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Photo:Jörg Landsberg
Bremen 2005 (WP); David Mouchtar-Samorai, dir.

Kalitzke, Johannes

Inferno (2004)

Dauer: 100 Minuten
Opera based on the play of the same title by Peter Weiss

Einrichtung als Libretto: Johannes Kalitzke (dt.)

Besetzung
lightS,S,2A,CT,heldT,3T,charBar,Bar,BBar; mixed chorus; 2(I=rec,picc;II=afl,picc).2(II=corA).2(II=bcl).bcl.asax.tsax.2(II=dbn).dbn-4.3.2.1-timp.perc(3)-elec.git-theorbe-pft(=synth)-cel(=synth)-strings(10.8.6.5.4)-tape-live electronics; 4trbn and perc off-stage
Abkürzungsverzeichnis (PDF)


Vertriebsgebiet
Dieses Werk ist erhältlich bei Boosey & Hawkes für Aufführungen in der ganzen Welt.



Uraufführung
11/06/2005
Theater am Goetheplatz, Bremen
David Mouchtar-Samorai, Regisseur
Dirigent: Stefan Klingele
Ensemble: Theater Bremen

Rollen

DANTE ALIGHIERI(Charakter-)Bariton
VERGIL (auch: LATEINER, GIOTTO)(Helden-)Tenor
CHEF (auch: CHARON, MINOS, PLUTO, PHLEGIAS, MINOTAUROS, FUTSCHI, ODYSSEUS)Baßbariton und Countertenor (verteilte Rollen bzw. gedoppelt als "Alter Ego")
TSCHACKO (auch: FILIPP, PATZO, GERYON)Tenor
BEATRICEleichter Sopran ("Schlagersängerin")
FIGUR 1 (auch: LUCHS)Sopran
FIGUR 2 (auch: WÖLFIN, MEDUSA)Alt
FIGUR 3 (auch: LÖWE)Bariton
FIGUR 4 (auch: CAPANEUS)Tenor
FIGUR 5Tenor
FIGUR 6Alt
(Figuren 4-6 bilden unter verschiedenen Maskierungen den Gegenchor.)

Zusammenfassung
Eine Gesellschaft amüsiert sich. Da entdeckt sie unter sich einen Fremden. Ist es der Dichter Dante, zurückgekehrt aus dem Exil? Dante entwarf einst ein Bild des Infernos als Ort der Strafe für die Sünder. Doch die Hölle, die er nun betreten hat, ist die Wirklichkeit selbst.

Dante begibt sich auf die Suche nach seiner Liebe Beatrice. Doch die Spuren sind verwischt, er erkennt seine Heimatstadt von früher nicht mehr wieder. Die Bewohner wollen sich vom Dichter nicht an die Greueltaten der Vergangenheit erinnern lassen. Sie verhöhnen Dante Dichter und wollen ihn sich einverleiben. Unter Führung Vergils, hier ein angepaßter, zwielichtiger Staatspoet, führen sie Dante vor Augen, daß er selbst schuldig geworden ist: Er war selbst an einem Progrom beteiligt, führte im Exil ein angenehmes Leben und konnte Beatrice nicht retten. Dantes Widerstand ist gebrochen, er trägt sich ins Buch der Stadt ein.

Auch als Teil der Inferno-Gesellschaft, die nur die Gegenwart kennt, hört Dante noch immer das Klagen und Weinen aus der Vergangenheit. Er erträumt einen Ort des Friedens, doch seine Worte werden zur Propaganda umgemünzt. Ein erneutes Aufbäumen des Dichters wird brutal unterdrückt, seine Auszeichnungen werden ihm entrissen. Dante ist hilflos und steht allein wie zu Beginn. In einer Vision erscheint Beatrice und sagt sich von allen los.


Rezeption
Peter Weiss (1916–1982) ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mitte der sechziger Jahre plante Peter Weiss eine Trilogie in Anlehnung an Dantes Divina Commedia. Der dritte Teil der Trilogie, nach dem Paradiso-Teil der Divina Commedia, wurde unter dem Titel Die Ermittlung 1965 an 16 Theatern gleichzeitig uraufgeführt und hat die Protokolle des Frankfurter Auschwitzprozesses zur Grundlage. Inferno entstand 1964, es wurde erst 2003 aus dem Nachlaß veröffentlicht und bisher auch als Schauspiel nicht aufgeführt.

Peter Weiss setzt sich in Inferno mit dem Deutschland der Nachkriegszeit und mit seinem eigenen Schicksal in der Emigration auseinander, mit seinen Erfahrungen als Jude und deutschsprachiger Schriftsteller im Ausland. Johannes Kalitzke hat den Text von Peter Weiss gemeinsam mit dem Regisseur der Uraufführung, David Mouchtar-Samorai, für seine Oper gekürzt, den Wortlaut aber ansonsten nicht verändert. Hauptfiguren von Inferno sind, wie in der Divina Commedia, Dante selbst und der römische Dichter Vergil. Dante kehrt in das Land der Täter zurück, die ihn benutzen wollen, um sich von der eigenen Schuld reinzuwaschen. „Inferno ist das Deutschland von heute... die Mörder von damals an den Schaltwerken der modernen Wirtschaft Industrie Kultur“, formulierte Weiss 1964.


Pressestimmen
"Vermutlich das triftigste Musiktheater in jüngster Zeit."
Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Eine Bereicherung des immer wieder totgesagten zeitgenössischen Musiktheaters."
Süddeutsche Zeitung


Komponist Kommentare
Bei Inferno geht es um den Spiegel kollektiven Selbstbetruges im äußerlich als Korrumpierbarkeit verstandenen Verhalten des Künstlers, wobei das Verhältnis von Kommerz und Totalitarismus für mich eine zentrale Rolle spielt. Die menschliche Schwachheit des Dante, die ihn nicht widerstehen läßt, ist die Kehrseite seiner künstlerischen Integrität, der Distanz, und sie wird zugunsten einer gewaltträchtigen und eitlen Gemeinschaft ausgeschlachtet und im Sinne der Erpressung instrumentalisiert.

Der Begriff „schwarze Show“ charakterisiert das Werk wohl am besten, es ist ein Stück, das sehr viele tänzerische Elemente enthält und dessen drei „Kreise“ 10, 7 und 5 Teile (fast sollte man sagen Nummern) beinhalten, deren Eigenschaften wie in einem Strudel gegen Ende immer mehr zusammengedrängt werden, obwohl das Stück sich beruhigt und an Komplexität abnimmt. Elemente der Revue (Ragtime, Boogie), wenn auch in verzerrter Form, kommen genauso vor wie Parodien auf alte Musikformen: Hoquetus, Menuett etc. Die Form als Ganzes ist dabei auf dem Prinzip der Rotation, der Kreise, Spiralen und Strudel, Symbole des In-sich-Wiederkehrens, aufgebaut und bezieht sich damit eher auf Dantes Höllenkreise als auf das Prinzip der Gesänge und ihrer Zahlenproportionen, weil letztere aufgrund der Länge der Vorlage nicht übernommen werden konnten.

Das Libretto ist eine gekürzte Fassung des Originals, welches als Text nicht antastbar ist, lediglich als Ganzes für eine Oper schlichtweg zu lang wäre, eine Reduktion im Sinne auch inhaltlicher Konzentration daher erforderlich macht.

© Johannes Kalitzke


Stimmung
dramatisch


Themen
Geschichte, Politik, Literatur





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