KOMPONIST IM PORTRÄT

Chick Corea

 b.12 June 1941, Chelsea, MassachusettsPhoto (c) Michael Grecco

Biographie


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Angesichts des atemberaubenden Umfangs seines auf Tonträger vorliegenden Schaffens der letzten 40 Jahre ist es keine Übertreibung, wenn man Chick Corea einen der produktivsten Komponisten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nennt. Ob Avantgarde, Bebop oder Kinderstücke, ob konventionelle Stile, kerniger Fusion oder auch ungestüme Ausflüge in klassische Musik – Chick Corea hat in seiner glänzenden Karriere eine erstaunliche Anzahl musikalischer Grundlagen aufgegriffen und sich dabei immer auf einem Niveau bewegt, das schlichtweg unheimlich ist. Mit seinem rastlosen Schaffensdrang erarbeitet er sich bzw. erschafft er neues Material für eine Reihe verschiedener Formationen, darunter seine dynamische Elektric Band und seine Flamenco-angehauchte Band Touchstone. Zu seinen neueren Projekten gehört auch ein Klavierkonzert, das am 1. Juli 2006 (kurz nach Coreas 65. Geburtstag) in Österreich im Rahmen des Mozartjahres seine Premiere erlebte.

Vierjährig begann Corea, geboren am 12. Juni 1941 in Chelsea/Massachusetts unter dem Namen Armando Anthony Corea, mit dem Klavierunterricht. Bereits früh prägten ihn Horace Silver und Bud Powell, während sein kompositorischer Drang von der Musik Beethovens und Mozarts inspiriert war. Interessanterweise trat Corea – was wenige wissen – bei seinem ersten professionellen Auftritt als Musiker an der Seite von Cab Calloway auf, bevor er sich den Latin-Bands von Mongo Santamaria und Willie Bobo anschloss (1962–63). Es folgten wichtige Phasen mit dem Trompeter Blue Mitchell (1964–66), dem Flötisten Herbie Mann und dem Saxophonisten Stan Getz, bevor 1966 sein Debütalbum als Bandleader, Tones for Joan’s Bones, herauskam (mit Woody Shaw/Trompete, Joe Farrell/Tenorsaxophon und Flöte, Steve Swallow/Bass und Joe Chambers/Schlagzeug). Während dieser für ihn prägenden Jahre nahm Corea auch Sessions mit Cal Tjader, Stan Getz, Donald Byrd und Dizzy Gillespie auf.

Nachdem er 1967 Sarah Vaughan begleitet hatte, ging Corea im März 1968 ins Studio, um mit dem Bassisten Miroslav Vitous und dem Schlagzeuger Roy Haynes Now He Sings, Now He Sobs aufzunehmen – ein Trioalbum, das heute als Klassiker des Jazz gilt. Im Frühjahr 1968 löste Chick Corea Herbie Hancock in der Band von Miles Davis ab. Im September desselben Jahres spielte er auf Davis’ wichtiger Platte Filles de Kilimanjaro ein Fender-Rhodes E-Piano; die Aufnahme markierte einen Wendpunkt – hier war ein frischer Wind im Jazz zu spüren. Zwischen 1968 und 1970 wirkte Corea auch auf solch bahnbrechenden Davis-Alben wie In a Silent Way, Bitches Brew, Live-Evil und Live at the Fillmore East mit. Auch in Davis’ mit elektrischen Instrumenten verstärktem Ensemble, das am 29. August 1970 beim Isle of Wight-Festival in England vor 600.000 Zuhörern auftrat, spielte Corea eine zentrale Rolle (den Auftritt kann man in Murray Lerners herausragender Dokumentation Miles Electric: A Different Kind of Blue erleben). Kurz nach diesem historischen Konzert verließen sowohl Chick Corea als auch Bassist Dave Holland Davis’ Gruppe, um gemeinsam das kooperative Avantgarde-Quartett Circle zu gründen, mit Barry Altschul am Schlagzeug und Anthony Braxton am Saxophon. Auch wenn die Formation nicht lange zusammenhielt, nahm Circle drei abenteuerlustige Platten auf, deren Höhepunkt das Live-Doppelalbum Paris-Concert war (aufgenommen am 21. Februar 1971 bei ECM). Danach schlug Corea wieder einen neuen Weg ein. Seine exzellenten Piano Improvisations, Vol. 1 and 2, in zwei Tagen im April 1971 bei ECM aufgenommen, waren das erste Signal für die steigende Popularität von Solo-Klavierimprovisationen.

