Cherubinis Médée am Pariser Théâtre des Champs-Élysées
Das Puzzlespiel um die historische Gestalt von Luigi Cherubinis Médée/Medea bekommt eine neue Erweiterung: In Paris erklingt am 11. Februar das Werk als Tragédie lyrique, wie es von den Autoren einst intendiert war, mit großem Orchester, Ballett und Rezitativen. Die prominent besetzte Konzertaufführung bereitet die Veröffentlichung auf CD vor.
Mit Médée schuf Luigi Cherubini ein Werk, das Epoche machte. Die imposante Titelrolle entfacht sowohl Anteilnahme als auch Entsetzen, denn Cherubinis Musik lässt den Zuhörer Médées inneren Kampf, dieses Umkippen von Liebe in vernichtenden Hass, dramatisch hautnah miterleben. Dabei liegt der Nachdruck nicht auf der äußeren Handlung, sondern auf den psychischen Vorgängen der Figuren. In ihrer stilistischen Vielfalt, ihrer düsteren Größe und Erhabenheit sowie ihren großen, in sich geschlossenen musikalischen Szenen reicht Médée weit über die Opern der Zeitgenossen hinaus. Nicht ohne Grund rühmten Haydn, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Wagner und Brahms das Werk des italienischen Komponisten. Letzterer hielt Médée gar für „das Höchste an dramatischer Musik“.
Dank der akribischen Arbeite des Herausgebers Heiko Cullmann konnte das 1797 im Pariser Théâtre Feydeau Opéra auf Französisch mit gesprochenen Dialogen (in Versen) uraufgeführte Werk inzwischen von allen Entstellungen befreit werden, die es im Laufe seiner Geschichte erfuhr – namentlich in der Interpretation durch Maria Callas, die eine wirkungsvolle, aber ahistorische Form in italienischer Sprache und Stilistik etablierte.
Die preisgekrönte Rekonstruktion der Uraufführungsfassung wurde im Lauf der letzten Jahre durch weitere Editionen ergänzt, mit denen unterschiedliche Anforderungen seitens der Bühnen erfüllt werden können:
* deutsche Fassung mit Rezitativen von Joseph Weigl (1812)
* deutsche Fassung mit Rezitativen von Franz Lachner (1855)
* italienische Fassung mit Rezitativen von Luigi Arditi (1865)
* Fassung als Tragédie lyrique mit französischen Rezitativen von Alan Curtis (2015)
Im Rahmen eines CD-Projektes beim Label des Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française konnte zuletzt eine neue Fassung fertiggestellt werden, die, zusätzlich zur Einbeziehung der von Alan Curtis nachkomponierten französischen Rezitativen, eine im Vergleich zur Uraufführung größere Orchesterbesetzung (mit Trompeten und Posaunen) sowie zusätzliche Ballettmusik umfasst. Wie Quellen belegen, planten Cherubini und sein Librettist Hoffman, ihre Médée um das Jahr 1802 herum in dieser Form umzuarbeiten, und zwar für die Bühne der vormaligen Königlichen Akademie, nun „Théâtre de la République et des Arts“ genannt. Infolge politischer und biografischer Entwicklungen blieb das Vorhaben unvollendet – bis heute.
Im Pariser Théâtre des Champs-Élysées erklingt am 11. Februar erstmals Heiko Cullmanns Realisation der Médée als Tragédie lyrique mit großem Orchester, Ballett und Rezitativen. Die konzertante Aufführung ist prominent besetzt und in historischer Aufführungspraxis realisiert. Auf der Website des Théâtre des Champs-Élysées erläutert der künstlerische Leiter des Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française, Alexandre Dratwicki, in einer Videoeinführung die Hintergründe.
11. Februar 2026 Théâtre des Champs-Élysées, Paris
Luigi Cherubini: Médée
Tragédie lyrique in drei Akten
Libretto von François-Benoît Hoffman
Edition Heiko Cullmann
mit:
Marina Rebeka | Médée
Julien Behr | Jason
Mélissa Petit | Dircé
Patrick Bolleire | Créon
Marie-Andrée Bouchard-Lesieur | Néris
Hélène Carpentier | 1. Dienerin der Dircé
Margaux Poguet | 2. Dienerin der Dircé
Pierre Gennai | Coryphée
Le Concert de la Loge
Julien Chauvin | Musikalische Letung
Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles | Chorleiter Fabien Armengaud
Koproduktion Théâtre des Champs-Élysées | Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française | Centre de musique baroque de Versailles | Concert de la Loge
Abb.: Luigi Cherubini: Médée 3. Akt (Ignace Eugène Marie Degotti, Paris 1797) (c) Wikimedia Commons