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FEATURED COMPOSERS
Schultz, Wolfgang-AndreasDivino Orfeo (2007/08) 35'
for flute, viola, harp and orchestra

Scoring
2(II=afl).1.corA.1.bcl.2-2.2.2.0-timp.perc(1)-pft-strings(8.6.4.4.3+string quartet).
Abbreviations (PDF).

Composer's Notes      English
„Divino Orfeo“ ist eines der geistlichen Schauspiele des spanischen Barockdichters Calderón de la Barca. In ihm ist Orpheus die göttliche Stimme, die durch ihren Gesang die Welt erschafft. Dann werden Antike und Christentum parallel geführt – eine Tradition, die auf den Kirchenvater Clemens von Alexandria (3. Jahrh.) zurückgeht. Das Paradies ist zugleich Arkadien, Eurydike ist die Allegorie der menschlichen Natur, die Schlange, die den Sündenfall auslöst, ist dieselbe, die Eurydike durch ihren Biss tötet, und die Höllenfahrt Christi entspricht dem Gang des Orpheus in die Unterwelt. 

1. Teil: Die Schöpfung
Die Solistengruppe als Vertreterin der Stimme des Orpheus bereitet in Episoden, in denen verschiedene Skalen benutzt werden, deren Verwendung von indischen Ragas beeinflusst ist, die sechs Schöpfungsakte vor – die Welt entsteht nach und nach im Orchester (Das Chaos, Licht und Finsternis, Land und Wasser, die Pflanzenwelt, die Tiere – unter ihnen die Schlange – , und die menschliche Natur, Eurydike, repräsentiert durch die Solo-Violine); der siebte Tag ist der Ruhetag, dessen Obertonklänge der unteren, von Vierteltönen geprägte Schattenwelt gegenüberstehen.

2. Teil: Paradies / Arkadien
Liebesszene zwischen Orpheus (die drei Solisten) und Eurydike (Solo-Violine), eingefügt sind Abschnitte aus dem ersten Satz des 2. Streichquartetts „Eurydike – Zwei Landschaftsbilder für Streichquartett“, dabei einige Tänze, deren arkadische Heiterkeit durch das Thema der Schlange dunkel grundiert wird. Höhepunkt dieses Teils ist der Tod der Eurydike bzw. der Sündenfall.

3. Teil: Passion / Klage des Orpheus
Der göttliche Orpheus als menschlich Leidender, mit dem Höhepunkt der Kreuzigung.

4. Teil: Höllenfahrt /Abstieg in die Unterwelt
Die Stimme des Orpheus nähert sich der Sprache der Schattenwelt an. Der Tiefpunkt als Todespunkt ist eine rituelle Szene, die den angedeuteten Wiederaufstieg möglich macht. Hier werden Teile aus dem zweiten Satz des Streichquartetts („Hades“) eingefügt. Am Ende verdichten sich die beiden Sphären, die Erlösung in der christlichen Tradition und der erneute Verlust Eurydikes in der antiken zu begrifflich nicht auflösbaren Klangbildern.

Analyse-Wegweiser

Die Stimme der Orpheus (Flöte, Viola, Harfe) benutzt ausschließlich Skalen auf dem Ton d, wobei aber aus deren Tonmaterial auch Nebenzentren abgeleitet werden können, was einigen dieser Skalen eine interne Polyzentrik verleiht. Die jeweilige Ausgangs-Skala enthält meist festgelegte melodische Elemente, den Spielfiguren der indischen Ragas vergleichbar. Oft wird eine Art Heterophonie benutzt, eine auf die Instrumente verteilte, aufgefächerte Einstimmigkeit. Harmonien werden aus den Tönen der Skala abgeleitet und erhalten ihren Sinn durch Bezug auf die Skala.

