KOMPONIST IM PORTRÄT

Frank Michael Beyer

 1928 - 2008Frank Michael Beyer © Stefan Moses

Porträt


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MUSIKALISCHE ARCHITEKTUR IN DIE ZEIT GESTELLT
Der Komponist Frank Michael Beyer
Von Habakuk Traber

Die Geschichte gewinnt Sinn durch den Horizont der Zukunft und Substanz durch die Vergangenheit, auf der sie ruht. In Frank Michael Beyers Kompositionen sind beide Dimensionen gegenwärtig; darin liegt ein Teil ihres spezifischen Zeitbewußtseins. Im weiten Universum der Musikhistorie gewannen für den Sohn eines Schriftstellers zwei Komponisten als „Fixsterne" besondere Bedeutung: Johann Sebastian Bach und Anton Webern. Bach blieb für Frank Michael Beyer Gegenstand immer frischer Neugierde und immer neuer Entdeckungen. Mit der Musik Anton Weberns wurde er während seiner Studienzeit in den frühen fünfziger Jahren vertraut. Er fand an beiden nicht nur Strenge des Denkens, sondern die Befreiung, die eine vollkommene Beherrschung kompositorischer Methoden für die musikalische Vor- und Darstellung bedeutet. In die feine Polyphonie, die Schichtungen und Gruppierungen des Chorwerks Et resurrexit ist auch die Betrachtung der alten vielstimmigen Werke eines Josquin oder eines Thomas Tallis mit eingegangen; die Erfahrung, wie aus einem immer engeren Geflecht der Stimmen im Verlauf der Zeit gleichsam ein atmender, intensiv bewegter Klang wird.

So zieht sich ein Zeit-Bogen, mehr oder weniger offenkundig, mehr oder weniger bestimmend, durch das gesamte Schaffen von Frank Michael Beyer. Eine Summa bildet die Fuga fiammata für Orchester, die im Juni 2001 vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks uraufgeführt wurde und am 24. Mai zum ersten Mal in der Heimatstadt des Komponisten unter Kent Nagano mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin erklang; ein Werk von transparenter, klarer Erscheinung, auch dort, wo sich die musikalischen Verläufe aufs äußerste verdichten; ein Wechsel von Klangbildern, die sich zu einer komplexen, in die Zeit gestellten musikalischen Architektur fügen. Generiert ist sie aus der Tonfolge, die „Johann Sebastian Bach im Schlußsatz seiner e-Moll-Partita thematisiert hat". Sie ist, wie Webernsche Reihen, aus einer Zelle von drei Tönen entwickelt und lenkt das musikalische Geschehen geheimnisvoll aus dem Hintergrund, tritt nur an markanten Positionen deutlich nach vorn. Das Modell des konzentrierten musikalischen Denkens in Variationen und Relationen ist hier auf die räumlich-musikalische Vorstellung hin erweitert.

Die Mythen und die Kunst der Antike, in denen die Musik ins Zentrum des Menschenlebens führt, sind in Werken wie dem Ballett Geburt des Tanzes, Griechenland für großes Orchester und dem Violinkonzert Musik der Frühe gegenwärtig: als gedankliche Tore einer ästhetischen Erfahrung, die aus den Bruchstücken des Hier und Jetzt ins Offene und zugleich Zusammenhängende des Zeit-Raums Geschichte weist. Wer mit Frank Michael Beyer über seine Werke spricht, wird einen großen Teil der Unterhaltung mit Arbeiten anderer Komponisten und deren Hintergründen zubringen – und gerade dadurch Wesentliches über Beyers eigenes Komponieren erfahren. Denn die musikalische Komposition ist für ihn Ausdruck einer geistigen Welt, die viele Quellen und Äußerungsformen kennt.

© Habakuk Traber, 2003 (gekürzte Fassung eines Artikels aus: GEMA Nachrichten 2003, Ausgabe 167, Juni 2003)


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