2(picc),2(corA),3(bcl),2(dbn)-3,3,3(btrbn),0-timp,perc(2),pft/synth(1player),e-bass-strings
Abkürzungsverzeichnis (PDF)
Sikorski
„Als erste speziell für einen Film komponierte Musik gilt ‚L’Assassinat du Duc de Guise‘ (1908) von Saint-Saens, noch im Geist der frühen Stummfilmbegleitungen komponiert, bei denen klassische Versatzstücke improvisatorisch durch einen Pianisten verbunden wurden. Die erste ‚moderne“ Filmmusik, die exakt mit Stoppuhr auf einen Film komponiert wurde, ist dagegen „Cinema“ von Erik Satie, aus dem Ballett ‚Relache‘ (1924). Satie wendet hier für seine Zeit sehr avantgardistische Kompositionsmethoden an, in dem er musikalische Phrasen einerseits persifliert und sie dann durch absurde Repetitionen als reines Material ins Leere laufen lässt. Er ist hierbei seiner Zeit weit voraus und näher an späterer Minimal Music als an den spätromantischen Idealen seiner Epoche.
Filmmusik ist heute im Mainstream größtenteils zum reinen Sound Design verkommen. Individuelle und originelle Ansätze gibt es nach wie vor, aber eher im Indie- und Arthouse-Bereich. Produzenten unterlegen die zu vertonenden Filmsegmente schon vor der Komposition mit sogenannten ‚Temp‘-Tracks, Versatzstücken aus schon erfolgreichen Filmen. Diese sollen dann möglichst ähnlich kopiert werden, was meistens billiger ist, als die Rechte am Original zu kaufen. Es verwundert nicht, dass hierfür auch zunehmend KI zum Einsatz kommt – das ist billiger als einen Menschen zu bezahlen.
Wiederverwendung gibt es aber auch – wer aufmerksam Filmtrailer schaut, wird bemerken, dass hier oft immer wieder dieselbe Musik verwendet wird, ohne jeglichen Bezug zum späteren Film. Sehr beliebt war hier zum Beispiel über viele Jahre ‚Requiem for a Dream‘ von Clint Mansell. Auch Quentin Tarantino benutzt gerne Filmmusiken aus anderen Filmen, meistens dann, wenn er sich postmodern auf bestimmte Genres bezieht.
Über die letzten 100 Jahre haben sich bestimmte Archetypen in der Filmmusik entwickelt, die zuerst sehr stark von klassischer und auch avantgardistischer Musik geprägt waren (letzteres vor allem im Hollywood der 50er und 60er Jahre), dann zunehmend Elemente der Popularmusik aufnahmen. Als Zuschauer reagieren wir aber nach wie vor im Grunde auf akustische Signale, die schon Anfang des letzten Jahrhunderts etabliert wurden. Wenn es romantisch wird, dominieren Streicher, sogar in Indien, das eine vollkommen andere musikalische Tradition hat. Wird es heroisch, sind es die Blechbläser. Und wenn es nachdenklich, besinnlich oder melancholisch werden soll, kommt mit großer Sicherheit die Klarinette zum Einsatz.
Die Kompositionstechniken im Film gehen auf jahrhundertelange Traditionen zurück: ein Streichertremolo suggerierte schon bei Monteverdi ‚Spannung‘ (zum Beispiel in ‚Combattimento di Tancredi e Clorinda‘ von 1607) – von dort zur berühmten Filmmusik zu Hitchcocks ‚Psycho‘ ist es eigentlich nur ein kleiner Schritt.
Mich interessieren diese Chiffren – warum wirken sie so wie sie wirken? Und was passiert, wenn man sie auf ungewohnte Weise kombiniert? Wie verändert militärische Marschmusik eine Liebesszene? Was passiert, wenn man Versatzstücke aus dissonanter Horrorfilmmusik mit kitschigem Musical kombiniert? Und vor allem: welcher Film entsteht dabei in unserem Kopf?
Wie in meinem Stück „Muzak“ (über Popmusik aller Genres) geht es mir hier um das kollektive Sehnsuchtsgedächtnis, das wir Menschen entwickelt haben, um Geschichten zu erzählen. „Film“ ist ein Stück über den Film in uns und eine neuzeitliche Hommage an den radikalen Ansatz von Erik Satie.“ (Moritz Eggert)