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KOMPONIST IM PORTRÄT

Hans Zender

 b. 1936Hans Zender Photo © Bote & Bock

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Zenders von Martin Demmler

Zwischen Kalligraphie und Collage


Die Erfahrung von Zeit und ihre musikalische Darstellung im Spannungsfeld zwischen Erinnerung an Vergangenes und Erwartung von Kommendem ist das zentrale Thema im kompositorischen Denken von Hans Zender. Auf ganz unterschiedliche Weise bestimmt die Erfahrung des Vergehens, das Nicht-Wiederholbare, die Struktur vieler seiner Werke. Nicht zufällig hat er seine zweite Sammlung von Schriften zur Musik mit dem von Heraklit stammenden Titel Wir steigen niemals in denselben Fluss überschrieben. Zender, der wichtige Anregungen vor allem von Bernd Alois Zimmermann erhielt, hat schon in den fünfziger Jahren das Hermetische und Dogmatische des seriellen Komponierens abgelehnt und nach einer eigenen Sprache gesucht, um seine Vorstellungen von Klang-Raum und Zeit musikalisch zu realisieren.

Im Schaffen von Hans Zender gibt es zwei Hauptstränge, die sich allerdings gelegentlich auch berühren oder durchdringen. Der eine besteht aus den Werken, in denen sich der Komponist mit Gedanken und Ideen der fernöstlichen Zen-Philosophie auseinandersetzt und dabei auch häufig japanische oder chinesische Texte benutzt. Vor allem die Technik der Kalligraphie hat ihn stark beeindruckt und ihre Spuren auch in seinen Werken hinterlassen. Den anderen Strang bilden die Werke, die auf Techniken oder Autoren der abendländischen Geistesgeschichte zurückgreifen. So hat Zender etwa Texte aus der Bibel, von Thomas Müntzer, Meister Eckehart, Cervantes oder von Heraklit als Grundlage seiner Kompositionen gewählt und in seinem Dialog mit Haydn auf das populäre Thema eines Klassikers zurückgegriffen, allerdings ohne eine vergangene, vermeintlich "heile" Klangwelt zu beschwören.

Zender kennt keine Scheu vor der Tradition, sie ist im Gegenteil ein wesentlicher Bestandteil seines musikalischen Denkens. Ist doch vor dem Hintergrund des Tradierten, das dem analytisch denkenden Dirigenten Zender bestens vertraut ist, das Neue erst erfahrbar. Eine Technik wie die Collage, die in seinem Schaffen eine zentrale Rolle spielt, ist ohne das zitierte Material schließlich gar nicht denkbar. Das Prinzip der Mehrschichtigkeit, die Gleichzeitigkeit verschiedener Stile oder Zeitebenen wird vielleicht nirgends deutlicher als in seiner ersten Oper Stephen Climax, in der zwei Handlungsebenen parallel verlaufen und zu einer fulminanten Collage von Charakteren und Allusionen verknüpft werden.

Etwa die Hälfte seiner Werke sind textgebunden. Doch sind es keine schlichten "Vertonungen" am Text entlang, sondern die literarische Grundlage wird selbst Gegenstand kompositorischer Arbeit. Texte erscheinen collagiert, verfremdet, in verschiedenen Sprachen oder auch in einen neuen Bedeutungszusammenhang gestellt wie in dem Kammermusik-Zyklus Hölderlin lesen, der rezitierte Verse dieses Dichters mit einer imaginären Klangsprache im Geist des späten Beethoven konfrontiert.

Hans Zender ist ein ausserordentlich vitaler, literarisch und philosophisch gebildeter Musiker, der immer wieder neue Anregungen und Ideen für seine Werke nutzbar macht. Ob Kalligraphie oder Collage - das musikalische Universum des Hans Zender kennt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Konstruktion und Expressivität, die beiden Grundkategorien seines musikalischen Denkens, miteinander zu verbinden.

Martin Demmler, 2000

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