2.0.corA.2.2-2.0.0.0-strings
Abbreviations (PDF)
Boosey & Hawkes
Richard Strauss vollendete seine letzte Oper Capriccio im August 1941. Er war 77 Jahre alt. Dennoch, der Strom musikalischer Ideen floss weiter und Strauss blieb seinem täglichen Arbeitspensum treu – doch eher zu seinem eigenen Vergnügen, wie es schien. So begann er in den besonders ungewissen Jahren des 2. Weltkriegs eine Reihe von Werken, weniger in Sehnsucht nach als vielmehr umfangen vom Traum von einer versunkenen, zivilisierteren Welt. Dieser ‚Indian Summer‘, eine letzte Schaffensperiode von Instrumentalkompositionen und Liedern, brachte einen in jeder Hinsicht ausgereiften Epilog zu seinem Schaffen der vorherigen 60 Jahre hervor – abwechselnd düster, amüsant und empfindsam.
Gleich nach dem Ende des Krieges fragte John de Lancy, ein in Bayern stationierter amerikanischer Soldat (und als Zivilist 1. Oboist des Pittsburgh Symphony Orchestra), bei Richard Strauss frank heraus nach einem „Oboenstück“. Strauss antwortete mit einem ausgewachsenen Oboenkonzert, dem letzten Stück, das er in Deutschland vor seinem Weggang in die Schweiz begann (er vollendete es dort Ende Oktober 1945). Die Uraufführung fand am 26. Februar 1946 in Zürich statt – einen Monat, nachdem Paul Sacher die Uraufführung der Metamorphosen für 23 Solostreicher mit dem Zürcher Collegium Musicum dirigiert hatte. Marcel Saillet war der Solist, während de Lancy später die Amerikanische Erstaufführung besorgte. Far die Veröffentlichung im Jahr 1948 führte Strauss umfangreiche Revisionen am Schluss des Stückes durch.
Von allen ‚Indian Summer‘-Kompositionen ist diese die heiterste, dennoch handelt es sich um ein veritables Virtuosenstück, das vom Solisten einiges an Beherrschung und Bravour verlangt. Der 1. Satz beginnt fast wie die Ouvertüre einer komischen Mozart-Oper, das dahinhuschende Orchester bildet den Hintergrund für die weit gesponnene, kapriziös lyrische Kantilene. Ein Satz reich an Erfindung – in einer Weise, die an die Techniken, sogar an die Stimmung der Metamorphosen erinnert –, und einige seiner Themen werden im üppigen Andante-Mittelsatz weiter entwickelt, der ohne Pause aus dem 1. Satz erwächst und seinen Höhepunkt bei der Hauptkadenz des Werkes erreicht. Das Finale beginnt wie ein scherzohafter Rondosatz im 2/4-Takt und mündet in eine zweite Kadenz; diese wiederum leitet nicht eine Coda, sondern in ein leichtfüßig-elegantes Allegro im 6/8-Takt, das schließlich zurück zum Scherzocharakter und den geistreichen Schlusstakten führt.
© Malcolm MacDonald, 2001