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KOMPONIST IM PORTRÄT
Neuwirth, Olga... ce qui arrive... (2004) 55'
for voice, video, tape and ensemble

Music Text      English
Text und Stimme: Paul Auster; Songtext: Andrew Patner, Georgette Dee (engl.); Video und virtueller Raum: Dominique Gonzales-Foerster

Orchesterbesetzung
Group I: ssax.tsax.bn-hn.tpt(=picctpt).tbn-perc(1):cym(med)/SD/2crot/glass/tam-t(med)/gong/timp(C)/cowbell/tgl/1tom-t(lg)/1claves-vln; Group II: fl(=picc).ob.cl(=bcl)-elec.gtr-elec.pft-vla.vlc.db (ob and hn doubling children's tpt and mouth org); live-electronics.
Abkürzungsverzeichnis (PDF).

Vertriebsgebiet
Dieses Werk ist erhältlich bei Boosey & Hawkes für Aufführungen in der ganzen Welt.


For full details on this stagework, including synopsis and roles, please visit our Opera section.


World Premiere
10/21/2004
Helmut-List-Halle, Graz
Georgette Dee, special appearance / Ensemble Modern / Franck Ollu


Über das Werk  
„Kaum fange ich an zu arbeiten,
klingelt das Telefon.“
John Cage, 1954

Niemand kann voraussagen, was gleich passieren wird. Natürlich schüren Erfahrungen Erwartungen und Erwartungen lehren Wahrscheinlichkeiten. Jeden Montag um acht, sofern kein Feiertag, meldet sich die Müllabfuhr an der Wechselsprechanlage, damit ihr die Haustür aufgemacht wird. Es hat aber auch schon stille Montagmorgen gegeben. So ganz genau weiß man eben nie, was gleich kommen wird. Ob ein Vogel im Hinterhof zu zwitschern beginnt oder ob ein Auto durch die ansonsten ruhige Straße übers Kopfsteinpflaster rumpelt oder ob plötzliche Windböen die Blätter der Kastanien rauschen lassen oder ob man am noch so entfernten Urlaubsort plötzlich einen Bekannten trifft oder ob das Handy bimmelt, während ich gerade einen Disput mit einem Beamten des Berliner Hauptzollamtes führe über die angefallenen Lagerungsgebühren eines nicht fristgerecht abgeholten Pakets aus der Schweiz, von dem ich gar nicht wußte, das mich eines erreichen soll. Das aber zu wissen, sei, so der Beamte, meine Aufgabe, auch wenn ich nicht – und so war’s – längere Zeit zu Hause gewesen sei. Das Unerwartete, der postalische Zufall wurde dann gegen einige wenige Euro ausgehändigt – übrigens an jeden, der diese bezahlt und natürlich zuvor den betreffenden Benachrichtigungsschein vorlegt. Denn Ausweisen muß man sich hier nicht; der einfach in den Briefkasten geworfene Schein bürgt für die richtige Identität des Abholenden. Da könnte der Zufall auch anders mitspielen; es hätte ja – das war’s nicht – was Wichtiges sein können. Wer kann schon voraussagen, ob die tatsächlich abgeschickte Post auch wirklich bei dem ankommt, an den sie adressiert ist; manche, ich ebenso, warten bis heute...

„Alltag ist nichts anderes als Zufall“ sagt Olga Neuwirth in einem Gespräch mit dem Ensemble Modern (Spätsommer 2004) über ihre Raumkomposition „... ce qui arrive...“ gesagt, die am 21. Oktober 2004 beim Musikprotokoll innerhalb des Festival „steirischer herbst“ in Graz uraufgeführt worden ist und am 1. November 2004 in der Kölner Philharmonie ihre Deutsche Erstaufführung erlebt hat. Der Zufall, die Unsicherheit über die Ereignisse im ganz normalen Leben, das meist unvorhersehbar Gute wie Schlechte, das Plötzliche, die daraus erwachsenen Chancen, Konsequenzen und/oder Interaktionen sind auch der Inhalt, um den es in „... ce qui arrive...“ („das, was kommt/passiert“) geht. Und das auf mehreren gleichberechtigt miteinander verwobenen Ebenen: Musik – Sprache – Film – Raum.