Gegen Ende des Jahres 1971 bildete Corea seine erste Formation von Return To Forever mit Stanley Clarke am Akustikbass, Joe Farrell an Sopransaxophon und Flöte und Airto Moreira an Schlagzeug und Percussion; seine Frau Flora Purim agierte als Sängerin. Am 2. und 3. Februar 1972 nahmen sie das Album, das den Namen der Band als Titel trägt, bei ECM auf; darauf befand sich die bekannte Corea-Komposition „La Fiesta“. Im September desselben Jahres war Corea erneut mit Return To Forever im Studio, um Light As A Feather (Polydor) einzuspielen, eine mittlerweile klassische Aufnahme brasilianisch angehauchter Jazzstücke, darunter neue Versionen von „500 Miles High“ und „Captain Marvel“ neben Coreas bekanntester Komposition, „Spain“. Im November 1972 nahm er auch das erlesene Album Crystal Silence (ECM) auf, seine erste Duo-Scheibe, auf der er mit dem Vibraphonisten und Geistesverwandten Gary Burton zu hören ist.

Anfang 1973 begann Return To Forever seine Richtung zu ändern. Nachdem sich der E-Gitarrist Bill Connors und der zupackende Schlagzeuger Lenny White der Gruppe angeschlossen hatten, war die Gruppe gerüstet, um mit aller Kraft in die damals aufkommende Fusion-Bewegung einzusteigen. Ihr im August 1973 aufgenommenes Album Hymn of the Seventh Galaxy (Polydor) hob sie mit einem Schlag auf dieselbe Stufe wie andere stürmische Fusion-Bands aus der Zeit, etwa John McLaughlins Mahavishnu Orchestra, Larry Coryells Eleventh House und das von Joe Zawinul und Wayne Shorter angeführte „Schwergewicht“ Weather Report. Im Sommer 1974 wurde durch die Ablösung Connors’ durch den 19jährigen, mit dämonischem Irrwitz spielenden Gitarristen Al Di Meola endgültig die Transformation von Return To Forever zu einer echten, energiegeladenen Jazzrock-Konzertband vollzogen.

Kurz nachdem RTF auseinanderging, kamen Chick Corea und Herbie Hancock 1978 noch einmal zu einer Tournee zusammen, auf der sie Duos auf akustischen Klavieren spielten. Die Chemie, die sich zwischen ihnen entwickelte, ist auf zwei separaten Alben dokumentiert: Homecoming von 1978 (Polydor) und An Evening With Herbie Hancock and Chick Corea von 1980 (Columbia), einer Doppel-LP, auf der Coreas „La Fiesta“ und Hancocks „Maiden Voyage“ neben expressiven Versionen von Bela Bartoks „Mikrokosmos“ und dem Disney-Dauerbrenner „Someday My Prince Will Come“ zu hören sind.

Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre kehrte Corea mit Macht in den Fusion-Bereich zurück, diesmal mit seiner Elektric Band (Dave Weckl/Schlagzeug, Eric Marienthal/Saxophon, John Pattitucci/Bass, Frank Gambale/Gitarre). Die Darbietung der fünf kraftvollen Fusion-Stücke auf dem Label GRP gehörte zum Besten des Genres in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Als eine Art Gegenwicht zu seinen Ausflügen in elektrisch produzierte Musik gründete Corea seine Akoustic Band, ein interaktives Trio mit zwei Mitgliedern der Elektric Band, Pattitucci am Kontrabass und Weckl am Schlagzeug.