Exposition:
In den leeren Raum tritt der erste Raga (d-e-f/fis-gis-a-b-cis-d), als einziger achttönig und neutral gegenüber Dur und Moll, da er die große und kleine Terz beide enthält, gleichsam ein neutraler Ur-Raga. Erster Schöpfungstag T. 36: Das Chaos, ein Cluster, aus den Dreiklängen Es-dur/c-moll und E-dur/cis-moll gebildet, den Tonalitäten der geschaffenen Welt. Durch den Cluster scheinen als Andeutungen Motive der weiteren Schöpfungsepisoden hindurch, über ihm liegt ein D-dur/moll-Akkord von ersten Rage hinüberklingend.
Zweiter Raga (d-es-f-gis-a-b-cis-d, T. 58)  und zweiter Schöpfungstag T.78: Licht und Finsternis. Der D-dur/moll-Akkord wird in den Fis-dur-Akkord überführt, in der tiefen Lage entwickelt sich über den Klängen G-As-C-Des ( entsprechend den Quinten über c und cis) bzw. B-H-Es-E ( entsprechend den Quinten über es und e) eine Vierteltöne verwendende nahezu konturenlose Schattenwelt.
Dritter Raga (d-es-fis-gis-a-b-cis-d, T. 100) und dritter Schöpfungstag T. 122: Land (Thema T. 127) und Wasser (Thema T. 132) – pentatonische Gestalten auf Es und E, gelegentlich schon bitonal übereinander gelegt.
Vierter Raga (d-es-f-gis-a-his-cis-d, T. 140) und vierter Schöpfungstag T. 154: Die Pflanzenwelt, Thema der Bäume T. 155 in tiefer Lage und Thema der Blüten T. 163 in der Flöte. Das Tonmaterial ist diatonisch, zuerst c-moll und Es-dur, dann cis-moll und E-dur.
Fünfter Raga (d-es-fis-gis-a-his-cis-d, T. 171) und fünfter Schöpfungstag T. 201: Die Welt der Tiere: Thema eines großen, wilden Tiers T. 201, eines kleinen, beweglichen T. 204, und das der Schlange T. 216 in den Baßinstrumenten. Die Tonalitäten Es bzw. c und E bzw. cis werden bitonal übereinander gelegt oder in Linien, die grundsätzlich noch diatonisch sind, ineinander verschränkt.
Sechster Raga (d-e-f-gis-a-his-cis-d, T. 233) und sechster Schöpfungstag T. 270: Eurydike, die Allegorie der menschlichen Natur, verkörpert durch die Solo-Violine. Die Melodik ist chromatisch, in der Harmonik durchdringen sich die Tonalitäten Es,c,E,cis derart, daß von c-moll und cis-moll nur die Tonika und der Subdominant-Quintsextakkord, und von Es-dur und E-dur nur die Tonika und der Dominantseptakkord verwendet werden, und zwar so, daß sich die tonalen Zentren dauernd durchdringen, oft mit enharmonischen Verwechslungen, in einer Art polyzentrischer Tonalität.
Der siebte Raga und der siebten Schöpfungstag als Ruhetag sind identisch (d-e-fis-gis-a-his-cis-d, T. 293). Die Skala läßt sich lesen als Folge der Teiltöne 1,9,5,11,3,7,15 über d und erlaubt daher allerdings temperiert korrigierte spektrale Klänge.

Durchführung:
In T. 311 fällt der Blick wieder in die Schattenwelt, dort entwickelt sich ein neues Thema im 1. Cello ab T. 328. Im Paradies bzw. in Arkadien begegnen sich Orpheus und Eurydike (ab T. 333, die Solistengruppe im Dialog mit der Solo-Violine), und es begegnen sich die Themen der Schöpfungstage mit den Ragas der Orpheus-Stimme, dazu werden gelegentlich Episoden aus dem 1. Satz des Streichquartetts („Arkadien oder das Fest der Liebenden“) eingeblendet, um den Eindruck von zwei parallel verlaufenden Erzählungen entstehen zu lassen. Immer wieder tritt das Schlangen-Thema auf, bis es ab T. 500 zu Eurydikes Tod bzw. zum Sündenfall führt.
T.  527 beginnt die Passion bzw. der große Klagegesang des Orpheus, auch hier unter Einbeziehung der Themen der Schöpfungstage. Das Schlangenthema, triumphierend in bitonaler Kadenz (E-dur und Es-dur, T. 609),  bildet als Chiffre der Kreuzigung den Höhepunkt. Es öffnet sich wieder der weite leere Raum ( T.614), dann beginnt der Abstieg in die Unterwelt bzw. die Höllenfahrt (ab T. 621).

Coda:
Die Stimme der Orpheus nähert sich jetzt der Schattenwelt an, indem im dritten Raga die beiden übermäßigen Sekunden durch Dreivierteltonschritte ausgefüllt werden, was einen zusätzlichen Raga ermöglicht über „es“: es-halberniedrigtes f-ges-as-b-halberniedrigtes c-des-es, in bitonales Spannung zum eigentlichen Grundton d. In T. 635 ist die Schattenwelt erreicht, eingefügt werden Abschnitte aus dem zweiten Satz („Hades“) des Streichquartetts. Als Tiefpunkt (oder Todespunkt) wirkt ein gleichsam rituell dreimal gespielter Abschnitt der Orpheus-Stimme (ab T. 663), der den Wiederaufstieg ermöglicht (T. 676) – hier klingt schon in der Harfe eine Tonfolge an, die durch das Obertonspektrum aufsteigen wird. T. 682 Reminiszenz an die Paradies-Szene: die Wiederbegegnung mit Eurydike, aber das Quartett erzählt vom erneuten Verschwinden Eurydikes im Hades (T. 685). Der Schlußteil verschlüsselt ineinander Anklänge an Eurydikes Erwachen ( T. 694, wie am sechsten Schöpfungstag), die Öde des Hades (Quartett T. 699), den Aufstieg des Orpheus durch  die Obertonskala (T. 703), bis sich schließlich die Schattenwelt zum Obertonspektrum auf E hin ausrichtet (ab T. 707). Der zarte Schlußakkord ist der Fis-dur-Akkord des Lichts vom zweiten Schöpfungstag.




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