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KOMPONIST IM PORTRÄT

Steven Mackey

 b. 1956Photo credit: Jane Richey

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Mackeys von Paul Lansky

Es gibt heute im Bereich der Musik eine Reihe von Leuten, darunter auch den Verfasser dieser Einführung, die meinen, sie allein dürften das Verdienst in Anspruch nehmen, Steve Mackey entdeckt zu haben. Zu erklären ist dieses Paradoxon vermutlich damit, daß die Vorzüge seiner Musik – Originalität, Frische, erstaunlicher Erfindungsreichtum, eine gewisse Impertinenz – dem Hörer auffallen wie ein ungewöhnlicher Kiesel, den man an einem mit Steinen übersäten Strand entdeckt: Wir können uns seine Herkunft nicht ganz erklären, er fällt sehr ins Auge, gehört nicht so recht in die Umgebung und scheint sich deutlich von seinen Nachbarn abzuheben. Wir heben ihn auf, beglückt über unseren Fund, froh, daß ihn niemand anderes bemerkt hat, dankbar, daß wir gerade an diesem Tag hier entlang gekommen sind. Bei genauerer Betrachtung fangen wir an, uns für seine Besonderheiten zu begeistern. Wer hätte je gedacht, daß man diese speziellen Eigenarten miteinander kombinieren könnte – das ist ganz und gar unüblich, aber was für eine gute Idee für einen Kiesel.

Die Merkmale, die Mackey und seine Musik auszeichnen, weichen vom üblichen ab. Steve (selbst seine Schüler nennen ihn so) verbrachte seine Jugend auf den Skipisten, Tennisplätzen und Spielfeldern von Marysville in Nordkalifornien und wuchs zum hervorragenden Sportler heran. Wenn er einmal nicht an der frischen Luft war, bemühte er sich nach Kräften, auf seiner elektrischen Gitarre die Riffs von Jimmy Page und Jimmy Hendrix nachzunahmen. Da griff das Schicksal ungefähr gleichzeitig in Form einer gerissenen Achillessehne und Le sacre du printemps ein. Steve drückt das so aus, daß ihn diese Musik und der Gedanke, Komponist zu werden, umgeworfen hätten. Er wechselte an der University of California in Davis rasch von Physik zu Musik als Hauptfach, begann eine akademische Aufholjagd und kam auch dabei in die Spitzenklasse. Sein Graduiertenstudium in Stonybrook und Brandeis und Lehraufträge am College of William and Mary und in Princeton, wo er mit gerade erst 36 Jahren eine volle Professur antrat, versetzten ihn in die intensive Welt der zeitgenössischen, experimentellen und risikofreudigen Musik.

Nachdem Steve seine Lehrzeit beendet hatte, holte er erneut die Gitarre aus dem Schrank, und mit ihr das musikalische Erbe seiner Kindheit. So entstand durch Synthese ein kompositorischer Ansatz, der den Einfluß von Led Zeppelin, Strawinski, Monteverdi, Muddy Waters, Mahler, Monk und anderen verrät. Steves Musik nahm auch die Eigenschaften eines begabten Sportlers an: extrovertiert, optimistisch, enthusiastisch. Indem er seine Werke mit peinlicher Sorgfalt gestaltete, dabei den Interpreten im Sinn behielt und wohl auch unter dem Eindruck der gewaltigen Energie stand, die ein Rockgitarrist braucht, um den Publikumsmassen seine Musik nahezubringen, wurde Steve, wie er es ausdrückt, eher zum Erzähler als zum Tonsetzer.

