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KOMPONIST IM PORTRÄT

Harrison Birtwistle

 b. 1934Harrison Birtwistle Photo: © Hanya Chlala / ArenaPAL

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Harrison Birtwistles von David Beard

In Harrison Birtwistles Musik spiegelt sich eine zutiefst persönliche Weltsicht, die durch Metaphern des Reisens, durch Rituale oder vielfache Perspektiven auf denselben Gegenstand Beziehungen zwischen verschiedenen Stufen musikalischer Komplexität und unserer Erfahrung der Welt herzustellen vermag. Auch wenn er sich in unterschiedlichem Maße von Strawinsky, Messiaen, Boulez und Cage beeinflussen ließ, besitzt seine Musik unverwechselbare Merkmale, wie die von Holzbläsern und Perkussion bestimmte Antiphonie, ausgedehnte, frei über einem mechanischen Untergrund fließende Melodien und Pulsschläge, die sich so verschieben, dass sie unsere Fähigkeit, Zeit zu messen, in Frage stellen. Das Satzgefüge verdichtet sich zuweilen zu eng verwobenen Schichten, doch aus solchen Klanglandschaften sprechen einzelne Stimmen mit fanfarenartigen oder tänzerischen Gesten. Anders gesagt, Birtwistles Musik ist immer tief im Körper verankert. Was nicht überraschen sollte, wenn man seine frühen Erfahrungen im Musiktheater in Accrington bedenkt, wo er Klarinette und Saxophon im Opernorchester spielte, und seine Rolle als Musikdirektor von 1975 bis 1983 am Londoner National Theatre.

Die Werke, mit denen ihm in den 1960er-Jahren der Durchbruch gelang, wie Tragoedia, Verses for Ensembles und seine erste Oper, Punch and Judy, zusammen mit den Earth Dances für Orchester – Birtwistles Frühlingsopfer – sind muskulös und extrovertiert; der Einfluss Strawinskys ist deutlich erkennbar. Gleichwohl besitzt Birtwistles Musik auch eine introspektive Seite, die sich zu technischen Experimenten, zurückhaltender Lyrik oder dunkler Melancholie nach innen wendet. Beispiele hierfür sind The Corridor, eine Übung in experimentellem Theater, die Orpheus’ Verlust der Eurydike durch eine Reihe immer dringlicherer Klagen betrachtet, die dunkel-beschwörenden, grübelnden Prozessionsstücke The Shadow of Night und Night's Black Bird, das ätherische Three Latin Motets für A-cappella-Chor aus der Oper The Last Supper, der von einer komplizierten Mechanik geprägte und gleichzeitig nuancierte, jazzartige Dialog zwischen Klavier und Perkussion in The Axe Manual, das forsche, scharf gezeichnete Crowd für Soloharfe und der perfekt aufgebaute Spannungsbogen beim ersten Auftreten des Minotaurus in seiner jüngsten Oper The Minotaur.

Obwohl die Konsequenz, mit der Birtwistle seine musikalische Vision verfolgt, bemerkenswert ist, zeigt seine neuere Musik faszinierende Anzeichen eines „Spätstils“. Am offensichtlichsten ist die Hinwendung zu Streichinstrumenten gegenüber der früheren Vorliebe für Holzbläser und Perkussion. In ihrer fieberhaften Energie, die von Momenten verträumter Innerlichkeit wieder ins Gleichgewicht gebracht wird, erinnert die Solostimme im Violinkonzert an The Minotaur und das Saxophonsolo in Panic; überaus komplex gebaut sind die „Fantasias“ und „Friezes“ für Streichquartett in Pulse Shadows – einem Schlüsselwerk auf Gedichte über den Holocaust von Paul Celan; Bogenstrich und Trio loten die Form der Fuge in überraschend romantischen Streicherklängen aus, wenn auch auf Birtwistles eigene Weise; die Bearbeitung von Bach-Fugen für Streichquartett unterziehen die Technik ebenfalls einer Neuüberprüfung. String Quartet: The Tree of Strings ist meisterhaft: ein erdiges, packendes Werk, das Birtwistles tiefe Beziehung zur Landschaft zeigt und darin die Erinnerung an frühe britische Komponisten wachruft. Und während er seine Themen weiterentwickelt, etwa das der Untrennbarkeit des Menschlichen oder Materiellen vom Göttlichen, das in Robin Blasers Libretto von The Last Supper durchscheint und in Angel Fighter und The Moth Requiem wieder aufgegriffen wird, behält Birtwistle frühere Techniken im Blick, etwa in dem von der antiphonalen Musik Giovanni Gabrielis inspirierten, überwältigenden Ensemblestück In Broken Images. Blicke auf Birtwistles eigene Vergangenheit erscheinen hier in einem Licht, das provokativ und doch anregend ist, das sich bricht und doch immer wieder neu entsteht.

David Beard, 2012
(Musikdozent an der Universität Cardiff; Autor von Harrison Birtwistle’s Operas and Music Theatre [Cambridge University Press, 2012]; Mitautor von Musicology: the Key Concepts [Routledge, 2005].)

 

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