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KOMPONIST IM PORTRÄT
Britten, BenjaminViolin Concerto op. 15 (1939, rev.1954/65) 31'
for violin and orchestra

Orchesterbesetzung
3(II,III=picc).2(II=corA).2.2-4.3.3.1-timp.perc(2):glsp/cyms/tgl/BD/SD/TD-harp-strings.
Abkürzungsverzeichnis (PDF).

Vertriebsgebiet
Dieses Werk ist erhältlich bei Boosey & Hawkes für Aufführungen in der ganzen Welt.

Über das Werk  
Mit dem dumpfen Pochen der Pauke beginnt Brittens Violinkonzert: ein eigenartig hüpfendes, vorwärtsdrängendes Motiv, das gleich in das Fagott hinüberwandert. Nach wenigen Takten erhebt sich darüber ein lyrischer Gesang der Solovioline – doch das Pochmotiv bohrt unablässig wie ein Stachel im Fleisch weiter. Der dramatische zeitgeschichtliche Hintergrund des Konzerts prägte seinen Ausdruck zumindest unter der Oberfläche. Britten begann das Stück Ende 1938, als sich der Horizont über Europa angesichts der faschistischen Bedrohung immer mehr verdüsterte. Seine Zukunft sah der 25-jährige Britten in Amerika: Gemeinsam mit dem Tenor Peter Pears emigrierte er im April 1939 nach New York, die Partitur des Violinkonzerts im Gepäck. Zwar begann auf dieser Reise die lebenslange Liebesbeziehung zwischen Britten und Pears, doch Wurzeln schlug der junge Komponist dennoch nicht in den USA. Zunächst stürzte sich Britten in das quirlige Leben der amerikanischen Metropole, versuchte sich im Bohème-und WG-Leben an der Seite seines Dichterfreundes W.H. Auden, der ihn schon daheim in England in seinem Pazifismus stark geprägt hatte. Britten hasste Gewalt und er fürchtete den drohenden Krieg. Doch der Versuch, beidem in den USA zu entkommen, war zum Scheitern verurteilt. Nach kurzer Zeit erkannte er, dass seine kulturelle Heimat unwiderruflich in Europa lag. Unmittelbar nach dem Kriegseintritt der USA 1942 schiffte er sich mit Pears wieder zurück nach England ein, wo sich beide zunächst vor dem Tribunal für Kriegsdienstverweigerer zu verantworten hatten.

Noch in der Neuen Welt hatte Britten das Violinkonzert fertiggestellt: am 29. September 1939, kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen. Man müsse sich in diesen Zeiten in die Arbeit vergraben, schrieb Britten an einen Freund, "Menschen müssen an etwas anderes denken als sich gegenseitig in die Luft zu jagen." Obwohl es keinen direkten Kommentar von Britten über den außermusikalischen Gehalt seines Violinkonzerts gibt, scheint es doch, als spiegele die Sprache des Werks die Unsicherheit und Suche nach Orientierung in einer Zeit zerfallender Werte wider. Und auch dieses Frühwerk des Sechsundzwanzigjährigen bewegt sich bereits zwischen den Polen einer sanften Melancholie einerseits und einer fast tänzerischen Virtuosität andererseits, wie sie für seine Musik charakteristisch werden sollte.

Das pochende Quartmotiv der Pauken zieht sich als leise drohender Untergrund durch den ganzen ersten Satz. Der Solist der Uraufführung, der Katalane Antonio Brosa, fand hier den Einfluss spanischer Rhythmen wieder – was allerdings weniger als Hommage an die Heimat des Geigers zu verstehen ist denn als Nachklang der Erschütterung durch den spanischen Bürgerkrieg, in dem 1936 so viele europäische Intellektuelle, darunter auch Britten, Partei für die antifaschistische Seite genommen hatten. Das zarte elegische Thema der Violine wird hinweggefegt durch das zweite Thema des Orchesters: Militärisch schneidig, voll bitterer Ironie, kämpft es gegen die lyrische Innerlichkeit des Solisten an, der doch mit ätherischen Flageoletts das letzte Wort behält.

Der zweite Satz wirkt wie ein gespenstisch-grotesker Totentanz. Das dämonische Perpetuum mobile knüpft an ähnliche Ausdruckssphären bei Mahler oder Schostakowitsch an, die Britten beide sehr verehrte. Auch in den Extremen der Instrumentation vom dumpfen Tubasolo bis zu schrillen Piccoflöten klingen diese Vorbilder an. In der wilden Jagd behauptet sich die Violine aber auch immer mit lyrischen Qualitäten. Schließlich stimmt der Solist eine lange virtuose Kadenz an, in der sich das unerbittliche Pochmotiv aus dem ersten Satz einschleicht.

Aus diesem Würgegriff scheint es kein Entkommen zu geben, doch plötzlich bietet die Posaune einen stabilen, sicheren Untergrund an – ein majestätisch ruhiges Thema flankiert die Sphärenflüge der Violine und entpuppt sich als Linie einer Passacaglia, die von der Posaune aus durch das Orchester getragen wird. Es scheint, als suche Britten Halt in einer der ältesten und strengsten Formen der europäischen Musik: in der Passacaglia entfaltet sich das melodische Geschehen über einem unveränderlichen Bassgerüst. Auch im Finale des Violinkonzerts legen sich verschiedene Charaktervariationen über den stabilen Bass. Zu ersten Mal griff Britten hier auf die Form der Passacaglia zurück, die er später auch in seine bahnbrechende Oper "Peter Grimes" einbaute. Ordnung und Struktur angesichts einer im Krieg zerfallenden Welt – diese Sehnsucht des jungen Britten spricht vielleicht aus dem Gebrauch des uralten musikalischen Gerüsts, das als "Ground" gerade in der Barockmusik Englands populär war. Nach kontrastierenden Stimmungen von tiefster Klage über graziöse, walzerartige Abschnitten bis zu militärischen Fanfaren und choralartigen Hymnen treibt das Orchester schließlich auf einen leise gebrochenen Trauermarsch zu. Die Violine aber verharrt in einem träumerischen Schwebezustand voller beseelter Innigkeit. Im offenen Schlussakkord wird weder Dur noch Moll bestätigt – und die letzten nachsinnenden Takte entscheiden sich weder für ein apokalpytisches Katastrophenszenario noch für harfenumglänzten Trost. Die Frage nach der Zukunft wird aufgeworfen, aber nicht beantwortet.

Uraufgeführt wurde das Violinkonzert im März 1940 in der New Yorker Carnegie Hall unter John Barbirolli. Antonio Brosa, ein Freund von Brittens Lehrer Frank Bridge, glänzte mit dem überaus anspruchsvollen Solopart. Und Britten nahm den stürmischen Beifall entgegen, mit scheuem, jungenhaften Auftreten, das ihn, wie ein New Yorker Kritiker bemerkte, kaum als Komponist eines so eindrucksvollen Werks auswies.
Kerstin Schüssler-Bach

Rezeption      English




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