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KOMPONIST IM PORTRÄT

Steve Reich

 b. 1936Photo credit: Jeffrey Herman

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Steve Reichs

Wer die Musik von Steve Reich zuerst in Frühwerken wie It's Gonna Rain (1965), Piano Phase (1967) oder Drumming (1970-71) kennenlernt, wird seine lebendige Kontrapunktik, bei der unablässig simple „Patterns" vor unseren Ohren und Köpfen verschoben werden, vermutlich mit dem Begriff Minimalismus verbinden. Das ist keineswegs unbegründet. Doch „Minimalismus" wird dem Schaffen dieses Komponisten aus den letzten drei Jahrzehnten und länger kaum gerecht.

Wie seine einzelnen Kompositionen, so entwickelt sich auch Reichs musikalische Sprache beständig weiter. Das Potenzial einer neuen Idee wird zunächst ausgeschöpft, bis der Hörer vorauszusehen meint, worauf der Komponist als Nächstes zusteuert. Doch dann bringt plötzlich eine weitere neue Idee, oder auch die Rückkehr zu einer alten, unbeachteten Idee, eine Änderung der Hörperspektive, sogar wenn die Patterns und der regelmäßige Puls hörbar beibehalten werden. Reichs Kompositionen fordern unsere Art des Hörens heraus. Sie fordern sogar unser Denken heraus.

Eine solche Weiterentwicklung begann bereits 1967, als Reich zu der Überlegung kam, dass die Technik der Phasenverschiebung, bei der ein kurzes rhythmisches Muster in zunehmend kontrapunktischer Fügung gegen sich selber läuft, interessanter mit Live-Instrumenten zu realisieren war als mit einem Tonband, das dieses Konzept der Phasenverschiebung erst möglich gemacht hatte. Die Weiterentwicklung lässt sich in bemerkenswerter Kontinuität durch Reichs Schaffen seit jener Zeit verfolgen: in der wachsenden harmonischen Differenziertheit und dem zunehmenden Reiz des Klangbildes von Music for Eighteen Musicians (1974-6), dem auffälligen melodischen Impuls von Eight Lines (ursprünglich Octet) aus dem Jahr 1979 oder auch in der Rückkehr zur Textvertonung – ob Hebräisch wie in Tehillim (1980-81) oder Englisch wie in The Desert Music (1982-84).

Auch der Umfang von Reichs Werken nimmt seit jener Zeit stetig zu. Das bahnbrechende Different Trains (1988) nimmt einige der Techniken der frühen, auf Sprachaufnahmen basierenden Tonbänder wieder auf, was einem richtungsweisenden Schritt in der Laufbahn des Komponisten gleichkommt und schließlich zu den Bühnenwerken The Cave (1989-93) und Three Tales (1996-2002) führt, die in Zusammenarbeit mit der Videokünstlerin Beryl Korot entstanden. Alle drei Kompositionen verwenden gesampelte Sprach- und andere Laute im Rahmen eines Live-Instrumentalwerks, und im Falle der beiden letzteren Werke sogar eines Bühnenwerks. „Gefundene" Sprachmelodien und -rhythmen werden in immer nuanciertere harmonische Strukturen eingearbeitet. Kennzeichnend für diese Werke ist auch die drängende Suche nach neuen Bedeutungen; Gegenstand der Betrachtung ist jeweils der Holocaust, das abrahamitische Erbe des 20. Jahrhunderts und die Bedeutung neuer Technologien.

Diese Suche nach Bedeutung findet sich auch in den Daniel Variations (2006) auf Texte von und über den amerikanischen Reporter Daniel Pearl, der 2002 in Pakistan entführt und ermordet wurde. Das Läuten der Metallophone und die vier Klaviere bauen auf noch weitreichenderen harmonischen und klanglichen Vorstößen auf, die Reich im 21. Jahrhundert unternommen hat, und führen sie auf neue Höhen lyrischer Intensität und dunkler Schwere.

Double Sextet aus dem Jahr 2007 hingegen eröffnet durch die paarweise Verwendung identischer Instrumente neue Perspektiven auf Reichs geläufige Ineinanderfügung von Patterns. In 2x5 von 2009 schließlich lässt sich der Komponist von einem Rückgriff auf sein frühes Schaffen zu seinem ersten Stück für reine Rockbesetzung inspirieren.

Reichs Werke aus den letzten drei Jahrzehnten sind in den klassischen Konzerthäusern der westlichen Welt immer häufiger zu hören; bestätigt wird ihr Rang durch den Pulitzerpreis für Musik im Jahr 2009. In der DJ-Szene, angefangen mit Brian Eno, hat insbesondere Reichs frühe, kantige Musik Anklang gefunden, nicht zuletzt wegen ihres radikalen Umgangs mit der Zeiterfahrung. Dass solche kulturellen Abgrenzungen jedoch, wo immer sie heute noch existieren, dazu da sind, überschritten zu werden, bleibt eine wichtige Botschaft von Reichs gesamtem Schaffen als Komponist.

Keith Potter, 2009

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