Musik gegen das Vergessen — Zum Holocaust-Gedenktag 2026
Zum internationalen Holocaust-Gedenktag rücken Komponist*innen in den Fokus, deren Stimmen durch Verfolgung, Exil und Ermordung fast verstummten. Seit vielen Jahren engagiert sich unser Verlag für ihre Wiederentdeckung – zuletzt in der zweisprachigen Publikation Wendepunkte, die Musik und Biografien neu ins Licht rückt.
Am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, gedenkt die Welt der Millionen Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen – unter ihnen zahllose Künstler*innen, deren Werke über Jahrzehnte vergessen, verboten oder verdrängt wurden. Unser Verlag fühlt sich der Aufgabe verpflichtet, diese Stimmen hörbar zu machen – nicht nur durch das Auffinden und Publizieren der Werke, sondern auch durch die programmatische Vermittlung im Musikleben von heute.
Rund um den Gedenktag 2026 stehen erneut mehrere Konzerte im Zeichen dieser Erinnerung. Am heutigen Abend führt das Berliner Pilecki-Institut einen musikalisch-literarischen Erinnerungsrundgang mit Werken von Mieczyslaw Weinberg, Ilse Weber, Szymon Laks und Wladyslaw Szpilman durch. Moderiert wird die Veranstaltung von Frank Harders-Wuthenow, Senior Director Promotion and Repertoire bei Boosey & Hawkes.
Gleichzeitig erinnert das Theater Hagen unter dem Titel Gegen das Vergessen mit einer Uraufführung: Hans Winterbergs Turmmusik erklingt hier zum ersten Mal – ein Werk, das erst in den letzten Jahren aus dem Schatten eines komplexen Nachlasses ins Licht der Aufführungspraxis gerückt ist.
Am 28. Januar, widmet sich ein Kammerkonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter dem Titel Heldinnen der Malerin Friedl Dicker-Brandeis, die im Ghetto Theresienstadt Zeichen setzte – mit Werken von Ilse Weber, Gideon Klein und Hans Winterberg, ergänzt durch eine Lesung von Bibiana Beglau.
Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Polnische Institut Düsseldorf mit dem Konzert Bitte um ein Lied am 29. Januar – einer Hommage an den Auschwitz-Überlebenden Szymon Laks, dessen Musik mit leiser Ironie und klarem Formbewusstsein das Erinnern hörbar macht.
Internationaler Ausklang: Vom 31. Januar bis 8. Februar versammelt das Brundibár Arts Festival im britischen Newcastle erneut Werke von Pavel Haas, Hans Krása, Hans Winterberg und vielen weiteren Komponist:innen, deren Biografien durch Verfolgung geprägt sind – aber nicht zum Schweigen gebracht wurden.
***
Bereits im vergangenen Jahr haben wir diese Thematik in unserer zweisprachigen Publikation Wendepunkte – Verfolgte und verfemte Komponistinnen und Komponisten vor und nach 1945 in den Mittelpunkt gerückt. In Essays namhafter Autoren und kompakten Werkportraits reflektiert die Broschüre die Brüche, Exilerfahrungen und Nachwirkungen einer systematischen Auslöschung musikalischer Biografien – von Theresienstadt über die Emigration in die USA bis zur inneren Emigration und Nachkriegsisolation.
„Durch die millionenfache Vertreibung und Ermordung von Menschen in Europa in der Zeit des Nationalsozialismus und des stalinistischen Terrors, durch die systematische Bombardierung von Städten während des Zweiten Weltkriegs wurde unendlich viel Kulturgut verschüttet und vernichtet“, heißt es im Geleitwort. Die Relevanz dieser Thematik ist auch und vielleicht gerade 2026 ungebrochen. Migration, Exil, kulturelle Zirkulation und die Frage nach Erinnerung und Verantwortung prägen nicht nur die Biografien der Komponist*innen, denen wir uns widmen – sie stellen bis heute zentrale Fragen an das Musikleben und seine ethische Verantwortung.
> Further information on Work: Turmmusik
Foto: Hans Winterbergs Manuskript der Turmmusik (© Peter Kreitmeir)