Jonathan Lloyd: Erinnerung an einen Unorthodoxen
Boosey & Hawkes gedenkt des Komponisten Jonathan Lloyd (1948–2025), einer einzigartigen Persönlichkeit in der Kunst der 1980er- und 1990er-Jahre. Von schelmischer Erfindungsgabe, voller Lust an kulturellen Kollisionen, lag seinem Schaffen eine tiefgehende Faszination für die Mehrdeutigkeiten musikalischer Zeitverläufe zugrunde.
Boosey & Hawkes würdigt Jonathan Lloyd, der im Juli dieses Jahres im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Der Komponist verband in seinen Werken gekonnt raffinierte Kompositionstechniken mit Reverenzen an Poesie und Populärkultur. In den 1980er- und 1990er-Jahren erhielt Lloyd Kompositionsaufträge von führenden britischen Klangkörpern wie dem BBC Symphony Orchestra, der London Sinfonietta, dem London Philharmonic Orchestra und der Birmingham Contemporary Music Group und schuf Werke, die oft die Grenzen sprengten: in Hinsicht auf Virtuosität und auf musikalische Stile, die damals noch einer strengen Trennung unterlagen.
Lloyd war ein gewandter Komponist, was die klassischen Genres betraf – von kleinbesetzter Kammermusik über Werke für Laiengruppen bis hin zu groß angelegten symphonischen Partituren. Doch alles wurde aus einer sehr individuellen Perspektive angegangen. In einem Essay aus dem Jahr 1998 bemerkte der Pianist und Produzent Stephen Plaistow, Lloyds Musik habe „die Formalia und die ökonomischen Regeln des traditionellen Konzertlebens in Frage gestellt; aber indem er das Schwerzugängliche und das Populäre, das Gemeinschaftliche und das Anarchische auf neue Weise zusammenbrachte, hat er uns oft einen neuen Blickwinkel auf den musikalischen Diskurs eröffnet“.
Während seines Studiums am Royal College of Music in London reiste Lloyd 1973 nach Tanglewood in den USA, wo sein Werk Scattered Ruins den Koussevitsky-Preis gewann. Breitere Bekanntheit erlangte er 1981 mit der Uraufführung von Toward the Whitening Dawn, einem Stück für Kammerorchester und Chor zum Gedenken an John Lennon, in einem Konzert der BBC unter der Leitung von Michael Gielen; sie führte zu einer Reihe von Aufführungen und Aufträgen der London Sinfonietta, darunter ein Bratschenkonzert und Waiting for Gozo sowie 1984 eine sehr unorthodoxe Messe (Mass) für die London Sinfonietta Voices. In den 1980er-Jahren wuchs das Interesse an Lloyds Musik durch Aufführungen bei großen Festivals wie Aldeburgh, Huddersfield, Donaueschingen und den BBC Proms.
Lloyds fünf Sinfonien, die als Kernstück seines Schaffens angesehen werden können, sprengen die klassische Norm durch unterschiedliche Formate und Konzepte. Die Sinfonie Nr. 1 wurde von Simon Rattle und dem City of Birmingham Symphony Orchestra uraufgeführt, die Sinfonie Nr. 4 wurde für das BBC Symphony Orchestra geschrieben, und die Sinfonie Nr. 5 in Ensemblebesetzung wurde von der Birmingham Contemporary Music Group in Auftrag gegeben. Tolerance, de facto ein Konzert für Orchester, wurde 1994 vom London Philharmonic Orchestra unter Franz Welser-Möst uraufgeführt.
Im Mittelpunkt von Lloyds Ästhetik und Personalstil stand die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Zeit, häufig in Alltagserfahrungen oder in der Betrachtung anderer Kunstformen gegründet. So fußt beispielsweise sein Ensemblewerk Waiting for Gozo in der Erinnerung an eine verspätete Fähre von Malta nach Gozo – die vereitelte Abfahrt zu einer Beckett’schen Erfahrung „unendlicher Gegenwart“, und der Zustand der Ungewissheit macht in dieser Deutung die traditionellen Erwartungen an musikalische Entwicklung zunichte. In ähnlicher Weise fand seine neue Musik für Hitchcocks Stummfilmklassiker Blackmail, die in Europa und den USA auf Tournee ging, musikalische Parallelen zur Manipulation der Wahrnehmung von Zeit und Realität durch den Meister des modernen Kinos. Lloyds Sinn für Humor, oft sanft ironisch, und seine Verspieltheit, wie sie in all seinen so freigeistigen Werken zu hören sind, werden auch heute sehr geschätzt.
Einspielungen seiner Sinfonie Nr. 2 und der Mass sind beim Label Largo in Aufnahmen des SWF-Sinfonieorchesters Baden-Baden unter Lothar Zagrosek und der London Sinfonietta Voices erschienen, und die Sinfonie Nr. 4 liegt mit dem BBC Symphony Orchestra unter Martyn Brabbins bei NMC vor.
englischer Text: David Allenby, 2025
> Lesen Sie einen Nachruf auf Jonathan Lloyd im Guardian
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> Werke von Jonathan Lloyd bei Boosey & Hawkes
Foto: Jonathan Lloyd (© Bo Lutoslawski)