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KOMPONIST IM PORTRÄT
Vaughan Williams, RalphSongs of Travel (1901-04) 23'
orchestrated by the composer (Nos.1,3,8) and Roy Douglas (Nos.2,4,5,6,7,9)

Music Text      English

Orchesterbesetzung
2(II=picc).2.2.2-4.2.0.0-timp.perc(1):tgl/SD-harp-strings .
Abkürzungsverzeichnis (PDF).

Vertriebsgebiet
Dieses Werk ist erhältlich bei Boosey & Hawkes für Aufführungen in der ganzen Welt.

Über das Werk  
Die "Songs of Travel" werden oft als britische "Winterreise" bezeichnet. Gemeinsam sind diesen beiden Liederzyklen von Ralph Vaughan Williams und von Franz Schubert die Themen Wandern, Trennung, Einsamkeit und Naturerleben. Unterschiedlich ist aber nicht allein der zeitliche Umfang – Schuberts Werk dauert mehr als doppelt so lang –, sondern vor allem die Stimmung. Dominieren bei Schubert Zorn, Verzweiflung und wütender Spott, so sind Vaughan Williams’ Wander- Lieder erfüllt von Stolz, Melancholie, Zärtlichkeit. Auch fehlt ihnen der zeitgenössische politisch-soziale Subtext, wie er sich für die "Winterreise" entschlüsseln lässt.

Vaughan Williams verfasste seine "Songs of Travel" kurz nach der Jahrhundertwende, mit Anfang dreißig. Sie gelten als sein erster gewichtiger Beitrag zur Gattung des Kunstliedes. Die Gedichte entnahm er der wenige Jahre zuvor erschienenen Sammlung gleichen Titels von Robert Louis Stevenson (1850 – 1894). Inhaltlich wird ein Verlauf von Liebe über Abschied zu Sterben angedeutet, jedoch ohne dass genauer eine Geschichte erzählt würde.

Im Zentrum stehen die Erinnerungen des Protagonisten und seine Empfindungen inmitten der Natur. Abschließend wird zwischen dem Wanderer und dem Künstler eine Parallele gezogen, zwischen beider Dasein und Dahinschwinden.

Aus dem zunächst mit Klavierbegleitung komponierten Zyklus wurden 1905 nur die Lieder Nr. 1, 8 und 3 (zusammen und in dieser Reihenfolge) veröffentlicht, und diese Trias orchestrierte Vaughan Williams dann selber. Vier weitere Lieder erschienen 1907 als separates Heft für Bariton und Klavier. Erst 1960, nach dem Tod des Komponisten, wurde die ursprünglich intendierte Werkgestalt mit allen neun Liedern wieder hergestellt. Die ‚fehlenden‘ Nummern wurden von Roy Douglas für Orchester nachbearbeitet. Douglas, der 2015 im erstaunlichen Alter von 107 Jahren starb, war neben seiner eigenen Tätigkeit als Komponist zugleich Assistent und, wie er selbst es nannte, "musikalische Hebamme" einer ganzen Reihe von Kollegen, darunter außer Vaughan Williams u. a. auch William Walton, John Ireland und Richard Addinsell.

So reizvoll die einzelnen Lieder jedes für sich sich – erst in der Gesamtdarbietung, so wie sie vom Komponisten ursprünglich konzipiert wurde, offenbart der Zyklus seine emotionale Tiefe, erst dann ergeben die eingearbeiteten musikalischen Reminiszenzen einen Sinn. So wird Nr. 4 "Youth and Love" durch die Wiederaufnahme der eröffnenden Fanfare mit Nr. 1 sowie, gleich darauf, durch ein Zitat des Melodiebeginns mit Nr. 3 verknüpft. Dieser Moment, ungefähr in der Mitte liegend, ist zugleich so etwas wie der dramatische Höhepunkt des ganzen Zyklus: ein ‚point of no return‘, wenn der Wanderer endgültig von der Geliebten Abschied nimmt mit dem Vers "Cries but a wayside word" ("Er weint ein Wort im Vorbeigehen"). Musikalische Motive des Vorausgegangenen erklingen abschließend noch einmal in der Nr. 9; dieses Lied, das die "Songs of Travel" aufs Schönste abrundet, wurde erst im Nachlass des Komponisten gefunden.
© Jens Luckwaldt




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