Olga Neuwirth kontaktiert, nachdem sie von der European Concert Hall Organization (ECHO) im Jahr 2002 den Auftrag für ein Musik/Videowerk erhalten hat, die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster (*1965), weil sie gerade deren „Umgang mit Erinnerungen und Raum, die Art wie sie Raum gestaltet“ besonders schätzt. Die in Paris lebende Künstlerin, die 1998 in Krefeld die Rauminstallation Nos Années 70 gezeigt hat, sagt zu, und das gemeinsame Projekt „... ce qui arrive...“ beginnt. Zu ihrer Krefelder Arbeit Unsere siebziger Jahre, die autobiographisch geprägt ist, hat Gonzalez-Foerster damals bemerkt: „Wohnräume, Zimmer und Häuser scheinen Zwischenräume zu sein, so etwas wie Schnittstellen, transitorische Orte zwischen unserem inneren, ‘geistigen’ Raum – dem, was wir als unser Ich fühlen – und dem Draußen-Draußen, außerhalb des Körpers und außerhalb des Hauses. Deswegen scheint die Beziehung zu Kunstwerden in Wohnräumen so wichtig zu sein, die Art wie Räume die Geschichten, Obsessionen und Wünsche von Leuten, ihre Beziehungen zu Gegenständen, Bildern, dem täglichen Leben reflektieren. Räume enthalten mitunter halb ‘unbewußte’ Ausstellungen des Selbst.“

Eine Musik-Sprach-Klang-Bewegtbild-Ausstellung des Selbst, des identitätssuchenden Künstlers, der womöglich extremer und diffuser als andere zwischen Innen- und Außenwelt zu agieren hat, ist eine weitere inhaltliche Ebene von „... ce qui arrive...“ Das Meer, vielfacher Topos der Utopie, dem „Nirgendsland“, spielt in der Filmschicht eine tragende Rolle; der Meeresstrand, an dem die Protagonistin des Stückes, Georgette Dee, im Film von der Suche nach Liebe singt und tanzt, bildet eine Folie des Übergangs in etwas Anderes, zum gehofft Besseren, Schöneren, von dem niemand sagen kann, ob und wenn ja, wann es den einzelnen von uns ereilt. „Das Meer“, so Thomas Mann in Lübeck als geistige Lebensform, „ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit, des Nichts und des Todes, ein metaphysischer Traum.“

Traumwelten, Wünsche, Zufälle sind in der „Szenischen Momentaufnahme“ – so der Untertitel von „... ce qui arrive...“ – allgegenwärtig: In den drei Songs, die Olga Neuwirth auf Texte von Andrew Patner für Georgette Dee komponiert hat und die diese bei deren Vorproduktion um eigene Reaktionen ergänzt hat. Die über Lautsprecher eingespielten Lieder, die an Songs von Kurt Weill erinnern und wohl auch erinnern sollen, wirken in der klanglichen Gesamttextur des gut einstündigen Werkes wie plötzliche Erinnerungen, wie Fremdkörper aus alten Zeiten, als würden sie – so die Komponistin – „vom Wind zu uns geweht“. Es sind auch die einzigen Musikpassagen, des Films, die zudem leicht zeitversetzt zum Bild erklingen. In einem Gespräch mit dem Essener Musikwissenschaftler Stefan Drees, einem genauen Kenner ihrer Musik, berichtet Neuwirth: „Im zeitlichen Ablauf des Videos waren es diese drei Song-Abschnitte, in denen Musik und Bild miteinander korrespondieren mußten, während die übrige Dauer freistand. Dominique Gonzalez-Foerster und ich haben das ausführlich miteinander besprochen: Wie kann man jemanden, der die drei Songs singt, in das Video integrieren? Das Video sollte ja weitläufig doch auch einen Zusammenhang mit den Texten haben, und zwar in dem Sinn, daß man erkennen könnte: Ein Mensch sehnt sich nach Liebe, muß ums alltägliche Überleben kämpfen, ist dem Zufall ausgesetzt und sucht nach seiner Identität – wie in unserem Fall z.B. ein eigenwilliger Künstler: ‘Some type, some sing, some dance just to keep themselves alive’ – das ist zum Beispiel eine Textzeile. Es heißt aber auch: ‘The world will spin on, no matter what we do’ – in dem Sinne, daß – zynisch betrachtet – alles egal ist, womit man sich beschäftigt und abmüht, da Politiker bzw. Machtmenschen ohnehin auf Biegen und Brechen machen, was sie wollen, da sie u.a. auch Angst vorm Selbstdenken, Andersdenken haben, weil ihr Denken meist nie unerklärlich, sondern ermüdend offensichtlich ist – und die Welt dreht sich sowieso immer weiter. Daher soll man sich selbst nicht so wichtig nehmen und den Zufall auch als das Unwägbare nicht um jeden Preis ausschließen oder jede Situation mit Vernunft lösen wollen, denn dadurch beraubt man sich vieler Chancen. Da diese Texte von Georgette Dee vorgetragen werden, hatten wir die Idee, die Sängerin auch im Video auftreten zu lassen. Sie ist die ganze Zeit über im Bild, es war ihr aber meist freigestellt, was sie mit der Zeit anfängt. All das ist unabhängig von der Musik entstanden. Beim Komponieren bezog ich mich manchmal auf Dinge, die ich im Video sah, manchmal aber auch nicht. Das heißt: diesmal hatte ich die Freiheit, auf den visuellen Inhalt zu reagieren. Es stand mir also frei, ob ich reagieren wollte oder nicht.“

