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KOMPONIST IM PORTRÄT

Harrison Birtwistle

 b. 1934Harrison Birtwistle Photo: © Hanya Chlala / ArenaPAL

Porträt


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Eine Einführung in die Musik Harrison Birtwistles von Jonathan Cross



Harrison Birtwistles Panic – sein geräuschvolles, jazziges "Konzert" für Solosaxophon und Schlagzeug – erlebte 1995 bei der "Last Night of the Proms" eine umstrittene Uraufführung, die ein Millionenpublikum in aller Welt zu hören und zu sehen bekam. Während der scharfkantige und energisch extrovertierte Charakter dieses speziellen Stücks bei jenen Anstoß erregt haben dürfte, die in der Musik Komfort statt Konfrontation suchen, zeigte es den aufnahmebereiten Zuhörern einen Mann, der nicht bereit ist, in seiner Kunst Kompomisse einzugehen. Hier stellte sich ein Komponist vor, der seine kreativen Fertigkeiten voll und ganz beherrscht und seine Aussage dem Publikum so direkt wie möglich vermitteln will. Gerade diese Kombination von schöpferischer Zielstrebigkeit und Virtuosität hat Interpreten und Zuhörern in aller Welt die Musik Birtwistles nahe gebracht.

Im Jahre 1975 beschrieb Meirion Bowen (mit Worten, die aus Isaiah Berlins Essay The Hedgehog and the Fox entliehen waren) Birtwistle als den "Igel, der eine einzige große Sache weiß", und 1999 bemerkte der Komponist selbst: "Es gibt kein Auswählen mehr: ich weiß genau, wohin ich will…" Seine Musik ist einzigartig und unverwechselbar, und obwohl sie an der Oberfläche heute ganz anders klingt als in den Partituren seiner frühen Reifejahre, hat sie sich, eingehender betrachtet, kaum verändert. Die Vers-Refrain-Strukturen seines ersten veröffentlichten Werks Refrains and Choruses sind in Pulse Shadows aufs Neue heraus-zuhören; seine Beschäftigung mit der Neuschöpfung mythischer Erzählformen in Punch and Judy oder The Mask of Orpheus ist in The Last Supper noch ebenso evident; seine in Tragoedia gezeigte Vorliebe für abstrakte Rituale kommt später in The Cry of Anubis genauso zum Tragen; seine souveräne Beherrschung der elementaren Kraft des Orchesters in The Triumph of Time ist in The Shadow of Night weiterhin ein zentraler Aspekt; seine Faszination für die Zeit an sich in Chronometer ist in Harrison’s Clocks nach wie vor präsent.

Birtwistles Musik kann kühn, gewaltsam und primitiv wirken, im neuen Werk Panic ebenso wie in renommierten Partituren der 1960er-Jahre, z.B. in Verses for Ensembles; sie kann aber auch sanft, lyrisch und kontemplativ sein, wie in Nine Settings of Lorine Niedecker oder älteren Werken wie Linoi. Oft ergänzen die beiden Arten einander im selben Werk und erzielen so ein ausdrucksstarkes Ergebnis – The Woman and the Hare z. B. soll nach Aussage des Komponisten beides sein, "sowohl zart als auch aggressiv". Aber vor allem ist Birtwistle ein Mann des Theaters, und sein ausgeprägter Sinn für Dramatik durchdringt all seine Werke. Diese Fähigkeiten wurden während seiner Tätigkeit als Musikdirektor des Londoner National Theatre ausgebildet und fanden ihren höchsten Ausdruck in der Schauspielmusik zu Peter Halls gefeierter Inszenierung der Orestie, Aischylos’ antiker Trilogie. Diese Musik – rhythmisch aufgeladen, aber zusammengehalten durch lange klagende Melodielinien – dient sowohl Text als auch dramatischem Ablauf vollkommen und erzeugt eine angemessen tragische Atmosphäre, eine Musik, die gleichzeitig altertümlich und zeit-genössisch ist. Das Gleiche gilt im Hinblick auf Birtwistles monumentale Werke für die Opernbühne – The Mask of Orpheus, Gawain, The Last Supper –, in denen althergebrachte Opernformen wie Arie und Rezitativ zu mythischen Musikdramen von epischen Proportionen verarbeitet werden.

Seine Musik singt traurige Klagelieder, und sie tanzt auf Freudenfesten. Sie kann tragisch sein, aber auch vergnügt. Sie steht nie still: jedes neue Werk überrascht auf wunderbare Weise; jedes neue Werk fordert den Hörer auf erregende Weise. Zwar wurzelt Birtwistles Musik im Schaffen bedeutender europäischer Komponisten der Moderne – darunter Strawinsky in erster Linie –, doch ist sie imstande, mit dem einund-zwanzigsten Jahrhundert in einer originalen Sprache zu kommunizieren. Seine einzigartig ausgewogene Behandlung von Ursprünglichkeit und Rationalem, von Universellem und Besonderem, von Alt und Neu bringt eine Musik hervor, die sowohl Komfort als auch Konfrontation bietet, weil sie fähig ist, echte menschliche Emotion auf vielfältige und anregende Art darzustellen.

Jonathan Cross, 2002
(Dozent der Musikwissenschaft an der Universität Bristol, Autor der Bände Harrison Birtwistle: Man, Mind, Music [Faber & Faber/Cornell University Press] und The Stravinsky Legacy [Cambridge University Press])

 

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