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Cherubinis Médée: Interview mit Alan Curtis

(January 2015)

"Schlichter, direkter und kürzer"
Ein Gespräch mit Alan Curtis über seine neu komponierten Rezitative zu Luigi Cherubinis Médée


Herr Curtis, man kennt Sie in der internationalen Opernlandschaft vor allen Dingen als Spezialisten und entdeckungsfreudigen Interpreten von Barockopern. Seit wann steht der Name Curtis für Cherubini?

Ich denke, diese Irritation fußt auf einem Fehler – nicht meinem, sondern einem historischen. Médée war eigentlich nur im 19. Jahrhundert populär, im 20. Jahrhundert dann erst wieder Dank der leidenschaftlichen Verkörperung durch Maria Callas in einer italienischen Version: Medea. Viele rechnen das Werk deshalb den Opern des 19. Jahrhunderts zu – definitiv nicht mein Fachgebiet! Wie auch immer, faktisch ist es eine Oper des späten 18. Jahrhunderts – aus der derselben Zeit wie beispielsweise Domenico Cimarosas Gli Orazi e i Curiazi, eine Oper, die ich vor einigen Jahren oft dirigiert habe in Rom, Lissabon und anderswo. Es war im Übrigen das Debüt von Anna Caterina Antonacci, die später auch Cherubinis Medea gesungen hat. Ich nähere mich der Médée aus der Perspektive ihres eigenen Jahrhunderts, der des 18. Jahrhunderts. Aber ich halte sie ohnehin für ein Meisterwerk, ganz gleich, wann sie geschrieben wurde.

Was bedeutet Ihnen die Musik Luigi Cherubinis? Wo liegt für Sie persönlich die Faszination?

Ich finde seine Musik sowohl leidenschaftlich als auch elegant, bisweilen sogar ziemlich humorvoll. Ich bin fasziniert – vor allem bei den frühen Werken – von der Energie und Kraft, mit der jemand darum ringt, sich von den Fesseln der Tradition zu befreien, die er gleichwohl respektiert. Außerdem bin ich sehr daran interessiert, in welcher Weise "Ausländer" wie Christoph Willibald Gluck, Niccolò Piccinni, Antonio Sacchini oder eben Luigi Cherubini den französischen Musikgeschmack adaptieren.

Warum hat Cherubini Ihrer Meinung nach noch immer nicht den Stellenwert im internationalen Repertoire, der ihm eigentlich zustünde?

Es ist schwierig, Veränderungen im Beliebtheitsgrad nachzuvollziehen, ganz zu schweigen davon, ob es überhaupt Sinn macht. Der Geschmack des Opernpublikums ist immer Modeerscheinungen unterworfen. Frühklassische Komponisten wie Christoph Willibald Gluck, Tommaso Traetta, Niccolò Jomelli, Antonio Sacchini und später Étienne-Nicolas Méhul und Luigi Cherubini werden meiner Meinung nach heute alle unterschätzt. Ich persönlich halte es für unmöglich, Georg Friedrich Händel zu überschätzen, dessen Musik ich verehre. Ich muss aber zugeben, dass er zwar momentan hoch im Kurs steht – in Bezug auf seine Opern nach einer Wartezeit von immerhin über 200 Jahren! –, muss aber mit Bedauern darauf gefasst sein, dass man nach dem nächsten großen Modeumschwung vermutlich weniger Händel hören wird. Ich denke, Cherubinis Zeit wird wieder kommen. Das Publikum wird ihn hoch schätzen, sobald es die Chance bekommen hat, seine Musik zu hören.

Cherubini selbst hat für seine Médée den formalen Aufbau einer Opéra-comique gewählt, also den Wechsel von geschlossenen Musiknummern und gesprochenen Dialogen. Außerhalb Frankreichs hat sich im 20. Jahrhundert vor allen Dingen Medea in einer italienischen Version von 1909 mit den Rezitativen Franz Lachners durchgesetzt. Wo liegt die Notwendigkeit, nun im 21. Jahrhundert eine neue Rezitativ-Fassung zu erstellen, die notgedrungen wieder nicht von Cherubini stammt? Was hat Sie dazu veranlasst, diese Dialoge zu vertonen?