Direkte musikalische Reaktionen oder frei gestaltete Impulse – die Musik von „... ce qui arrive...“ ist ein in sich vibrierendes Netz, geprägt von Wind- wie Wasserassoziationen und -konkretionen. In dieser Textur werden die Kenner von Neuwirths Komponieren mannigfache Charakteristika ihrer Ecriture wiederfinden: Flirrendes, Geräuschhaftes, jähe Rasanzen, fein ausgehorchte Gesten, Verschiebungen, Deformationen, Schockmomente, Schnitte, Brüche und Wandlungen in Permanenz. Aber anders als in ihrem bisherigen Schreiben artikulieren sich diese Klanggestalten in „... ce qui arrive...“ nun recht leise, zurückhaltender, sanfter. Dazu bedient sich die Komponistin hier neben dem zweigeteilten Ensemble (Gruppe I, links von der Leinwand positioniert: Saxophon, Posaune, Horn, Fagott, Trompete, Violine und Schlagwerk; Gruppe II, rechts von der Leinwand positioniert: Flöte, Oboe, Klarinette, E-Piano, E-Gitarre, Viola, Violoncello und Kontrabaß) wie auch in vielen ihrer vorherigen Kompositionen zudem der (Live-) Elektronik, um das räumliche Konzept des Werkes in vielfachem Sinne klangplastisch zu realisieren, um andere als die eigentlichen Tonproduktionsorte im großformatigen Hörraum zu projizieren.

Überdies ist es die Stimme von Paul Auster, die vorab aufgenommen, via Lautsprecher übertragen wird – so, wie sie normal klingt, und in einer etwas verfremdeten Klanglichkeit. Beide Soundsphären wie überhaupt die Literatur des 1947 geborenen amerikanischen Schriftstellers, in der Zufall, Episoden des Unwägbaren sowie des Künstlers Identitätssuche und sein steter Existenzkampf die zentralen Sujets bilden, grundieren „... ce qui arrive...“ auf ganz entscheidende Weise. Aus seinen beiden Büchern Hand to Mouth (1997) und The Red Notebook (1995) hat Olga Neuwirth in einer frühen Arbeitsphase verschiedene Fragmente ausgewählt und sie dann von ihrem Urheber auf Band sprechen lassen. Während sie die Passagen aus Hand to Mouth dann so belassen hat wie sie sind, wurden diejenigen aus The Red Notebook noch elektronisch bearbeitet: „Die Texte aus The Red Notebook stellen eher ein Hörspiel dar. Hier spricht Auster in einen ‘string resonator’ – so daß ein Teil des Textes wie in einem riesigen, weiten Raum zu erklingen scheint. So entsteht der Eindruck eines ständigen Wechsels von inneren und äußeren Räumen.“

