Nachrichten zu den Komponisten bei Boosey & Hawkes
KOMPONIST IM PORTRÄT

Bohuslav Martinů

 1890 - 1959Bohuslav Martinu Photo: www.booseyprints.com

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Bohuslav Martinus von Patrick Lambert

Im Zuge des neu belebten Interesses an Komponisten, die nie für sich in Anspruch nahmen, Avantgardisten zu sein, findet Martinu Anerkennung nicht nur als einer der produktivsten und vielseitigsten Musiker des 20. Jahrhunderts, sondern auch als eines ihrer eigenständigsten schöpferischen Talente. Das soll nicht heißen, daß er auf dem langen Weg zur Reife nicht eine Fülle von Einflüssen aufgenommen hat – den französischen Impressionismus, Strawinsky, Jazz, Klassizismus und das englische Madrigal, zusätzlich zu seiner anhaltenden Vorliebe für tschechische und insbesondere mährische Volkslieder. Ungeachtet dieser mannigfaltigen Einflüsse ist jedoch jedes einzelne Stück von seiner ureigenen Persönlichkeit durchdrungen. Martinu selbst schrieb den außerordentlichen Charakter seiner Musik seinem ungewöhnlichen Geburtsort in einer Kammer hoch oben im Kirchturm der böhmischen Stadt Policka zu, wo er die ersten 12 Jahre seiner Kindheit verbrachte. Zeit seines Lebens war er bemüht, dieses besondere räumliche Empfinden und die reinen Formen der Natur, die ihn umgaben, in Klänge umzusetzen. Es war darum wohl unvermeidlich, daß er als Student in Prag Debussys Musik verfiel, der "größten Offenbarung" seines Lebens.

Martinus Entschluß, sich von Roussel in Paris unterweisen zu lassen, entsprang dem Wunsch, dem tschechischen "Smetana-Kult" zu entkommen und sich einige der Charakteristika anzueignen, die er in der französischen Kunst ausmachte: Ordnung, Klarheit, Ausgeglichenheit und kultivierten Geschmack. Doch das kosmopolitische Paris der zwanziger Jahre hatte sich weiterentwickelt: Der Impressionismus war passé, und die Szene wurde von der Gruppe Les Six beherrscht, vom Jazz und vor allem von Strawinsky, der Martinu vor Augen führte, daß sich volksmusikalische Quellen überzeugend in Kunstmusik einarbeiten ließen. Das führte zu einer Reihe farbiger folkloristischer Stücke, angefangen mit dem pantomimischen Ballett Spalícek. Wie Strawinsky liebäugelte Martinu kurz aber wirkungsvoll mit dem Jazz, zum Beispiel in dem Ballett La Revue de Cuisine und der Oper Drei Wünsche. Infolge der wirtschaftlichen Gegebenheiten der dreißiger Jahre wandte er seine Aufmerksamkeit außerdem der Kammermusik zu. Der Neoklassizismus wurde zum beherrschenden Einfluß und das Concerto grosso des 17. Jahrhunderts diente als Vorbild für eine Reihe von Werken, darunter mehrere, die Martinu für Paul Sacher und sein Basler Kammerorchester komponierte. Trotz ihres geschäftigen, scheinbar distanzierten Charakters lauern unter der Oberfläche tiefe Gefühl, zum Vorschein kommen sie im eindrucksvollen Doppelkonzert, komponiert am Vorabend des Münchner Abkommens, das den Komponisten von seiner Heimat abschnitt.

Als Schlüsselwerk der dreißiger Jahre erwies sich jedoch die "Traumoper" Julietta. Dort verzichtete Martinu auf seinen "geometrischen", klassizistischen Stil, um die oft irrationale Vorstellungswelt mit ihrer von Fantasien bestimmten Traumlogik zu erforschen. Für die mit der schwer faßbaren Heldin verbundene Musik ersann er, auf der Grundlage der mährischen Kadenz, eine typische Folge harmonischer Fortschreitungen, die "Julietta-Akkorde", die als eine Art idée fixe in späteren Stücken in bedeutsamen Augenblicken des öfteren wieder auftauchen sollte. Das Element des Phantastischen erhielt in den vierziger Jahren eine immer größere Bedeutung, als Martinu sich in den USA um einen neuen lyrischen Ausdruck bemühte, "was in der damaligen modernen Musik recht selten war". Die fünf zu Kriegszeiten für amerikanische Orchester komponierten Sinfonien bestechen durch ihre Spontaneität und organische Entfaltung, durch die rhythmische Frische ihrer stark synkopierten Melodien, die besondere Schönheit ihrer Harmonik und vor allem durch eine undefinierbare tschechische Aura, die an einen modernen Dvorák denken läßt.

In den fünfziger Jahren hatte Martinu den künstlerischen Mut und die technischen Mittel und Wege gefunden, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen, ohne sein beinahe intuitives Formgefühl zu verlieren. Diese Verfahrensweise erreichte ihren Zenit in großangelegten Partituren wie den visionären Fantaisies symphoniques (Sinfonie Nr. 6) und den strahlenden Fresken des Piero della Francesca, wo das ausgereifte neo-impressionistische Gefüge aleatorische Techniken vorwegnimmt und eine vertiefte Vorstellungswelt herauf beschwört. Parallel dazu erschien eine Reihe bodenständig volkstümlicher Werke, tief ergreifende "Grüße an die Heimat", die sich durch kühne Schlichtheit und besondere Reinheit des Ausdrucks auszeichnen. In diesen letzten Jahren begann der Komponist, sich mit den fundamentalen Fragen menschlicher Existenz zu beschäftigen, allerdings ohne übertriebene Gewichtigkeit oder Sentimentalität. Der Trend ist in der Griechischen Passion und im Gilgamesch-Epos, ja sogar in Instrumentalwerken wie den Parabeln und Incantation (Klavierkonzert Nr. 4) wahr zu nehmen. Im Zusammenhang mit dem letztgenannten Werk hat Martinu ein Credo geschaffen, welches für das Publikum im 21. Jahrhundert möglicherweise von wachsender Bedeutung sein kann:

"Der Künstler ist immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, seines eigenen und dessen der Menschheit, auf der Suche nach Wahrheit. Ein System der Unsicherheit ist in unseren Alltag eingedrungen. Der Druck zugunsten von Mechanisierung und Uniformität, dem es unterworfen ist, bedarf des Protestes, und der Künstler hat nur ein Mittel, diesen zum Ausdruck zu bringen, und zwar mit Musik."

Patrick Lambert, 1997
(Medienjournalist und Musikschriftsteller; sein besonderes Interesse gilt tschechischen Komponisten, darunter Janácek und Martinu)

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