Nachrichten zu den Komponisten bei Boosey & Hawkes
KOMPONIST IM PORTRÄT
Kalitzke, JohannesWind Stille Zeit (2001) 26'
for choir, wind ensemble and electronics

Orchesterbesetzung
double choir (each SSAATTBB; TI,II,BI,II soli also megaphone); hn, 2tpt, trb, tuba, timp, perc, electronics.
Abkürzungsverzeichnis (PDF).

Vertriebsgebiet
Dieses Werk ist erhältlich bei Boosey & Hawkes für Aufführungen in der ganzen Welt.

World Premiere
12/2/2001
Funkhaus Wallrafplatz, Köln
WDR Rundfunkchor / Schlagquartett Köln / musikFabrik / Manfred Schreier


Anmerkungen des Komponisten      English
I. Gefesselt
II. Atemlos
III. Umschlungen
IV. Die Mühle
V. Verklingt

Wir haben uns lehren lassen, nichts für das zu nehmen, was es zu sein vorgibt; die Mystiker einerseits sehen hinter der äußerlichen Welt eine Welt der ausgleichenden Ordnungen, der Skeptiker andererseits fühlt sich von etwas Verborgenem getäuscht. In der mikroelektronischen Welt unserer Tage ist die zweite Wirklichkeit ein gemachtes, käufliches Produkt – wenn auch nicht zufällig mit genau den gleichen Eigenschaften. Nur ist sie eben virtuell, das heißt auf Befehl eliminierbar. Man fällt der Täuschung der Umkehrbarkeit von Zeitabläufen zum Opfer und glaubt sich damit der Verantwortung enthoben; das Prinzip „load new game“ aber ist eine optische Illusion, wenn man sich die Zeit räumlich vorstellt wenn man also denkt, sie rast, verfliegt, oder stehe still. Die Zerstreuung der Zeit durch Virtualität aber führt zu einem erheblichen Selbstverlust; angesichts der Überbelichtung der Erlebniswelt durch ihre synthetischen Konkurrenten gerät das subjektive, bildhafte Empfinden von Zeit zunehmend in eine Verlustzone, die die innere Welt ihrer Träume beraubt. Die Wirklichkeit verkommt dagegen zum Desiderat des Unerfüllbaren, weil sie unumkehrbar, unheimlich geworden ist.

Lesen wir im Buch Kohelet, so erfahren wir einiges zum Thema Wirklichkeitsverlust. Gott ist reduziert auf einen Namen, den zu beschwören die Flüchtigkeit, der „Windhauch“ gebietet, sofern einer ihm zu entgehen trachtet. Der rettende Moment ist Erinnerung. Wo also die Erinnerung verschwindet, wird Wirklichkeit fiktional.

In die Schlußverse aus dem Buch Kohelet werden für dieses Stück Sonettverse von Petrarca und Celan integriert, Verse, die ihrerseits der Flüchtigkeit der Zeit zum Ausdruck der Sehnsucht und der Hoffnung verhelfen. Durch die spezielle Anordnung der ausgewählten Textfragmente, wie sie dem Werk zugrunde liegt, wird die Zielrichtung ihres Sinnzusammenhanges allerdings wieder verwischt, die Möglichkeiten einer eindeutigen Auflösung ihrer Liebesmotive in tröstliche oder angstvolle Aspekte heben sich ineinander auf Denn läßt man Flüchtigkeit nicht mehr an sich vorbeiziehen, sondern beginnt man damit, auf ihr „mitzureiten“, so verliert Erwartung ihre definierte Richtung, und alles Festgefügte rast vorbei. Kohelet, Petrarca – Zeitbilder, die vor dem virtuellen Horizont unscharf werden wie der Blick in einen Spiegel, in dem man sich nicht mehr erkennt.

Wenn Bilder zu kippen beginnen, dringt ein jähes Zeitmoment in ihre statische Sicherheit und macht sie – im doppelten Wortsinn – flüchtig. Dieses Moment der Doppeldeutigkeit und Unschärfe ist das Kompositionsprinzip des Stücks. Musikzitate der Renaissance oder auch orientalische Tonskalen (entsprechend dem Buch Kohelet und den Petrarca-Fragmenten) sind in den spektralen Zusammenhang eingewoben wie ein Gewürz, das die Bitterkeit der poetischen Farben zugleich mildert und verstärkt; auch die elektronisch generierten Klänge sind genuin zwitterhaft: sie beruhen ausschließlich auf sogenannten „Morphings“ – Kreuzungsprozessen, die zur Bildung spektraler Übergänge zwischen Instrumental- und Vokalklängen (also z.B. zwischen einer Trompete und einem Sopran) eingesetzt werden oder der Herstellung von „Hybriden“ dienen, doppelbelichtetete Klänge, die die Eigenschaften zweier Quellen (etwa Baßtimme und Glocke) physikalisch vereinen, um damit eine Art Brückenlandschaft zwischen den verwendeten Live-Klängen zu bauen. Zwischen dem Chor und dem Ensemble entsteht also ein drittes Medium, eine androgyne Landschaft fiktiver Stimmen und Instrumente.

In der Struktur des Stücks setzt sich dieses Verfahren fort; es ist komponiert im Sinn von Doppelbelichtungen bzw. Verwacklungen: Sequenzen, die sich in wechselnder Geschwindigkeit mit sich selbst überlagern, Zeitbilder mit verschieden großem Rand sozusagen, oder in der Form, wo ganze Teile, Melodien und Rhythmen durch ihre zunehmende Dehnung instabil werden. Am Ende liest ein Kind den Text, der im Hintergrund einer plötzlichen „Klangblendung“, einer extremen Tempoverlangsamung des Tutti-Mittelteils, sich in Windeseile in die Stimme einer alten Frau verwandelt und wiederkehrt: ein Moment der zugleich angehaltenen und beschleunigten Zeit. Das Auseinanderdriften der musikalischen Maße steht für eine subkutane Erosion von Erinnerung, ins grelle Licht gestellt.

Der Titel ist weniger programmatisch zu verstehen als im Sinne einer sich ausdehnenden Gesamtbewegung des musikalischen Verlaufs. Die Zeit wird „windstill“. Dennoch bleibt ein Fenster, in dem Liebende sich erkennen.

© Johannes Kalitzke




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