Nachrichten zu den Komponisten bei Boosey & Hawkes
KOMPONIST IM PORTRÄT

Benjamin Lees

 1924 - 2010Benjamin Lees Photo: Bob Trogman/Boosey & Hawkes

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Lees’ von Bret Johnson

Benjamin Lees’ Musikschaffen hat sich seit seinen frühesten Orchesterwerken der 50er Jahre in vier Jahrzehnten geradlinig entfaltet. Klassische musikalische Strukturen bilden die Grundlage seiner Kompositionen, die gekonnt gestaltet und seiner persönlichen Sprache angepasst sind, immer tonal, aber mittels thematischer Entwicklung die ganze Bandbreite der Tonalität erkundend. Inversionen, Stretti, Kanons, Fugen, melodische und harmonische Auswertung von Intervallen sind allesamt Geschütze in Lees’ Arsenal, doch ist Lees, der virtuose Techniker, immer der Herr, nicht der Diener seiner Kunst. Und mit der Fortentwicklung seiner Kunst hat er sich gewissermaßen "vom drükkenden Erdenjoch gelöst", so daß jedes neue Werk in all seinen Aspekten einen anmutigen kompositorischen Höhenflug darstellt.

Lees’ auserwähltes Instrument ist und bleibt das Orchester, und fünf Sinfonien sowie zahlreiche konzertante Werke stehen im Kern seines Schaffens. Die vierte Sinfonie, Memorial Candles (1986), zum Andenken an die Opfer des Holocaust mit einer Sopranvertonung von Gedichten eines Uberlebenden, ist ein "Cri du coeur" von erschütternder dramatischer Intensität. Der unverblümte Realismus dieser Gedichte wird plastisch veranschaulicht vom Orchester, das Grauen in jeglicher Erscheinungsform aufzeigt: Angst, Abscheu, Wut und zum Schluß traurige Resignation finden Ausdruck mittels tremolierender Blechbläserfanfaren, schriller Streicher, tönender Celestas und einer Solovioline in der Rolle der gequälten Seele. Dieses 50minütige Werk erschloss für Lees neue Gefilde, genau wie Portrait of Rodin (1984), eine Suite tonaler Impressionen von farbiger Klangfülle. Und als Schöpfer von Miniaturen ist Lees in Mobiles (1980) zu finden, einer Serie untereinander verbundener musikalischer Kürzel, die auf beweglichen, abstrakt bildhauerischen Ideen beruhen.

Die vor kurzem veröffentlichte 5. Sinfonie (1988) ist traditioneller gehalten und gedenkt der Ankunft schwedischer Einwanderer in Delaware im 17. Jahrhundert. Ihre Kennzeichen sind rhythmische Spannung, wechselseitige Intervallbeziehungen (insbesondere von Oktaven und Quinten) und kompakte Gestaltung. Die anfangs besorgte Stimmung weicht allmählich anwachsendem Optimismus und froher Erwartung und gipfelt in einem herrlich beschwingten Finale. Zu den schönsten Werken von Lees’ Reifezeit gehört das Konzert für Blechbläser und Orchester (1983), sein dritter Versuch in einer Stückfolge für Gruppen von konzertierenden Instrumenten mit Orchester. Lees’ Geschick bei der Erkundung instrumentaler Kontraste und harmonischer Intervalle (wiederum Quinten und Oktaven), während er zugleich sein Material entwickelt, ist hier deutlich auszumachen.

Das Louisville Orchestra förderte frühzeitig den Werdegang des Komponisten, indem es seine 2. und 3. Sinfonie und das Konzert für Orchester (1959) auf Tonträger aufzeichnete. Die Häufigkeit, mit der seine Musik aufgeführt wird, bezeugt seine anhaltende Popularität bei bekannten Dirigenten bedeutender und regionaler Orchester, die Darbietungen nicht nur neuer Auftragskompositionen, sondern auch älterer Werke besorgen.

Unter seinen Streichquartetten führt das in jüngster Zeit entstandene 4. Quartett (1989) ein beliebtes Stilmittel von Lees vor Augen: das der kontinuierlichen Evolution. Klassisch aufgebaut und vom Komponisten als "Landschaft veränderlicher Metren und Turbulenzen" beschrieben, ist das Quartett eine meisterhafte Darlegung von Virtuosität, Eleganz und Ausgewogenheit. Der zweite schnelle Satz wird durchweg pizzicato gespielt, und der Schlußsatz mit seinem "Getümmel" von Motiven und dissonanten Harmonien ist ein Musterbeispiel abstrakter Form im Rahmen tonaler Grenzen.

Lees, immer ein disziplinierter Künstler, hat an seinen Wertvorstellungen und Uberzeugungen festgehalten. Für ihn kann und soll Musik um ihrer selbst willen genossen und geistig aufgenommen werden. Programmatische Hintergründe, ethnische Betrachtungen und "Americana" vertragen sich nicht mit seinem musikalischen Glaubensbekenntnis. Die Entdeckungsreise seines Lebens galt der Suche nach seinem eigenen Ideal künstlerischer Wahrheit. Der "Lees-Stil" ist auf den ersten Blick erkennbar, und jedem Werk wohnt erhabene Größe inne.

J. B. Johnson, 1992

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