! Vor allem aber lernt man bei einer Arbeit wie dieser viel über Resonanz. Und wie Debussy in seinen eigenen Stücken das Orchester zum Klingen brachte.

Claude Debussy
Ariettes oubliées
6 Lieder, arr. für Stimme und Orchester von Brett Dean (2014–15) 16 Min.
Text: Paul Verlaine (frz.)
3.2.EH.2.2–4.0.0.0–Schlz(1)–2Hrf–Str
EA: 29.07.2015 Opera House Sydney
Magdalena Kozená / Australian World Orchestra/ Sir Simon Rattle

(Interview: Jens Luckwaldt, 19.03.2015)


>  Further information on Work: Ariettes oubliées

Photo: Brett Dean (© Mark Coulson)

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