Nachrichten zu den Komponisten bei Boosey & Hawkes
KOMPONIST IM PORTRÄT

Olga Neuwirth

 b. 1968Olga Neuwirth Photo © Priska Ketterer

Porträt


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Mehrdeutigkeiten Verschiebungen und Brüche
Notizen zum Komponieren Olga Neuwirths

von Stefan Drees

Unzweideutigkeiten sind nicht ihre Sache – nein: in den Werken der Österreicherin Olga Neuwirth brodelt es unaufhörlich. Hier taumeln die Klänge von einer Episode zur nächsten, sammeln sich gleichsam in verschiedenen Aggregatzuständen, um bald wieder daraus hervor zu brechen; viele winzige Ereignisse summieren sich zu bewegten Klangkomplexen und nervös flimmernden Stimmengeweben, deren Fülle und Dichte ständig schwankt. Dabei sperren sich die formalen Strukturen der Musik den Konventionen narrativen Fortschreitens: an die Stelle einer zielgerichteten Kontinuität tritt die unüberschaubare Folge wuchernder Klangsituationen, ständiger Abbrüche und abrupter Einschnitte sowie kontrastreicher Verwerfungen und Richtungswechsel, hinter denen sich immer auch differenzierte Veränderungen klanglicher Perspektiven abzeichnen.

Die irritierende Wirkung von Olga Neuwirths Arbeiten beruht auf Verschiebungen und Deformationen. So macht sich die Komponistin Abweichungen von einer als tradiert angesehenen Norm zu Nutze und entwickelt daraus die Bestandteile einer sehr persönlichen musikalischen Sprache. Dies beginnt mit der Benutzung verformter Klangräume und der gezielten Veränderung instrumentaler Klangfarben und endet dort, wo elektronische oder visuelle Elemente als gleichwertige Gestaltungsmittel zu den musikalischen Parametern hinzutreten. Olga Neuwirths Kunst ist somit hochgradig artifiziell und räumt dem Hybriden viel Raum ein: Dies liegt nicht nur an der Art, wie sie die bekannten Klangerzeuger von Erinnerungen an den schönen – oder auch an den falsch verstandenen, von der Musikindustrie vermarkteten – Klang entkleidet, ihn durch vielfältige Präparationen und Spieltechniken durchsichtig macht, um die darunter liegenden Ebenen zu zeigen; es liegt auch an der Selbstverständlichkeit, mit der sie die unterschiedlichsten – und häufig heterogensten – Materialien in ihre Musik einbezieht und sie als Bausteine für differenziert ausgearbeitete Klangsituationen benutzt.

Die Virtuosität, mit der Olga Neuwirth solche Verfahren handhabt, geht mit dem Vergnügen einher, die Wahrnehmungsgewohnheiten des Hörers durcheinander zu wirbeln und ihn immer wieder mit Ungewohntem zu konfrontieren. In diesem Sinne wird der Hörer aus seinem Schneckenhaus herausgelockt und zum aktiven Mitvollzug des Klingenden aufgefordert. Seien es die ständigen Stimmungswechsel der Musik, die in locus ...doublure ...solus den Solisten und seinen Klangschatten über die verschiedenen Stationen des Stückes hinweg begleiten, seien es die überbordenden Wirbel aus Musik und Sprache, die in ecstaloop das Klangbild regieren oder seien es die abrupten architektonischen Brüche und Risse, die in torsion : transparent variation das Gewohnte in Frage stellen: Immer wieder führen solche Verfahren zu Situationen, in denen die Musik in eine unerwartete Richtung umschlägt und sich den Hörerwartungen sperrt. Die Ambivalenz all dieser Sprachgesten deutet an, dass sich unter der Oberfläche von Olga Neuwirths Musik letztlich tiefe Abgründe befinden: Das Katastrophische, das Umkippen in ungewohnte Regionen mit all seinen Konsequenzen ist daher eine Grundgestimmtheit ihres Schaffens, die sich wie ein roter Faden durch ihre Werke windet.

© by Stefan Drees

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