Das Konzept des Hörspiels mit seinen imaginativen Räumen, seinen akustischen Simulationsmöglichkeiten irrealer Hörzustände, seinem Potential, alles, was Schall ist, verwenden zu können, ohne narrativ sein zu müssen, aber, so gewollt, dennoch eine Story oder nur Partikel einer Geschichte zu erzählen, ist ein weiterer Aspekt von Neuwirths Komposition „... ce qui arrive...“, einer, auch was die Produktion selbst betrifft, vielfach schillernden und in ihren nicht mehr voneinander zu trennenden Facetten ausgeklügelte Gemeinschaftsarbeit. Deren Titel hat die Komposition und Ideenstifterin des Projekts allerdings eher zufällig gefunden: „Zuerst wollte ich die Komposition ‘Chronicles’ nennen, doch das hätte zu sehr den Charakter einer Dokumentation suggeriert. Es handelt sich ja eigentlich nicht um eine Chronik, denn es geht darum, daß man nicht weiß – nicht wissen kann –, was im Leben im nächsten Moment eintreten wird. Eine Bekannte aus Triest hat mir einige Zeit später zufälligerweise den Katalog zu jener Ausstellung gezeigt, die der Philosoph Paul Virilio zur Katastrophe organisiert hat, die hieß ‘Ce qui arrive’. Dieser Titel war dann für mich insofern schlüssiger, als er ‘das, was kommt’, also das Unvorhersehbare und Zufällige, um das es auch in Paul Austers Red Notebook-Texten geht, viel treffender bezeichnet. Darum habe ich die ursprüngliche Titelidee geändert.“

Eine geglückte Titelwahl, allein schon für die nun einsetzende Rezeption von „... ce qui arrive...“ Denn daß etwas kommt und daß etwas passieren wird, so unvorhersehbar es im einzelnen auch ist, steht fest.

© 2004 by Stefan Fricke – Der Text wurde zuerst im Programmheft anläßlich der Deutschen Erstaufführung von „... ce qui arrive...“ in der Kölner Philharmonie am 01.11.2004 veröffentlicht.

Pressestimmen      English
“Seltsam, daß diese Musik so tröstlich und versöhnlich ist. Dabei wollte sie doch von den Katastrophen erzählen, die durch die Zufälle des Lebens möglich werden. Aber diese Musik glaubt offenbar nicht an Zufälle. Vielmehr predigt sie in ihrer Vitalität einen geradezu vor Glauben strotzenden Determinismus. Alles was geschieht, scheint sie zu sagen, wird mich ermöglichen. Und je unvorhersehbarer, abstruser, unglaublicher die Geschehnisse sind, umso größer werde ich sein, strahlender, überwältigender... Die Musik kommt aus Urtiefen heraus, jubiliert, klagt, weint, schluchzt, häutet und windet sich, übertreibt ihre Lebensfreude und versandet dann wieder im Katzenjammer. Die Komponistin, ganz anders als Auster, blickt hinter die Geschichten. Während sich der Autor als Geisel der Zufälle erfährt, sieht Neuwirth, die Visionärin, in den Zufällen das Prinzip Leben, das, unendlich in seinem Einfallsreichtum sprudelnd, stets neue Überlegungen, Möglichkeiten, Katastrophen, Lüste, Paradiese und Einfälle aufwirft. Neuwirth lebt vergnügt und übermütig in dieser Quelle allen Lebens, Auster dagegen blickt, ganz New-York-Mensch, fassungslos auf dieses manische und wenig um menschliche Bedürfnisse sich bekümmernde Schauspiel... Aber diesem Gegenüber, diesem Misstrauen eines Kulturmenschen gegen die nie stillstehenden Kräfte der Natur, dagegen erhebt Olga Neuwirths Musik beständig Einspruch. Sie will sich nicht einengen lassen durch die Sicherheiten einer verwalteten Kunst-Kultur, sie möchte frei bleiben und frech - ganz egal, was auch passiert.” (Reinhard J. Brembeck, Süddeutsche Zeitung, 23./24.10.2004)

“Georgette Dee... wirkt wie eine Ikone der Sehnsucht, die Leib und Seele gewordene Erwartung. Olga Neuwirth komponierte für sie drei, auch handwerklich perfekte Songs im Geiste Kurt Weills. Was sonst ertönt, ist ein Sirren und Klirren, als schöben sich Eisschollen übereinander - eine zarte, harte Clustersymphonie mit einzelnen Melodieblüten. Wenn Publikum bereit ist, Resonanzkörper zu sein, kann es hier Existentielles erfahren: in den Kunstbezirk transponiertes Leben zwischen Glück und Katastrophe, Hoffnung und Verzweiflung.” (Ulrich Weinzierl, Die Welt, 04.11.2004)




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