Schönberg-Preis für Helmut Oehring
(September 2008)
Helmut Oehring ist der Träger des diesjährigen Arnold Schönberg-Preises, der gemeinsam von Deutschlandradio Kultur, dem Arnold Schönberg Center Wien und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin vergeben wird. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Konzerts am 11.10.2008 in der Berliner Philharmonie statt. An diesem Abend wird auch die neueste Komposition Helmut Oehrings uraufgeführt: das 'Memoratorium' GOYA II – Yo lo vi, ein Auftragswerk des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und des Rundfunkchors Berlin.GOYA II – Yo lo vi ("Ich habe es gesehen") ist Teil einer Werkgruppe, zu der auch ein Streichquartett, ein symphonisches Werk und eine Oper gehören und die sich auf die Radierung Nr. 44 aus dem Zyklus "Desastres de la Guerra" von Francisco de Goya bezieht: eine Momentaufnahme aus dem vom Krieg gezeichneten Spanien, im Fokus die zivilen Opfer.
Ein Kind sieht den Krieg. In seinem Gesicht sehen wir den Krieg. Goya fragt nach dem Blick: dessen, der Schrecken erlebt; dessen, der davon berichtet; und dessen, der dadurch erinnert wird an das, was geschah und geschieht. Die Frage nach dem Blick stellt auch Oehring in seiner neuen Komposition. Der Sohn gehörloser Eltern sucht nicht nur den Dialog mit dem spanischen Maler, sondern auch mit dessen "Bruder im Geiste" Ludwig van Beethoven: Goya wie Beethoven waren durch den Verlust ihres Gehörs zunehmend isoliert innerhalb der Gesellschaft. Beide waren zerrissen im Zwiespalt: begeistert für die Ideen der Französischen Revolution – verkörpert und zugleich verraten in der Person Napoleon Bonapartes – und zugleich eng verbunden mit ihren Völkern im Kampf gegen die französischen Sendboten einer "freien" Welt. Und beide zitierten politische Inhalte, malten und komponierten konkrete Momente.
Im Zentrum von Oehrings 'Memoratorium' steht ein Kontrabaß spielender Erzähler. Er spinnt den roten Faden mit der Geschichte "Die Kinder von Gernika" von Hermann Kesten, in der es zwei Schlüsselfiguren gibt: ein Kind, das auf die Suche nach seinen vermutlich vom Bombenhagel getöteten Eltern geht. Es fragt die anderen Menschen immer wieder: "Hast Du meine Mutter gesehen, meinen Vater?" Aber sie können ihm keine Antwort geben, weil die grausame Wahrheit ihnen die Sprache verschlägt. Das Kind phantasiert sich einen alten Mann an seine Seite, dessen Rolle bei Oehring ein Gebärdensolist übernimmt und der zugleich einen Bezug zu Goya/Beethoven darstellt. Er ist der einzige, der dem Kind helfen kann und zwar nicht durch Worte, sondern durch Nähe. Das Versagen der Worte, die emotionale Körpersprache des gehörlosen Mannes prägt auch die musikalische Struktur.
Helmut Oehring:
GOYA II – Yo lo vi (2007) 50’
Memoratorium für Kinderstimme, Soli, Orchester, Chor und Live-Elektronik
Dramaturgie und Textzusammenstellung: Stefanie Wördemann aus Gedichten von Federico García Lorca sowie Texten von Hermann Kesten und Peter Weiss
Matthias Bauer, Kontrabaß & Sprecher / Jörg Wilkendorf, E-Gitarre / Daniel Göritz, Spanische Gitarre & E-Gitarre / Uwe Schönfeld, Gebärdensolist
Rundfunkchor Berlin / Deutsches Symphonie-Orchester Berlin / Ingo Metzmacher
*
Am 11.10.2008 findet in Berlin noch eine zweite Uraufführung von Helmut Oehring statt: Mühsams Musike – 7 Szenen frei nach Gedichten und Reimen von Erich Mühsam für Sprecher und 15 Instrumente entstand im Auftrag der Musikschule Marzahn-Hellersdorf aus Anlaß ihres 25jährigen Bestehens. Im selben Konzert, das im Wilhelm-von-Siemens-Gymnasium mit einem Musikschulensemble unter der Leitung von Jobst Liebrecht stattfindet und am darauffolgenden Tag im Kleinen Saal des Berliner Konzerthauses wiederholt wird, hat auch ein neues Werk von Detlev Glanert Premiere. Seine Nächtliche Flußfahrt mit Spottlied für Blasorchester ist eine musikalische Reminiszenz des Komponisten an seine erfolgreiche, 2003 in Halle uraufgeführte Kinderoper Die drei Rätsel.
> Further information on Performance: Nächtliche Flußfahrt mit Spottlied
> Further information on Work: GOYA II – Yo lo vi
Abb.: Grafik von Hagen Klennert zu "GOYA II – Yo lo vi"
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