English Deutsch Eine Einführung in die Musik Unsuk Chins von Paul Griffiths
Dieses Schillern, woher kommt es? Farben schimmern, schweben und schlängeln sich durch Unsuk Chins Musik, und ihre Ursprünge sind mannigfaltig. Sie werden von Harmonien hervorgerufen, die sich auf Naturtöne beziehen und zum Beispiel in ihrem
Violinkonzert auf den elementaren akustischen Gegebenheiten von Oktave und Quinte aufbauen. Direkter betrachtet, rühren diese Farben von jenem Läuten her, das in die Musik eingearbeitet ist: den Klängen des Klaviers, von Glocken und von den ausgedehnten, raffiniert gesetzten Schlagzeugpassagen, die Teil von Chins Kompositionen für Orchester oder Ensemble sind. Des weiteren gehen sie aus dem raschen Changieren zwischen unterschiedlichen Instrumentalklängen hervor, das seit ihrem
Akrostichon-Wortspiel von 1991–1993, mit dem ihr der Durchbruch gelang, für ihre Musik typisch ist. An anderen Stellen sind diese Farben gleichsam imaginäre Gegenwarten, so zum Beispiel die Menschenstimmen, die man aus den glühenden Klangwolken des monumentalen Orchesterwerks
santika Ekatala herauszuhören meint. Wieder andernorts entspringen sie ihren Instrumentenverbindungen, ihrer Fertigkeit, den Klang eines Solohorns in eine komplexe Mixtur aus Klavier, Schlagzeug und Streicherensemble zu projizieren (um nur einen aus dem Sturzbach herrlicher Klangmomente in ihrem
Doppelkonzert zu nennen) und damit die Farben
zwischen den Instrumenten aufzudecken. Musik ist für sie beweglicher Klang, vergänglicher und vielleicht auch illusorischer Klang. Sie läßt das Ohr und den Verstand um die Wette rennen – und sich daran freuen, durch solche leuchtenden Klanglandschaften zu jagen.
So wie die Farben auf einem Schmetterlingsflügel auf Licht zurückzuführen sind, das sich an einem Schuppenmuster bricht, scheinen sich diejenigen Chins aus der fruchtbaren Interferenz zwischen zwei bestimmenden musikalischen Strömungen entwickelt zu haben, auf die sie stieß, als sie in den 1970er und 1980er Jahren als Komponistin heranreifte. Wie bei den Pariser Vertretern der Spektralmusik hat Chins Arbeit mit elektronischen Mitteln ihr Bewußtsein dafür geschärft, daß und wie sich Klänge durch rein instrumentale Mittel erzeugen und verwandeln lassen und wie das Orchester wieder jener Zauberkasten sein kann, der es für Rimski-Korsakow oder Ravel war. Gleichzeitig sind die Ostinati und das Oszillieren kleiner melodischer Zellen, die sie der balinesischen Gamelanmusik entlehnt, zu Möglichkeiten geworden, Akkorde in musikalischen Verläufen zu definieren, die pfeilschnell durch komplex schillernde Harmoniefolgen huschen.
Chins klangliche Phantasie, ihre Meisterschaft in der kontrapunktischen Behandlung instrumentaler Linien bzw. rivalisierender Rhythmen sowie ihr Geschick, scheinbar Unvereinbares in Beziehung zu setzen (seien es Klänge oder Kompositionstechniken), müssen durch ihre Studien bei Ligeti gestärkt worden sein, dessen Unterricht sich in der Klarheit, dem Reiz, der kapriziösen Energie und der reinen klanglichen Schönheit ihrer Musik – auf glückliche Weise – widerspiegelt. Aber hören Sie genau zu: Sie kennt auch eine andere Art von Dunkelheit, von Kraft und Erinnern. Ihre Musik läßt keine nationalen Anklänge aufmarschieren: Ihre Vorliebe für den Klang gezupfter und geschlagener Saiten, für langsame Glissandi und für Zusammenstellungen von Glocken und Gongs haben keinen spezifischen kulturellen Beiklang, und genau das ist eine ihrer Stärken. Sie hat ihre Ursprünge hinter sich gelassen. Sie geht auf ihrem Weg voran.
Paul Griffiths, 2003
(Musikpublizist, Romancier und Librettist)