Weshalb Cherubinis Médée zu einer Opéra-comique wurde, ist eine noch ungenügend erforschte Frage. Der Librettist François-Benoît Hoffman, ein angesehener Autor, der bereits häufig für die Königliche Oper in Paris gearbeitet hatte, schrieb sein Textbuch als Tragédie lyrique. Also sollte auch der Text, den wir als gesprochene Dialoge kennen, in Musik gesetzt zu werden: als begleitete Rezitative, Accompagnati. Auch war Cherubini nicht die erste Wahl als Komponist, sondern der Franzose Jean-Baptiste Lemoyne. Das Projekt scheiterte, die Verträge wurden aufgelöst. Später nahm sich das Théâtre Feydeau der Sache an. In diesem Theater durften nur Opern mit gesprochenen Dialogen gespielt werden, eben Opéras-comiques. Cherubini hat das Werk später nie im Sinne der von Hoffman intendierten Konzeption als Tragédie lyrique überarbeitet, vielleicht weil es bei der Premiere ohnehin kein großer Erfolg und er mit der Komposition anderer Opern beschäftigt war. Médée war in vielerlei Hinsicht ein "Kunstwerk der Zukunft". Zu jeder Zeit, heute eher noch stärker als in Cherubinis Tagen, sind Opernsänger nicht gerade für ihre Fähigkeit bekannt, gesprochene Texte herausragend zu interpretieren. Darüber hinaus schätzt (vielleicht gerade) das französisch sprachige Publikum nur selten Unbrechungen der Musik durch das gesprochene Wort. Franz Lachners Rezitativ-Version wurde über die Jahre, oftmals ohne darüber nachzudenken, weitgehend als obligatorisch akzeptiert. Durch die Übersetzung des französischen Originals ins Deutsche und von dort ins Italienische ging aber Einiges verloren. Wir sollten auch bedenken, dass Lachners Vorbild und Ideal Richard Wagner war. Er lebte zu einer Zeit, als ein Interesse für historische Musikbetrachtung gerade erst aufkam. Und es gab kein Bestreben, das originale Klangbild, das einem "antiken" Komponisten vorgeschwebt haben mag, wieder herzustellen. Ich biete diese neuen Rezitative nicht einzig darum an, weil sie besser sind – obwohl ich dieser Meinung bin –, sondern weil sie auf Cherubinis eigener Musiksprache basieren.

Was unterscheidet Ihre Neuvertonung der Dialogpassagen maßgeblich von den Intentionen Lachners?

Ich setzte voraus, dass Lachner Respekt vor Cherubini als Komponist hatte. Aber es scheint offensichtlich, dass seine Intention nicht der Respekt vor Cherubinis Stilistik war. Er wollte einfach bestmöglich ausdrucksstarke (deutsche) Musik im damals modernen (Wagner-)Stil schreiben. Ich bin – wie Cherubini – vom französischen Originaltext ausgegangen, habe versucht, diesen ähnlich Cherubinis Ausdrucksweise zu vertonen und erst dann meinen eigenen kompositorischen Vorlieben Raum zu geben.

Solch ein "Eingriff" verändert in der Konsequenz die musikalische Gesamtkonzeption einer Oper. Welchen Einfluss haben die Rezitative auf die Stilistik und den musikdramaturgischen Fluss der Médée?

Ich kann kaum so tun, als hätte ich den musikdramaturgischen Fluss nicht verändert, aber mein Ziel war es, ihn zu verbessern. Ich hoffe, dass ich das Essentielle der originalen Dramaturgie respektiert habe – im Übrigen bis hin zu Notwendigkeiten, die sich aus der Bühnenpraxis ergeben: z.B. habe ich für einen Abgang des Chores eine ähnliche Passage aus einer anderen Cherubini-Oper eingefügt. Ich denke auch, dass diese Bearbeitung – vor allen Dingen die Straffung des vertonten Dialogtextes – einem modernen Publikum helfen wird, sich auf das zu konzentrieren, was für uns heute interessant ist: Cherubinis Musik – und das, ohne dem originalen Text Gewalt anzutun.

Was ist an Ihren Rezitativen typischer Cherubini-Ton?

Wie bereits erwähnt, habe ich mich manchmal direkt bei Cherubini bedient, jedoch immer mit anschließender Veränderung – nicht um die Entlehnung zu verschleiern (wer würde heute Zitate aus frühen Cherubini-Opern erkennen?), sondern um sie dem anderen Text und der ähnlichen, wenn auch nicht identischen Situation anzupassen, wie es vielleicht auch Cherubini getan haben könnte. Ein Ergebnis "meines" Cherubinis ist im Gegensatz zu Lachner, dass die Rezitative generell schlichter, direkter und kürzer sind. Das hilft, die Aufmerksamkeit auf das zu konzentrieren, worum es geht: auf Cherubinis Musik, nicht auf meine.

Kann man überhaupt eine über 200 Jahre alte Oper im Sinne des Komponisten ergänzen oder liefert man nicht automatisch bereits eine subjektive Interpretation?

Ich will nicht behaupten, ich hätte die Oper im Sinne Cherubinis "vervollständigt". Aber ich schätze mich glücklich, dass ich ihm vielleicht helfen konnte, als Komponist einer vollwertigen Tragédie lyrique gehört und respektiert zu werden, in der die kühnen Ideen seiner bestehenden Musik mit nur minimalen Unterbrechungen zu Gehör kommen dürfen. Ich kann nicht beurteilen, ob meine Interpretation subjektiver ist als jene Franz Lachners. Ich weiß aber, dass meine Einschübe kürzer und stilistisch weniger störend sind. Außerdem sind sie näher an Cherubini als an Wagner.


Médée
05.02.2015 (Uraufführung der Fassung mit neu komponierten Rezitativen von Alan Curtis)
Theater Ulm
Musikalische Leitung: Daniel Montané
Inszenierung: Igor Folwill
Bühne: Hartmut Holz
Kostüme: Angela C. Schuett


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