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KOMPONIST IM PORTRÄT

Peter Maxwell Davies

 b. 1934Peter Maxwell Davies Photo © Copyright Eamonn McCabe

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Maxwell Davies’ von Paul Driver

Peter Maxwell Davies ist einer der produktivsten und faszinierendsten Komponisten Großbritanniens. Er gehört zu den führenden Vertretern einer Komponistengeneration, für die die Zwölftontechnik Schönbergs keine Schrecken barg und keine sklavische Befolgung verlangte. Davies und seine Kollegen sind mit unbeschwertem Selbstbewußtsein zu einer Auffassung von moderner Musik im europäischen Rahmen gelangt, die sich in der entschiedenen Abkehr vom Pastoralstil im Sinne Vaughan Williams’ ausgedrückt hat, wie er bis in die fünfziger Jahre in der britischen Musik vorherrschte.

Für Davies wurde der Schönbergsche Ansatz entscheidend bereichert und zum persönlichen Anliegen gemacht durch die Beziehung, die er zwischen ihm und mittelalterlichen Methoden der systematischen Ableitung eines musikalischen Werks aus Cantus-Planus-Passagen entdeckte. Ähnlich fruchtbare Parallelen sah er zwischen dem rhythmischen Grundgerüst mittelalterlicher Musik und dem indischer Ragas, über die er seine Dissertation schrieb. So gestaltete er seinen eigenen kreativen Weg; die Bearbeitung emblematischer einstimmiger Fragmente mittels quasi-serieller Permutation und kunstvoller "isorhythmischer" Anordnung erbrachte nicht nur streng gefügte, vom Aufbau her karge Frühwerke wie die Five Motets (1959), sondern erlaubte auch lichtvoll lyrische Aussagen wie die Kantate Leopardi Fragments (1962) – in der Tat dient sie als Grundlage praktisch jedes einzelnen Werks, das er geschrieben hat.

Maxwell Davies fand sich bald an der Spitze einer neuen britischen Avantgarde: ein Enfant terrible, aber zweifellos eine künstlerisch äußerst ernstzunehmende Gestalt. Seine Ernsthaftigkeit wurde am deutlichsten in großen, schwermütig neo-expressionistischen Kompositionen mit manchmal überraschend Mahlerschen Anflügen wie dem Orchesterwerk Second Fantasia on John Taverner’s "In Nomine" (1964) oder Worldes Blis (1969), eine "Motette" für großes Orchester nach einer englischen Monodie aus dem 13. Jahrhundert. Natürlich ist in diesem Zusammenhang auch die komplexe Oper Taverner (1970) über Leben und Denken des gleichnamigen englischen Komponisten zu nennen.

Richtig zur Geltung kam das Enfant terrible mit einer Serie brillanter, extravaganter Musiktheaterstücke. In Eight Songs for a Mad King für Männerstimme und Ensemble oder dem Kammerballett Vesalii Icones (beide 1969) bricht die thematische Arbeit an ihren Höhepunkten in bösartige Parodie aus. Cantus planus braust auf und verwandelt sich in Foxtrott; und die Säure des Verrats rinnt an der Partitur herab und frißt sich zugleich in die Thematik hinein.

Religiöser, künstlerischer und persönlicher Verrat – das war das expressionistische Dauerthema von Davies’ Werken, die während der sechziger und siebziger Jahre entstanden, oft in der Hitze des schöpferischen Augenblicks. Doch allmählich geriet er in den Bann eines ruhigeren, klassisch geprägten Impulses; und nach Vollendung seiner ersten Sinfonie (1976) – einem erstaunlich komplizierten, ehrgeizigen Werk von mehr als 50 Minuten Spieldauer – war der Weg frei für eine langfristige Erkundung und Neuinterpretation (gemäß Davies’ eigenem Cantus-Planus-Begriff), die der klassischen Sonatensatzform und den damit verbundenen tonalen Funktionen galt.

Nachdem er jahrelang viel für sein Kammermusikensemble The Fires of London komponiert hatte, zog Davies es nun vor, in der Hauptsache für große oder kleine Orchester zu schreiben: Drei weitere Sinfonien folgten, ein Trompetenkonzert und die fast abgeschlossene Serie von zehn Strathclyde Concertos, die jeweils einen oder mehrere erste Spieler des Scottish Chamber Orchestra, mit dem Davies als Komponist und Dirigent eng verbunden ist, als Solisten herausstellen.

Wie wichtig es ist, sich regelmäßig als Orchesterdirigent zu betätigen, zeigen die schlichteren Rhythmen und Gefüge von Davies’ späteren Orchesterwerken. Natürlich gibt es in wichtigen Punkten auch Kontinuität: Tempogestaltung und Gliederung sowie die Vorliebe für rein funktionale Orchesterklangfarben (melancholische, spannungsgeladene Streicher, deklamatorische Trommelschläge!) bleiben mehr oder weniger konstant. Andererseits wurden gewagtere Unternehmungen wie der "Foxtrott für Orchester" St. Thomas Wake (1968) oder Worldes Blis durch die Strukturelemente einer bemerkenswert plastischen Darstellung der Landschaften auf den Orkney-Inseln verdrängt, wo Davies seit Anfang der siebziger Jahre beheimatet ist. Von der Stone Litany (1973) für Gesang und Orchester bis zu den jüngsten Konzerten ist seine Orchestermusik von Möwengeschrei, von Anklängen an schottische Volksweisen und vom Tosen der Nordsee durchdrungen.

In dieser vor allem abstrakten sinfonischen Kompositionen gewidmeten Phase von Davies’ Entwicklung ist das Vorbild Mahlers möglicherweise dem von Sibelius gewichen. Selbstverständlich ist und bleibt Davies sein eigener Herr und verfolgt seine hochgesteckten kreativen Ziele mit einer ureigenen Ausdrucksweise und einem ebensolchen Vokabular. Er komponiert so viel und, wenn auch unter Verwendung gesetzterer Formen, so kühn wie eh und je.

Paul Driver, 1993

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