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KOMPONIST IM PORTRÄT

Christopher Rouse

 b. 1949Photo Credit: Jeffrey Herman

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Rouses von Mark Swed

Man hat seine Musik angstvoll genannt. Auch ungeheuerlich hat man sie genannt. Mit einer Reihe umfangreicher dramatischer Orchesterwerke, darunter zwei Sinfonien und das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Trombone Concerto, hat Christopher Rouse mit die kathartischste sinfonische Musik Amerikas hervorgebracht. Indem er diese Stücke schuf, hat Rouse dazu beigetragen, die Tradition der großen amerikanischen Sinfoniker zu erneuern. Andererseits paßt es sehr wohl zu ihm, daß er auch Weihnachtslieder geschrieben hat, die von den echten alten fast nicht zu unterscheiden sind – außer daß der Text in der Übertragung keinen Sinn ergibt. Und es überrascht auch nicht, daß er einst eine Orchestereskapade mit dem Titel Bump verfaßt hat, die von "einer Tournee des Boston Pops Orchestra durch die Hölle" berichtet.

Christopher Rouses Musik ist oft von besessen anmutender Intensität und Zielstrebigkeit, doch läßt sich der Komponist selbst naturgemäß am besten durch extreme Vergleiche beschreiben. Er ist ein Komponist, bei dem die Vorliebe für griechische Götter- und Heldensagen und die Begeisterung für Vergnügungsparks nicht unvereinbar sind, bei dem die innigsten, ernsthaftesten Äußerungen oft von funkelndem Humor durchdrungen sind. So schildert er den Ablauf seiner Symphony No. 2 – in der die unschuldig vergnügte Musik des ersten Satzes durch den Filter eines herzzerreißenden Adagios in ein düsteres, aggressives, gewalttätiges Finale geleitet wird – anschaulich damit, daß sich "Bambi in Godzilla verwandelt". All diese Widersprüche kommen durch Rouses meisterhafte Beherrschung seines Mediums gebührend zum Ausdruck. Seine Arbeitsweise bezeugt es: Er verzichtet auf Skizzen, läßt lieber ein ganzes Stück in seinem Kopf Gestalt annehmen und schreibt im allgemeinen erst dann in einem Durchgang die vollständige Partitur nieder.

Rouse, der 1949 in Baltimore geboren wurde, ist einer der ersten amerikanischen Komponisten, der zwanglos die für seine Generation typische Palette musikalischer Erfahrungen verwertet hat. Zu seinen akademischen Leistungen zählen abgeschlossene Studien am Oberlin Conservatory of Music und an der Cornell University, wo er 1977 einen Doktortitel im Fach Komposition erwarb; George Crumb, Karel Husa und Richard Hoffmann waren unter anderem seine Lehrer. Zu seinen Generationsleistungen zählt, daß er Anteil genommen hat an der Musik seiner Epoche – dem Rock 'n' Roll der sechziger Jahre.

Dementsprechend wurde Rouse in den siebziger und frühen achtziger Jahren als Komponist bekannt, der in der Lage ist, seine formelle Ausbildung mit dem rauhen Geist der Rockmusik zu verbinden. Er wurde bekannt durch sehr laute, energiegeladene und dramatische Musik, die von der Intention her oft programmatisch und gelegentlich humorvoll war. Obwohl man ihn vor allem als Orchesterkomponist kannte (Rouse hat von 1986 bis 1989 als Hauskomponist der Baltimore Symphony gewirkt), war er zugleich fähig, sein Ohr für gehaltvolle Strukturen und mächtige, eindrucksvolle Klänge auf Kammermusik anzuwenden, darunter auch Stücke für Schlagzeug und solche für gemischtes Ensemble. Als Professor für Komposition an der Eastman School of Music räumt man ihm außerdem in den Nachschlagewerken eine Zeile dafür ein, daß er der erste war, der an einer bedeutenden Musikschule ein offizielles Seminar über die Geschichte der Rockmusik abgehalten hat.

Mitte der achtziger Jahre vollzog Rouses Musik eine scheinbar überraschende Wendung vom Schnellen und Ungestümen hin zum Langsamen und Besinnlichen. Mit einer Reihe großangelegter Orchesterwerke, seinen beiden Sinfonien und mehreren Konzerten, hat Rouse das Adagio ausgelotet und sich herkömmlichere Musikformen und eine herkömmlichere harmonische Sprache angeeignet, so als wären die Beatles zugunsten Bruckners ins Abseits gedrängt worden. Tatsächlich stellt sich der scheinbare Umschwung inzwischen eher als Evolution dar. Ein schnelles, aggressives Werk wie Gorgon aus dem Jahr 1984 ist kein bloßes Schaustück für Orchester, sondern auch durch seine regelrecht barbarische Intensität eine Metapher dafür, daß man den Gorgonen des Lebens ins Auge sehen muß, ohne zu Stein zu werden.

Im Falle seiner Symphony No.1, die 1988 mit dem Friedheim Award des Kennedy Center ausgezeichnet wurde, unternahm Rouse bewußt den Versuch, eine Antithese zu Gorgon zu schreiben – Musik, die weniger dissonant ist, durchsetzt mit langsamen, wehmütigen, romantischen Gesten, die einstige Rage in Nachdenklichkeit verkehrt. Allerdings sind Rouses Adagios wie die von Mahler und Schostakowitsch dramatischer Natur, womöglich ebenso dramatisch wie seine Prestissimos. Im Trombone Concerto, dem Posaunenkonzert, das im Auftrag der New York Philharmonic komponiert wurde und 1993 den Pulitzerpreis für Musik erhielt, hat Rouse Leonard Bernstein und Aaron Copland ein Denkmal gesetzt; beide starben, während Rouse an dem Konzert arbeitete, und die Posaune nimmt einen beinahe theatralisch anmutenden elegischen Charakter an.

Rouse hat die spannende Vorstellung vom Solisten, der sich mit dem Orchester mißt, zum typisch eindrucksvollen Extrem getrieben, als er 1992 im Auftrag der Los Angeles Philharmonic für Yo-Yo Ma sein Violoncello Concerto komponierte. Der Cellist steht hier als menschliches Wesen da, das Orchester als Mörder. Nach einem schnellen, heftigen ersten Satz, in dem der Solist aufschreit und stirbt, endet das Werk mit einem außerordentlichen Adagio. Es handelt von jener Nanosekunde, in der das Leben verhaucht, und enthält Musik, die zum spannendsten, Reizvollsten und an Höhepunkten Reichsten gehört, was unsere Zeit hervorgebracht hat.

Dieses Adagio ist wie alle von Rouse verfaßten Adagios Ausdruck der Verwunderung. Rouse hat festgestellt, daß seine Musik der letzten Jahre abschiednehmende Musik war, oft gerichtet an verstorbene Verwandte, Freunde und Kollegen. Außerdem aber ist sie eine Musik der Läuterung, des Überlebens, der Freude am Leben. Dadurch sind selbst die umstrittenen Karolju, Rouses altmodische Weihnachtslieder mit den entstellten fremdsprachigen Texten, sowohl rückhaltlose Manifestation der Verwunderung als auch ein zurückhaltenderer Abschied vom unschuldigen Staunen der Kindheit. Wir werden daran erinnert, daß Rouse, wenn er am finstersten erscheint, dennoch ein Komponist mit einer Vorliebe für das Lichte ist und daß er, wenn er am lichtesten erscheint, dennoch nie die Wirklichkeit für eine Welt der falschen Ideale aufgibt.

Mark Swed, 1996
(Chefkritiker der Los Angeles Times)

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