DEA von Pavel Haas’ Scharlatan in Gera
(March 2009)
Am 06.03.2009 kam in Gera Pavel Haas’ Oper Scharlatan zur deutschen Erstaufführung. Neben zahlreichen Kammermusikwerken hatte Haas bereits eine Vielzahl von Film- und Bühnenmusiken geschaffen, als er zwischen 1934 und 1937 seine Oper komponierte. 1937 wurde die Geschichte des "tschechischen Doktor Eisenbart" mit großem Erfolg in Brünn uraufgeführt, musste allerdings nach dem Münchner Abkommen 1938 vom Spielplan genommen werden. Die Instrumentierung für eine 1940 begonnene Sinfonie konnte Haas wegen der Deportation nach Theresienstadt nicht mehr beenden. In Theresienstadt komponierte Haas bis Oktober 1944 mindestens acht weitere Werke. Gemeinsam mit den Komponisten Hans Krása und Viktor Ullmann wurde Pavel Haas am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort in den Gaskammern umgebracht. Der "Scharlatan" wurde erstmals wieder im Jahr 1999 beim Opernfestival im irischen Wexford aufgeführt.Pressestimmen zur DEA:
Ein bunter Bilderbogen rollt ab, Glanz und Elend des Dr. Eisenbart beschreibend. Das Spannende ist, inwieweit sich der Zuschauer auf diese Welt einlässt, wie tief ihn die Parallelen zum Hier und Heute bewegen. Das Auseinanderklaffen von Sein und Schein, Wollen und Können wie der jäh aufflammende Volkszorn, wenn's einmal nicht klappt, sind ja allgegenwärtig. In Gera gab es am Ende lang anhaltenden begeisterten Beifall. Kay Kuntze hat eine quirlige, dem lebhaften Puls der Musik wie angegossen passende Inszenierung hingelegt, bei der auch zwei Akrobatengruppen zum Einsatz kommen. Mit viel Herz bei der Sache ist Kapellmeister Jens Troester als musikalischer Leiter. Der als Hauptdarsteller zweieinhalb Stunden pausenlos geforderte Andreas Scheibner steht stimmlich über den Dingen und beherrscht eine packende Körpersprache, welche die Nähe des Stückes zu einer Art Ballett mit Gesang betont.
Freie Presse Chemnitz / Volker Müller
Am Anfang ist Kirmes. Ein grellbunter Trupp Artisten und Jahrmarkt-Schreier kündigt, wie dies Ende des 17. Jahrhunderts üblich wurde, das Erscheinen eines Wund- und Wunderarztes an. Der zieht Zähne, besitzt Gegengift gegen Schlangenbisse, kann Brüche einrenken, Hasenscharten auswetzen, Nieren- und Gallensteine entfernen und Frauenleiden lindern. Die Zuschauer werden Zeugen des Wirkens einer magischen Figur, deren Heilkraft sich im Rahmen einschlägiger Formen des Entertainments einer zunehmend aufgeklärten Zeit entfaltete. Kay Kuntzes Inszenierung folgt ungebrochen dem Plot und funktioniert 1 : 1 in Rhythmus und Tempo der Musik... Bemerkenswert ist, wie weitgehend dem auch als Volksliedsammler erfahrenen Komponisten ein Volksstück ohne ideologischen Humus oder Dung gelang – mit Musik, die das Panorama des moderat Neuen der 20er Jahre absteckt: die Partitur ist über weite Strecken von neoklassizistischer Motorik bestimmt, von modifizierten Ostinato-Figuren und Orgelpunkt. Mitunter geprägt von Einflüssen älterer Melodik und der von Janácek ausgeprägten Melodiebildung aus dem Sprachduktus. Mit dem Zug zur Lösung von den tonalen Grundlagen konkurriert ein spätromantisch getöntes Espressivo.
Deutschlandfunk/ Kultur heute / Frieder Reininghaus
Ein musikalisch überaus expressives, originelles Werk, mit einem sicher nicht ganz so starken Libretto - aber da gibt es im Repertoire durchaus Schwierigeres -, in einer in jeder Hinsicht gelungenen Produktion. Und für den Moment dieser Geraer Aufführung lässt sich erst einmal festhalten: zu unrecht vergessen; zu recht ausgegraben und völlig berechtigt bejubelt.
Ostthüringer Zeitung / Dr. Tatjana Mehner
Doch Haas’ Musik lässt eindrucksvoll ahnen, was von diesem Komponisten auch auf der Musiktheater-Bühne noch zu erwarten gewesen wäre: Lustvoll und sinnlich klemmt die Partitur zwischen Martinu und Strawinsky, Janácek und Weill, Expressionismus und Moritat. Ungeheuer komplex schichtet Haas unter bisweilen recht derbem Volkston die Rhythmen, die Harmonien, die Strukturen, die Klänge. Modern ist diese Musik, aber nicht gebastelt, sondern von natürlicher Wirkungsmacht.
Leipziger Volkszeitung / Peter Korfmacher
*
Musikalische Leitung: Jens Troester
Regie: Kay Kuntze
Ausstattung: Duncan Hayler
weiter Vorstellungen in Gera bis 17.05.2009
> Further information on Performance: Sarlatán
> Further information on Work: Sarlatán
Szenenfoto © Stephan Walzl
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