Nachrichten zu den Komponisten bei Boosey & Hawkes
KOMPONIST IM PORTRÄT

James MacMillan

 b. 1959James MacMillan Photo © Philip Gatward

Porträt


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Eine Einführung in die Musik James MacMillans von Stephen Johnson

Als James MacMillan Anfang der neunziger Jahre die Aufmerksam der Musikwelt erregte, wurde schnell klar, dass dieser Komponist auf der Suche nach Anregungen seine Fühler in alle Richtungen ausgestreckt hatte: von keltischem Folk bis zu Harrison Birtwistles kompromisslosem Modernismus, von Olivier Messiaens radikal experimentellem Mystizismus bis zu den dunkel-humanistischen symphonischen Erzählungen Dmitri Schostakowitschs. Vorwürfe des Eklektizismus ließen nicht lange auf sich warten, doch die meisten, beeindruckt von frühen Meisterwerken wie dem Orchesterwerk The Confession of Isobel Gowdie (1990) und dem Schlagzeugkonzert Veni, Veni, Emmanuel (1992), waren sich einig: Dieser Komponist nahm Einflüsse in einer ganz natürlichen, zwanglosen Weise auf, welche eine schlüssige Vision widerspiegelte – nicht minder schlüssig als die engstirnigen Ideologien seiner Kritiker.

Wichtig für das Verständnis MacMillans ist der Begriff des „Katholischen“, in seiner ursprünglichen Bedeutung von „universell“ oder „allumfassend“. Katholisch erzogen, steht der Glaube noch heute im Mittelpunkt seines Lebens. Seine frühe Hinwendung zum Marxismus, der sich bei ihm mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie verband, hinterlässt noch in seinen neureen Werken Spuren, bis hin zu seiner jüngsten Oper, The Sacrifice (2005–06). Gleichzeitig ist MacMillan sich der Spaltungen bewusst, die einseitiges religiöses Denken verursachen kann. So ist es möglich, dass sich in seinen Werken, auch wenn sie ihr formales und melodisches Grundmaterial aus der katholischen Liturgie und Chorälen beziehen, Elemente des jüdischen Passahfests wiederfinden, wie in seinem zweiten Streichquartett, Why is this night different? (1998), oder Klangfarben, die sich auf den japanischen Shintoismus beziehen, wie in seiner Symphonie Nr. 3: ‘Silence’ (2003).

Das Ergebnis all dessen ist eine Musik, die eine überraschende Vielfalt musikalischer Stile in sich vereint. Aus dichten, kantigen, atonalen Klangbildern können sich plötzlich tonale Melodien erheben, die an Wagner erinnern (eine weitere wichtige, frühe Inspirationsquelle). Zerrissene, komplexe, kraftstrotzende Rhythmen zerfließen zu frei dahinströmenden, improvisatorischen Lyrizismen oder fein gewobener Polyphonie in der Art Bachs oder der Kirchenkomponisten der Renaissance. Mitreißend grelle oder aggressive Klangfarben stehen neben feinen, fragilen Mustern oder samtiger Wärme. Kirchenlieder, traditionelle Klagegesänge oder muntere Märsche bilden gegeneinanderstrebende Schichten in pulsierenden Klangteppichen. Zuweilen fühlt man sich an die überfließenden orchestralen Kaleidoskope des wegweisenden amerikanischen Komponisten Charles Ives oder an den russischen „Polystilisten“ Alfred Schnittke erinnert.

Zusammengehalten wird all dies von MacMillans tief verwurzeltem Gefühl für das Erzählen von Geschichten in Musik. Heutzutage belächelt man große Erzählungen oft als veraltet oder irrelevant. Durch Werke wie Isobel Gowdie, Veni, Veni, Emmanuel oder die imposante Orchestertrilogie Triduum (1995–97) hat MacMillan jedoch bewiesen, dass diese Art spiritueller Reise in Musik, wie sie schon Beethoven in seinen Symphonien und Bach in seinen großen Passionen vorgeführt haben, in einer Weise wiedererstehen kann, die sowohl Kenner als auch Liebhaber der Musik anspricht – unter MacMillans größer angelegten Werken neueren Datums findet sich eine eigene Johannespassion als sehr persönliche Darstellung dieser klassischen Geschichte. Quickening (1998) für Chor und Orchester brachte auf nachhaltige Weise in Erinnerung, dass fesselnde Gegenwartsmusik ihre Inspiration aus grundlegenden menschlichen Erfahrungen beziehen kann: in diesem Fall der Zeugung und Geburt eines Kindes. In einer Zeit, in der Populismus und Modernismus unvereinbare Pole zu sein scheinen, hält James MacMillans Musik die Hoffnung auf ein Zusammenwachsen aufrecht, auf die Heilung schmerzlicher Trennungen, auf Transzendenz.

© Stephen Johnson, 2008
Autor und Rundfunkmoderator, Verfasser von Büchern über Bruckner (Faber), Wagner und Mahler (Naxos) und regelmäßiger Moderator bei Discovering Music auf BBC Radio 3.

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