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KOMPONIST IM PORTRÄT

Simon Laks

 b.1 November 1901, Warszaw
d.11 December 1983, ParisSimon Laks Photo © André Laks

Biographie


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Simon Laks gehörte der Gruppe polnischer Komponisten an, die seit der Zeit zwischen den Weltkriegen in Paris lebten und einander in der Association des jeunes musiciens polonais (Vereinigung junger polnischer Musiker) verbunden waren. Er hat nie internationalen Ruhm erlangt, obwohl, nach den ersten Pariser Kritiken zu urteilen, seine Begabung hoch geschätzt wurde. Ein Teil des musikalischen Oeuvres von Simon Laks wurde im Krieg vernichtet; danach komponierte er wenig, und sein Stil, der sich unter dem Einfluss des musikalischen Neoklassizismus der Vorkriegsjahre herausgebildet hatte, erfuhr keine größeren Veränderungen. Der Komponist, der im Zentrum der internationalen Musikwelt lebte und unmittelbar auf ihre Ereignisse reagiert hatte, wandte sich in der Folge von der musikalischen Avantgarde, deren Zeitgenosse er war, ab. Sein Werk entwickelte sich unabhängig von den vorherrschenden stilistischen Wandlungen und stand in seiner ästhetischen Inspiration bis zum Ende der École de Paris (Pariser Schule) nahe, mit ihrer Achtung für das musikalische Handwerk und ihrer Anerkennung der autonomen Rechte der Musiker. Die individuellen Charakteristika zeigen sich zweifellos am klarsten im Lyrismus der Vokalkompositionen, die einen bedeutenden Teil seines musikalischen Schaffens ausmachen.

Simon Laks wurde in Warschau geboren. Nach Abschluss der Tadeusz-Czacki-Oberschule studierte er für zwei Jahre Mathematik an den Universitäten von Wilna und Warschau. 1921 trat er ins Warschauer Konservatorium ein, wo er bei Piotr Rytel Harmonielehre und bei Roman Statkowski Kontrapunkt studierte. Sein erstes Werk, das 1924 in der Warschauer Philharmonie zur Aufführung kam, war eine symphonische Dichtung, Farys (verschollen). Nachdem er 1926 Polen verlassen hatte, verbrachte er einige Monate in Wien, ehe er nach Paris übersiedelte, wo er 1927–29 sein Musikstudium am Conservatoire National unter der Anleitung von Pierre Vidal (Komposition) und Henri Rabaud (Orchesterleitung) fortsetzte. Er war eines der ersten Mitglieder der Ende 1926 in Paris gegründeten Association des jeunes musiciens polonais und versah dort organisatorische Aufgaben. 1928 erhielt er beim Kompositionswettbewerb der Vereinigung eine Auszeichnung für einen Blues symphonique (verschollen). Die Werke von Laks erschienen auf den Programmen der Pariser Konzerte, u.a. sein Bläserquintett, sein Streichquartett Nr.2 (beide verschollen) und seine Sonate für Violoncello und Klavier, deren Uraufführung Maurice Maréchal und Vlado Perlemuter zu Interpreten hatte. In Paris trat der Komponist in Verbindung mit Tadeusz Makowski; später sollte er die Erinnerung an diese Begegnungen in einem Text festhalten, der im Anhang von Wladislawa Jaworskas dem Maler gewidmeter Monographie erscheint. In den 1930er Jahren begann er eine künstlerische Zusammenarbeit mit der Sängerin Tola Korian. „Ich weiß nicht genau“, so schrieb er später, „wie viele Lieder ich für Tola geschrieben habe. Ich besitze einige in der Form von Manuskripten, andere sind entweder verloren gegangen oder haben niemals in Abschriften existiert.“ Es waren in erster Linie Lieder auf polnische und französische Texte, von denen viele von Tola Korian selbst stammten. Tola „hatte keine Hemmungen, sowohl inhaltlich als auch in musikalischer Hinsicht schwierige Lieder zu interpretieren, z.B. die religiös höchst erhabenen Evangiles des Bienheureux nach Balinski oder das erschütternde Melodram Mon Général nach Audiberti, wie gleichermaßen die unbeschwerte Valse oder Dédé le rêveur nach Tuwim, um sich ohne Vorbereitung hinterher in den makaberen Héritier nach Gaston Couté zu stürzen.“ Wie der Komponist schrieb, verlieh der Darbietungsstil Tola Korians, ihre „Mimik, ihre Gestik sowie etwas anderes, ungreifbares“ dem Werk seinen wahrhaftigen Ausdruck; weitere Lieder entstanden aus der Beobachtung ihrer Art der Interpretation heraus.

1941 wurde Simon Laks von den Behörden der deutschen Besatzer festgenommen und im frazösischen Lager Pithiviers nahe Orléans interniert. Im Juli 1942 wurde er nach Auschwitz-Birkenau deportiert; er überlebte dort mehr als zwei Jahre. Am 28. Oktober 1944 wurde er ins Lager Dachau überführt, das am 29. April 1945 von den amerikanischen Truppen befreit werden sollte. Am 18. Mai kehrte er nach Paris zurück. Die Geschichte seiner Deportation und seines Überlebens in Auschwitz, wo er Mitglied und später Leiter des Orchesters war, hat er in Musique d’un autre monde erzählt (in Zusammenarbeit mit René Coudy verfasst, Paris 1948) sowie in der überarbeiteten polnischen Fassung des Buches, Gry oswiecimskie  (London 1979, 2. Auflage 1998; vom Polnischen ins Englische übersetzt von Chester A. Kisiel unter dem Titel Music of another world, Northwestern University Press, Evanston, Ill. 1989. Eine französische Fassung erschien im September 1991 bei den Editions du Cerf, der polnischen Ausgabe von 1979 entsprechend unter dem Titel Jeux Auschwitziens, mit einem Vorwort von Pierre Vidal-Naquet; eine Neuauflage der französischen Fassung erschien 2005 unter dem Titel Mélodies d'Auschwitz. Deutsche Übersetzung Musik in Auschwitz, Droste Verlag, 1998; durchgesehene und erweiterte Neuausgabe mit Nachworten von André Laks und Frank Harders-Wuthenow, Boosey & Hawkes, 2014).

