English Deutsch Français Eine Einführung in die Musik Del Tredicis von Heidi Waleson
"Del Tredici ist das, was man unter Komponisten so selten findet: ein
schöpferischer Geist von wirklich einmaliger Begabung. Ich gehe sogar so weit zu sagen
daß seine Musik ohne Zweifel einen nachhaltigen Einfluß auf die amerikanische Musikszene
haben wird. Ich kenne keinen anderen Komponisten seiner Generation...der so unverbrauchte
und wagemutige, so personliche Musik schreibt" sagt Aaron Copland.
Und Thomas Willis von der Chicago Tribune beschrieb die Resonanz der Uraufführung von
Final
Alice mit: "Die begeisterteste Aufnahme eines neuen Werkes, die ich je bei einem
Sinfoniekonzert gehört habe."
David Del Tredici ist Amerikas wichtigster Vertreter der wieder tonal schreibenden
Komponisten. Seine frühen Werke, oft Gedicht-Vertonungen von James Joyce, zeigen einen
sehr individuellen, ja skurrilen Umgang mit seriellen Techniken, in denen er gut
ausgebildet ist. Aber er brach früh mit der Sprache seiner Lehrer und ihren bereits
orthodoxen Kompositionsweisen und entwickelte sein eigenes Idiom, das sich farbenreich,
humorvoll und gefühlsstark auf einer breit angelegten Orchesterpalette tonaler Klänge
entfaltet.
Diese eigene Entwicklung setzte ein, als Del Tredici die Phantasiewelt von Lewis
Carroll auszukundschaften begann. Von da an zeigte sich seine Begeisterung für die beiden
Bände von Alice im Wunderland in allen Werken, von der stachlig-witzigen Vertonung des
Monster-Gedichtes "Jabberwocky" (in
Pop-Pourri) wo er dem
Orchester eine kontrastierende Gruppe von Folk- und Rockinstrumenten entgegenstellte
bis zur klangblühenden, theatralischen Kantate
Final Alice für
(verstärkten) Sopran und Orchester, die aus zwei ganzen Kapiteln von Alice besteht. Die
Texte führten ihn immer tiefer in die Tonalitat hinein, bis mit
Child Alice der
Höhepunkt erreicht war. Diese extravagant üppige, neoromantische Partitur geht sogar
über den Text Carrolls hinaus: Del Tredici bringt sich als subjektiven Betrachter selbst
in das Werk ein und beschreibt die Gefuhlswelt von Autor und Kind aus seiner Sicht.
Heute ist sich David Del Tredici der Zuneigung des Publikums und auch der Bewunderung
der Musiker die seine Überzeugung teilen, gewiß:
Final Alice wurde schon von mehr
als einem Dutzend amerikanischer Orchester gespielt und erntete unmittelbare Zustimmung.
Die vom Chicago Symphony Orchestra unter Sir Georg Solti eingespielte Schallplatte, mit
Barbara Hendricks als Solistin, war sofort ein Bestseller.
In Memory of a Summer Day;
Der erste Teil von
Child Alice und ebenfalls ein Platten-Bestseller, gewann 1980
sogar den Pulitzer-Preis für Musik. Glen Tetley, der große amerikanische Choreograph und
Nachfolger Crankos beim Stuttgarter Ballett, machte daraus
Alice, eine
Choreographie für das National Ballet of Canada. Überall in den USA haben Orchester
Werke an Del Tredici in Auftrag gegeben und gespielt, und auch in Europa, wo er jetzt
immer häufiger aufgeführt wird, genießt seine Musik die offensichtliche Symphathie des
Publikums. Seine eigenständige Sprache, seine perfekte Beherrschung der Möglichkeiten
des modernen Orchesters und sein direktes emotionales Zugehen auf den Hörer machen David
Del Tredici zu einem der meistgeschätzten Komponisten des heutigen Publikums.
Heidi Waleson, 1993
(Heidi Waleson ist freie Journalistin und häufig für die New
York Times und verschiedene Musik-Zeitschrlften tätig)