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KOMPONIST IM PORTRÄT

Michael Torke

 b. 1961Photo credit: Robin Holland

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Torkes von Mark Swed

Mit seinen beiden bekanntesten Stücken, Ecstatic Orange und The Yellow Pages, 1985 noch während seiner Zeit als Kompositions-student an der Yale University entstanden, definierte Michael Torke praktisch den Postminimalismus, eine Musik, in welcher sich eklektische junge Komponisten wie eine frühere Generation repetitiver Strukturen bedlenen, um darin nunmehr musikalische Techniken sowohl der klassischen Tradition als auch der modernen Popmusik zu integrieren.

Überdies schienen The Yellow Pages, für Kammerensemble konzipiert, und Ecstatic Orange, Torkes erstes Orchesterwerk, dank ihrer aufreizenden Energie und dem gewagten Umgang mit grellen Instrumentalklangfarben den optimistischen, ja beinahe übermütigen Kulturgeist der achtziger Jahre widerzuspiegeln. Ähnlich wie dekonstruktivistische Architektur zögert Torkes Musik nicht, das altbekannte Grundmaterial der Popmusik zu nehmen, es zu zerlegen und zu wundersam unberechenbarem Treiben neu zusammenzufügen. Und ähnlich wie postmoderne Literatur und Malerei läßt Torke verblüffende musikalische Bilder auf die Sinne einwirken und sie mit einem rhythmischen Schwung davontragen, den viele unwiderstehlich finden.

Es mag überraschen, daß Torke hierzu Methoden und Verfahrensweisen angewandt hat, die Komponisten bis zurück ins Mittelalter zu nutzen wußten – die Belebung von Kunstmusik mit volkstümlicher Tanzmusik und das Heraufbeschwören von Farben durch Klänge –, allerdings so, daß sie als etwas völlig Neues in der Musik erscheinen. Das liegt zum Teil daran, daß Torke sich zwar von Popsongs inspirieren läßt, diese persönliche Inspiration aber meist im Hintergrund bleibt, so zum Beispiel wenn er eine Chaka-Khan-Baßlinie als Grundlage für ein verstecktes Ostinato einsetzt. Ebenso eigenwillig und originell ist sein Farbsinn. Torke hat ein ausgeprägtes Gespür für Synästhesie und assoziiert unterschiedliche Akkorde oder Tonartbereiche mit spezifischen Farben; viele seiner Stücke sind nach Farben bennant und verdanken Stimmung und Charakter seiner Interpretation der jeweiligen Farbe.

Anders als viele amerikanische Komponisten, die in einer Welt der Popmusik heranwachsen und sich später verpflichtet fühlen, deren Einflüsse auszumerzen, wenn sie "ernsthaft" zu komponieren anfangen, war Torke, der unter anderem auch Klaviervirtuose ist, in seiner Jugend umgeben von konventioneller klassischer Musik. Rock- und Jazzaufnahmen entdeckte er erst, als er die Eastman School of Music besuchte, doch seither hat die Begeisterung für populäre Musik in seinem Schaffen geradezu missionarische Formen angenommen. Elemente der Popmusik können in unterschiedlichem Maß die Struktur eines Stücks beeinflussen, das harmonische oder melodische Inventar bestimmen oder die Rhythmen und den Puls einer Partitur beleben. Die erwähnten Pop-Elemente durchdringen jedoch Torkes Schaffen weniger mit ihrem vordergründigen Klang oder ihrer Struktur – seine Musik ist erlesen und häufig neoklassizistisch geformt – als im einen subjektiven Sinn, indem sie in konzermusik die Energie des Rock einbringen.

Dank ihrer Triebkraft (Popmusik ist schließlich Tanzmusik) haben Torkes Kammermusik und seine Orchesterwerke großen Anklang bei Choreographen gefunden, insbesondere bei Peter Martins vom New York City Ballet. Bis dato hat Martins sieben von Torkes Werken choreographiert (vier davon waren Auftragswerke für das NYCB). Man fühlt sich an die Verbindung zwischen Balanchine und Strawinsky aus einer früheren Ära in der Geschichte des Ensembles erinnert.

Torkes Musik wird auch häufig mit der von Strawinsky verglichen, weil sie das rastlose Vorantreiben fragmentarischer Themen und unbändigen rhythmischen Einfallsreichtum gemein haben. Aber hauptsächlich sind es Torkes formale Vorgehensweisen, die besonders eng an die Tradition Strawinskys anknüpfen. In Adjustable Wrench wird beispielsweise eine viertaktige Pop-Phrase ebenso radikal und kunstvoll durch ungewohnte Handhabung verändert, wie dies bei Strawinsky oder Bartók mit einer Volksmusikvorlage geschehen sein mag.

Solche Vorgehensweisen kennzeichnen zwar beinahe sämtliche Werke Torkes, doch des Ausmaß, in dem sie angewandt werden, schwankt erheblich von Stück zu Stück. Im Extrem hat sich Torke, nachdem er zunehmend Elemente des 18. und 19. Jahrhunderts in seine Musik übernommen hatte – so die kühnen, auf Beethoven zurückgehenden Durchführungsabläufe in Ash –, an offener Nachahmung des 18. und 19. Jahrhunderts versucht, zum Beispiel in dem Chorwerk Mass, einem Tanzritual für des New York City Ballet, und in Bronze für Klavier und Orchester.

Das erwies sich jedoch als kurzlebiger Abstecher; Torkes neuerliche Rückkehr zu einem moderneren, vorantreibenden, impulsgesteuerten Stil läßt die Spannungsverhältnisse noch dramatischer erscheinen, umso mehr, da seine Ausdrucksweise in bezug auf Harmonik, Melodik und Durchführungstechnik an Komplexität zugenommen hat. Darüber hinaus findet er weiterhin immer neue Wege, konzertmusik mit nichtklassischen Verfahren anzureichern. Im jüngst entstandenen Streichquartett Chalk (die ungewöhnliche Beschreibung, die der Komponist dazuliefert, lautet: "Kalkiger Kolophoniumstaub steigt von den Stegen der Streichinstrumente auf, hervorgerufen von der Intensiät der Bogenführung") fordert Torke von den Ausführenden, die mechanisch wirkenden Rhythmen mit vollem Körpereinsatz anzugehen. Indem er die klassische Förmlichkeit minimalistischer Rhythmen durch die gefühlvolle Darbietungsweise der Rockmusik untergräbt, hat Torke hier die allzeit präsenten Konflikte zwischen Klassik und Romantik in die modernen Farben und Strukturen des späten 20. Jahrhunderts übertragen.

Mark Swed, 1994
(Chefkritiker der Los Angeles Times)

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