Nach dem Krieg ließ sich Simon Laks erneut in Paris nieder, von wo er allerdings einen beständigen Kontakt mit Polen unterhielt, vor allem in den ersten Nachkriegsjahren. 1949 wurde seine Ballade für Klavier mit dem 2. Kompositionspreis beim Chopin-Wettbwerb ausgezeichnet. Im selben Jahr, erhielt er den 3. Preis beim Wettbewerb für Vokalkompositionen auf Texte von Adam Mickiewicz für das Lied De pures larmes me sont coulées... Aus der Zeit nach dem Krieg datieren die folgenden Instrumental- und Vokalwerke (Auswahl):

Huit chants populaires juifs (1947)
Poème für Violine und Orchester (1954)
Elégie pour les villages juifs (1961)
Streichquartette Nr.4 (1962, Grand Prix de la Reine Elisabeth 1965) und Nr.5 (1963)
Concerto da Camera für Klavier und 9 Blasinstrumente (1963, Großer Preis beim Wettbewerb von Divonne les Bains 1964)
Symphonie für Streicher (1964)
Concertino für Trio d’anches (1965)
Divertimento für Flöte, Violine, Violoncello und Klavier (1966)

Man findet im Schaffen von Laks viele Gemeinsamkeiten mit der Musik anderer Komponisten des Pariser Kreises, insbesondere Michael Spisak und Antonin Szalowski. Die charakteristischen Züge des Neoklassizismus prägen sich bei Simon Laks in der Verwendung barocker und klassischer Gattungstypen aus, in denen die traditionellen Prinzipien formaler Konstruktion und des Instrumentalsatzes sich mit den Mitteln der tonalen Harmonik verbinden.

Laks’ Instrumentalwerke sind durch eine technische Perfektion gekennzeichnet, wie sie für die École de Paris typisch ist, mit Formkonstruktion, einem Sinn für Proportionen, einer meisterhaften polyphonen Technik, rhythmischer Reinheit und einem schlichten und äußerst klaren Satz. Zyklische Formen (Sonate, Suite) dominieren, meist auf eine kammermusikalische Besetzung zugeschnitten. Auch typisch polnische Elemente fehlen hier nicht, wie in der Suite polonaise für Violine und Klavier (1935) oder im Streichquartett Nr.3, nicht zu reden von den zahlreichen Volksliedbearbeitungen für Chor (Echos de Pologne) und für Odeon-Orchester (Orchestrion) (De chaumière en chaumière).

In seinen zahlreichen Liedern, von denen viele zum ersten Mal bei Boosey & Hawkes im Druck erscheinen, gelingt Laks die Verschmelzung verschiedener Einflusssphären. Zweifellos haben sie ihre Wurzeln in der Tradition des romantischen Kunstliedes sowie in der polnischen Vokalmusik, aber sie tragen auch deutlich das Kennzeichen des französischen Stils der Zeit zwischen den Weltkriegen. Man kann sie beispielsweise mit den Liedern Poulencs vergleichen, obwohl sie sich manchmal auch denen Kurt Weills nähern. Das Prinzip der „Gebrauchsmusik“ war dem Komponisten mit Sicherheit nicht fremd, und man kann in mehr als einem Fall seine Vokalwerke auf der Grenze zwischen den Gattungen des elaborierten Kunstliedes und des volkstümlichen oder popularmusikalischen Liedes ansiedeln. Sie zeichnen sich aus durch das Gefühl für das dichterische Wort, die melodische Erfindung, eine charakteristische stimmliche Qualität, die Transparenz des Klaviersatzes und die originelle Harmonik (vor allem bei der Behandlung der Dissonanz). Der Komponist lässt dem Interpreten gewisse „Spielräume“, und die endgültige Form der Lieder hängt stark vom interpretatorischen „Extra“ ab.

Von 1972 an widmete sich Simon Laks der Schriftstellerei und der Übersetzung. Neben der Musik interessierte er sich lebhaft für sprachliche Probleme, und als glühender Polemiker griff er oft zur Feder, um sich nicht nur zu musikalischen Themen, sondern sehr gern auch zu Fragen des guten Stils sowie gesellschaftlicher und politischer Natur zu äußern. Seine Bücher erschienen in polnischer Sprache in London beim Verlag Oficyna Peotow i Malarzy (Poets’ and Painters’ Press): Episoden... Epigramme... Episteln... (1976); Polonismen... Polemiken... Politisches... (1977); Rede und Gegenrede (1978); Gry oswiecimskie (s.o., 1979); Ich pfeif’ auf Heiligtümer (1980); Tagebuch, verfasst am hellichten Tag (1981); Der ermäßigte Tarif ist teurer (1982); Mein Krieg für den Frieden (1983); Kultur mit und ohne Anführungszeichen (1984). Unter seinen Übersetzungen ins Französische sind besonders hervorzuheben: Gauguin et l’École de Pont-Aven von W. Jaworska (Neuchâtel, 1971); L’eau vide von K. Zywulska (Paris, 1972); L’œil de Dayan von Korab (Paris, 1974).

© Zofia Helman (Übersetzung Jens Luckwaldt)

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