Stücke wie Deal, Eating Greens und Banana/Dump Truck beweisen ein besonderes, ganz persönliches Interesse an der Funktion des Interpreten im musikalischen Ablauf, die ihm mehr abverlangt, als nur die Noten richtig wiederzugeben. Die Musiker werden zu Figuren eines Dramas, das gleichermaßen spannend, riskant, erregend und geistig anspruchsvoll ist. In Deal hat Mackey beispielsweise ein eindrucksvolles musikalisches Umfeld geschaffen, vor dem ein Sologitarrist und ein Schlagzeuger improvisieren, geleitet von einer Partitur für das Begleitensemble und einigen allgemeinen Anweisungen zur Aufführung. Die Musik des Ensembles, die Mackey mit einer "öden urbanen Landschaft" verglichen hat, schafft eine karge, aber dennoch umhüllende Welt, in der die Musiker tätig werden, und heraus kommt etwas, das anders ist als alles, was sonst auf dem Gebiet der Improvisation vorgeht. Das Instrumentalensemble wird zusätzlich von einer einfachen Bandaufnahme begleitet, auf der wir ein Telefon klingeln, einen Hund bellen und eine Herde Gänse vorbeifliegen hören. Das Ergebnis ist ergreifend, leidenschaftlich und bewegend zugleich und beinhaltet ein Gefühl eindringlicher Sehnsucht, das an späten Mahler denken läßt.

In mehreren Fällen ziehen diese Stücke gar die Autorität des Proszeniums in Zweifel, so bei der Pizzalieferung in Eating Greens oder der Varietészene von Banana/Dump Truck, in der die Verbeugungen des Cellisten zum Auf – und Abtritt von der fortlaufenden Musik des Orchesters begleitet werden. Aber diese Einfälle sind niemals Gags, sondern Wege, die den Hörer ermutigen sollen, einen neuen Hörstandpunkt einzunehmen und tiefere Einsichten zu gewinnen über das Verhältnis zwischen der Art, wie Musik gehört wird, und dem, was sie zu sagen versucht. Die Pizzalieferung zum Beispiel läßt vorübergehend eine eher ungewohnte Flaute aufkommen und bricht den Bann der Musik. Dann jedoch nimmt das Orchester seine Tätigkeit mit Nachdruck wieder auf und veranlaßt den Hörer, seine Aufmerksamkeit mit frischer Kraft auf die Musik zu richten. Außerdem merkt man Eating Greens an, daß hier ein Meisterorchestrier am Werk war. Die Orchesterführung ist flüssig, einfallsreich, funkelnd und obendrein anspruchsvoll und unterhaltsam für die Musiker.

In einigen Stücken, zum Beispiel in No Two Breaths und See Ya Thursday, kommt ein besinnlicher Aspekt zum Vorschein. Will man erneut die Sportlermetapher bemühen, handelt es sich nicht so sehr um eine zunehmend verinnerlichte Besinnung, sondern um die geistige Verfassung eines Sportlers im Wettkampf, der sich auf eine alles verzehrende Anstrengung vorbereitet. Von Anfang bis Ende pulsiert No Two Breaths im Rhythmus meditativer Atmung. Ein weiterer Aspekt von Mackeys Musik offenbart sich in Werken wie Never Sing Before Breakfast und Indigenous Instruments, die imaginäre Landschaften erforschen, mit Umstimmen von Instrumenten und aufgezeichneten Klängen experimentieren und Zusammenhänge herstellen, in denen sich die Musik als Stimme der Bewohner einer fernen Welt darstellt. In allen Fällen bleibt die Musik zutiefst gedankenvoll und vermittelt das Gefühl, daß hier ein meisterhafter Erzähler mit außerordentlicher Sorgfalt, Kunstfertigkeit und gewissenhafter Pflege von Detail und Tiefgang eine Geschichte darbietet.

Schlicht gesagt erkennen wir eine Musik, die anders ist als alles, was heute sonst noch geschrieben wird. Brilliant ausgeführt, ganz und gar amerikanisch und für eine neue Hörerschicht zugänglich geht Mackeys Musik aus Ursprüngen hervor, die in der Welt der Konzertmusik bisher nicht viel zu melden hatten. Nun jedoch, da sie Gehör findet, stellen wir fest, daß sich das, was sie sagt, anzuhören lohnt. Wer hätte das gedacht ...

Paul Lansky, 1996
(Komponist, Musikprofessor an der Princeton University)

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