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Harrison Birtwistle über sein neues Werk Deep Time

(March 2017)

Harrison Birtwistle im Gespräch über sein neues Orchesterwerk, Deep Time, das unter der Leitung von Daniel Barenboim im Juni in Berlin zur Uraufführung kommt.

Woher kommt die Idee zu Deep Time?

Es handelt sich um einen recht jungen Begriff, der von John McPhee 1981 in einem Buch mit dem Titel Basin and Range geprägt wurde und der sich auf die Vorstellung bezieht, Dinge mit einer enorm großen Zeitskala jenseits der menschlichen Vorstellungskraft zu messen, wie etwa das Alter von Gestein. Das Konzept von Deep Time schließt an die Arbeiten eines schottischen Geologen des 18. Jahrhunderts, James Hutton, an, der darlegte, dass die Vorgänge von Gesteins-Erosion, -Ablagerung und -Neubildung "keine Spur eines Anfangs und keine Idee eines Ausgangs" besitzen – ein Zustand ständiger Veränderung, der mich immer interessiert hat.

Wie nimmt dies musikalische Gestalt an?

Als ich auf der schottischen Insel Saasay lebte, entdeckte ich, dass einige der ältesten und jüngsten Gesteine zusammenliegen infolge einer ausgreifenden geologischen Verwerfung. Da gab es eine seismische Katastrophe, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man es heute sieht, die Gewalt eingefroren wie in einer Fotografie. Eine Zeit hat sich in die andere entladen und eine Diskontinuität erschaffen, die Parallelen zu dem neuen Orchesterstück besitzt. Ich möchte trotzdem klarstellen, dass das Werk nicht von Geologie handelt, es ist keine Beschreibung von etwas Bestimmten.

Aber die Motive von Zeit und Schichten verbinden Deep Time mit vielen anderen Ihrer Werke.

Ja. Ich denke insbesondere an The Triumph of Time und Earth Dances, und man könnte das neue Werk als letzte Tafel eines Triptychons betrachten, obwohl sie nicht in dieser Weise geplant wurden. The Triumph of Time ist eine Prozession, in der sich nichts verändert – das langsame Vergehen der Zeit ist der regulierende Faktor, wie in dem Holzschnitt von Bruegel, wo der Schritt des Elefanten die Dinge bestimmt. Earth Dances ist anders, weil es gänzlich linear ist und es keine Gleichzeitigkeit gibt; die Musik nimmt die Gestalt ineinander übergehender Material- und Aktions-Ebenen an. In Deep Time ist es, als würden diese Schichten ins Chaos zersprengt.

Wie bringen Sie Ordnung ins Chaos?

Das ist meine Herausforderung als Komponist. In der Musik kann oder will man nicht diese Art von Diskontinuität erreichen, da jedes Werk vom Hörer in Realzeit erfasst werden muss. Formale Logik tritt entweder zutage, weil Dinge unvermeidlich auf andere Dinge folgen, oder wird vom Komponisten angeordnet, um einen bestimmten Weg durch das Material zu schaffen. Man denke an Strawinskys Symphonies d’instruments à vent – der Komponist mag die Noten in kleine Zettel zerschnitten und durcheinander gemischt haben, doch für meine Ohren hört man eine klare Kontinuität.

Also formen Sie die endgültige Gestalt des Materials?

Es ist näher an der Arbeit eines Schnitzers als eines Modelleurs. Ich schneide üblicherweise eher Material weg, als dass ich etwas zueinander füge. Deep Time soll am Ende ein Werk von 20 Minuten sein, aber das Ausgangsmaterial, mit dem ich arbeite, ist in gewisser Weise endlos. Also wähle, stutze, ordne ich und lege frei: Ausgangspunkte, Ankünfte und Echos früherer Ereignisse.

Haben Sie einen Gesamtplan für die Gestalt des neuen Stücks?

Nicht im üblichen Sinn. Die wahrnehmbare Struktur über den Zeitverlauf hin wird nicht durch harmonische Abfolge oder durch Tonalität wie in traditioneller Musik bestimmt. Aber es gibt repetitive Aspekte und Ostinato-Abschnitte, die wiedererkennbare Muster schaffen, sowohl, was die langsame Tiefenschicht im Hintergrund betrifft, als auch die Details im Vordergrund. Oft gibt es auch ein Kontinuum, das die Dinge stützt – es kommt und geht, so dass man es nicht die ganze Zeit über hören kann.

Hat Deep Time eine bestimmte Färbung?

Das Orchester ist ziemlich standardmäßig besetzt, mit ein wenig Betonung auf den von mir bevorzugten dunklen Farben, mit zwei Tubas und doppelten tiefen Holzbläsern, dazu zwei Harfen und vier Schlagzeuger. Der Fremdkörper ist das Sopransaxophon, das ich auch in The Triumph of Time verwendet habe. Auch wenn es mitten im Orchester sitzt, finde ich nie, dass es sich bequem in den Gesamtklang mischt, also habe ich ihm erlaubt, eine besondere Einzelstimme zu bleiben.

Daniel Barenboim dirigiert diesen Sommer die erste Aufführung.

Ja, er hat 1988 Exody und 2000 The Last Supper uraufgeführt und The Triumph of Time dirigiert – ich bin erfreut, dass er den Enthusiasmus besitzt, sich erneut eines Stücks von mir anzunehmen. Dennoch habe ich mich entschieden, die Komposition Peter Maxwell Davies zu widmen. Sein Tod im vergangenen Jahr bedeutete, dass Momente unserer Freundschaft unvollendet bleiben mussten, aber Max und ich teilten einiges: die gemeinsame Erkundung zeitgenössisch-avantgardistischer und mittelalterlicher Musik als Studenten in Manchester und danach, und denselben Sinn für Humor. Vom Zeitlichen betrachtet: Wir wurden im selben Jahr geboren.

HARRISON BIRTWISTLE
Deep Time
(2016) 20 Min.
für Orchester
Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden Berlin und von BBC Radio 3

05.06.2017 (Uraufführung)
Philharmonie, Berlin
06.06.2017
Konzerthaus, Berlin
Staatskapelle Berlin / Daniel Barenboim


> Further information on Performance: Deep Time
> Further information on Work: Deep Time

(Photo ©: Hanya Chlala / Arena PAL)

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