Im Jahr 1992 erreichte Corea sein lange angestrebtes Ziel, die Gründung seines eigenen Labels. Stretch Records machte es sich zum Programm, die Grenzen musikalischer Genres zu erweitern und mehr auf Frische und Kreativität statt auf die Musikrichtung zu setzen. Zu den frühesten Veröffentlichungen gehörten Projekte von Bob Berg, John Patitucci, Eddie Gomez und Robben Ford. Er selbst brachte 1997 auf seinem Label, das er gemeinsam mit seinem Manager Ron Moss gegründet hatte, das Album Remembering Bud Powell heraus, eine Partie mit Stars wie dem jungen, talentierten Saxophonisten Joshua Redman, dem Trompeter Wallace Roney, dem Altsaxophonisten Kenny Garrett und dem Bassisten Christian McBride, an deren Seite die Jazzschlagzeug-Legende Roy Haynes spielte (der noch Anfang der Sechziger neben Powell auf der Bühne gestanden hatte). Ebenfalls 1997 erschien eine Aufnahme Coreas mit dem St. Paul Chamber Orchestra unter Leitung von Bobby McFerrin. The Mozart Sessions (Sony Classical) war bereits ihr zweites gemeinsames Projekt, nach dem Grammy-gekrönten Duoalbum Play von 1991 (Blue Note).

Das neue Jahrtausend läutete Corea mit dem Corea Concerto (Sony Classical) ein, einer großen Begegnung mit dem London Philharmonic Orchestra; das Album enthielt ein neues symphonisches Arrangement von „Spain“ sowie die Uraufführung seines 1. Klavierkonzerts. Über dieses Mammutprojekt sagte er damals: „Für mein 1. Konzert habe ich fast genau die gleiche Instrumentierung wie Mozart in seinen Klavierkonzerten gewählt. Ich dachte mir, so könnte ich mein Konzert und eines von Mozart mit demselben Orchester spielen, und das wäre für den Anfang praktisch. Also habe ich mein Stück im Geist und Klang von Mozarts Klavierkonzerten geschrieben und dem Geist religiöser Freiheit gewidmet; diese steht für mich auf derselben Stufe wie die kreative Freiheit, die ein Grundrecht aller Menschen ist.“

2001 präsentierte Corea sein New Trio mit Jeff Ballard am Schlagzeug und Avishai Cohen auf dem Album Past, Present & Futures (Stretch). Am Ende des Jahres unternahm Corea eine ehrgeizige dreiwöchige Schaffensretrospektive im New Yorker Blue Note, aus der die Doppel-CD Rendezvous und ein Set mit 10 DVDs hervorgingen. Die DVDs dokumentieren fast achtzig Stunden Musik mit Origin, der Akoustic Band, dem New Trio, dem Trio von Now He Sings, Now He Sobs, der Remembering Bud Powell Band und der Three Quartets Band sowie Duos mit Bobby McFerrin, Gary Burton und Gonzalo Rubalcaba.

Im Jahr 2004 reaktivierte Corea seine hochkarätige Elektric Band für eine Tournee; die daraus entstandene Aufnahme basiert auf L. Ron Hubbards Science-fiction-Roman To The Stars. 2005 ließ er sich abermals von Hubbard inspirieren, als er dessen The Ultimate Adventure interpretierte. Diese neueste Produktion Coreas, eine exotische Mischung leidenschaftlicher Flamenco-Melodien, nordafrikanischer und orientalischer Rhythmen und abenteuerlustiger Improvisation, ist von Hubbards romantischem Roman inspiriert, der auf Szenen und Gestalten aus Tausendundeiner Nacht beruht. Diese schillernde World-Jazz-Suite zeigt Corea wieder an der Seite bedeutender Kollegen aus früheren Zeiten, darunter dem Flötisten Hubert Laws, dem brasilianischen Perkussionisten Airto Moriera und dem Schlagzeuger Steve Gadd.

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