FEATURED COMPOSERS

Erfolg für originale Médée in Brüssel

(April 2008)

Nach der Wiener Erstaufführung sowie der Auszeichnung mit dem Musikeditionspreis 2008 kam die Neuausgabe von Cherubinis Oper Médée nun an der Brüsseler Monnaie in neuer Inszenierung zur Premiere – und fand starken Beifall bei Publikum und Presse. Vor allem die musikalische Interpretation durch Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset unterstrich noch einmal mehr die Bedeutung der wiederhergestellten originalen Klanggestalt des Werkes.

Pressestimmen:

Krzysztof Warlikowskis Brüsseler Inszenierung schafft einen überwältigenden Theaterabend – der den Furor, der in der Titelheldin heftiger und heftiger tobt, getrost der Musik und ihrem Dirigenten Christophe Rousset überlassen kann.
Einer Musik‚ die man in dieser Form noch nie gehört haben dürfte. Cherubinis „Médée“ wurde vor allem in Deutschland zu einem Zugstück. 1855 vertonte Franz Lachner die ursprünglich gesprochenen Dialoge, es folgte ein internationaler Siegeszug der „Medea“, und 1909 wurde jene italienische Fassung etabliert, die durch Maria Callas, geradezu besessen von der Titelrolle, geadelt wurde ...
Doch die Cherubini-Oper der Callas unterscheidet sich nicht nur in der Sprache, sondern auch musikalisch grundlegend vom Original. Das allerdings bis vor kurzem nicht zugänglich war. Erst letztes Jahr legte Heiko Cullmann im Simrock-Musikverlag eine Edition der französischen Erstfassung vor, und wer sich die Mühe macht, diese Partitur mit einer der zahlreichen Callas-Aufnahmen zu vergleichen, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Schon das Italienische verhärtet dieses von einem grundlegend französisierten Italiener – Cherubini ließ sich 28-jährig endgültig in Paris nieder – komponierte Stück, raubt ihm Geschmeidigkeit, Farben, Zwischentöne, Reiz. Dazu kommt eine Vielzahl von nur selten einleuchtenden Kürzungen und Veränderungen in den 16 großflächigen Nummern – davon drei vor Aufregung jappsende Orchesterstücke. Besonders störend sind Lachners Rezitative, die, stilistisch fragwürdig, eine untheatralische Betulichkeit mit sich bringen und durch den so geschaffenen durchgängigen musikalischen Fluss die einzelnen Nummern in ihrer Wirksamkeit deutlich behindern.
Cullmanns zu Recht preisgekrönte Fassung. die erstmals vor einem Monat im Theater an der Wien erprobt wurde, nimmt all diese Veränderungen zurück und befreit das Stück so aus der untheatralisch nach großer Oper schielenden Überformung. Jetzt kommt ein herb aufregend die Zuschauer angehendes Musiktheater zum Vorschein, was ja auch mit dem für die „Médée“, aber auch noch für die „Carmen“ gewählten Gattungsbegriff „opéra-comigue“ gemeint ist.
Vor allem aber wirkt in den Callas-Aufnahmen der „Medea“ der klassizistische Aufführungsstil blutleer und starr. In Brüssel stellen sich mit Christophe Rousset und seinem Orchester Les Talens Lyriques erstmals Meister der historischen Aufführungspraxis der Cullmann-Fassung, und das führt bereits in der f-Moll-Ouvertüre zu einem Konventionen und Regeln sprengenden Sturm der Leidenschaften. Gleich zu Beginn fährt die Pauke ins Geschehen, verwüstet, zerstört, zerschlägt. Hoffnung ist hier keine, von Anfang nicht ...
Das in Warschau und Paris höchst erfolgreiche Theaterteam Warlikowski & Szczesniak seziert gnadenlos die psychologischen Verwerfungen in dieser antiken Scheidungsgeschichte, die bei Cherubini durch die Wirren der Französischen Revolution noch verschärft ...
Kurzatmig schnell, immer wieder abbrechend versucht der Frauenchor die zweifelnde Königstochter Dirce in freudige Hochzeitsstimmung zu versetzen. Doch die ahnt nur zu gut, dass ihre Ehe mit Schönling Jason in der Katastrophe enden wird. Virginie Pochon, die Braut in Weiß, singt mühelos ihre wahnwitzigen Koloraturen, sie sieht blühend jung, mädchenhaft aus, sie spielt hinreißend – doch dann kommt Nadja Michael als Médée, im schwarzen Lederkleid, ganz Verführung, ganz Selbstbewusstsein, Emanze, Sexgöttin ... Michael beherrscht die Bühne, verbannt alle Mitsänger ins zweite Glied und findet nur in dem mit ihr mit-leidenden, hemmungslos mit ihr tobenden Orchester einen würdigen Partner.
Zwei grandios furchtbare Duette hat Cherubini für diesen Endkampf einer einst ganz, ganz großen und nun ersterbenden Liebe komponiert: wilde Gefechte um Sex und Sorgerecht, um Themen wie Treue, Recht auf Neuanfang, Schicksalsgemeinschaft, Verrat.
Reinhard J. Brembeck, Süddeutsche Zeitung, 14.04.2008

Cherubini komponierte „Médée“ auf einen französischen Text als Opéra-comique, also mit gesprochenen Dialogen zwischen den Musikstücken. Die im 19. Jahrhundert oft gespielte italienische Fassung mit den Rezitativen Franz Lachners verlieh dem Werk eine eher klassizistisch-starre Fassade. Dieser Eindruck könnte jetzt endgültig der Vergangenheit angehören. Im Vorjahr gab der Dramaturg Heiko Cullmann im Simrock-Musikverlag die Bearbeitung der französischen Erstfassung heraus, die schon in Wien erprobt wurde und alle Elemente der „großen Oper“ tilgt. Zum Vorschein kam jetzt in der Brüsseler „Médée“- Aufführung ein aufregendes, psychologisch dicht gezeichnetes modernes Musik-Theater ...
Rousset ließ Cherubinis „Médée“-Musik eine hinreißende Verjüngungskur angedeihen. Atmende Lineaments, klanglich fein ausgesteuerte Balancen, ein beredter Vortrag, subtile instrumentale Valeurs, rhythmisch-markante Energien im Überfluss, kurzum: vitale, herrlich junge Musik, die präzis mit den Intentionen des Regisseurs Krzysztof Warlikowski und dessen Ausstatterin Malgorzata Szczesniak übereinstimmte. In deren verspiegelten Räumen sah man „Médée 2008“: Eine junge, energiegeladene, liebende Frau wird von einer indifferenten Gesellschaft so in die Enge getrieben, dass sie sich nur mit einer Gewalttat zur Wehr setzen kann.
Gerhard Rohde, F.A.Z., 22.04.2008

LUIGI CHERUBINI
Médée
Premiere: 12.04.2008 La Monnaie, Brüssel
Inszenierung: Krzysztof Warlikowski
Musikalische Leitung: Christophe Rousset
mit Nadja Michael, Philippe Rouillon, Kurt Streit, Chor der Monnaie; Les Talents Lyriques
Folgeaufführungen bis 02.05.2008


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Szenenfoto: © Marten Vanden Abeele

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