Opernentdeckung: Julia Kerrs Chronoplan in Mainz
Julia Kerr (1898–1965), geborene Weismann, war nicht nur die Ehefrau des Berliner Kritikerpapstes Alfred Kerr – sie war auch eine erfolgreiche Komponistin. Vom Gang der Familie ins Exil berichtete ihre Tochter Judith in dem Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Im Fluchtgepäck: das unvollendete Manuskript der Zeitoper Der Chronoplan, in der das Ehepaar Kerr den großen Albert Einstein auf eine Zeitreise schickt.
Julia Kerr, 1898 in Wiesbaden geboren, gehörte Ende der 1920er Jahre zu den wenigen Komponistinnen, denen es gelang, sich eine Position in der absoluten Männerdomäne der zeitgenössischen Musikszene in Deutschland zu verschaffen. Doch der Durchbruch kam zu spät. Ihre erste Oper Die schöne Lau war die erste Oper überhaupt, die im deutschen Rundfunk vollständig übertragen wurde, in der Funk-Stunde Berlin im Februar 1928. Die erfolgreiche szenische Uraufführung erfolgte 1929 in Schwerin. Die Hamburger Staatsoper erteilte ihr daraufhin den Auftrag zur Oper Der Chronoplan auf ein Libretto ihres Mannes, des berühmten deutschen Schriftstellers und Literaturkritikers Alfred Kerr. Zur Uraufführung kam es nach der Machtergreifung der Nazis nicht mehr. Die Familie floh über Frankreich und die Schweiz nach England. Julia Kerrs Komponistinnen-Karriere war mit der Emigration beendet. Nach dem Krieg arbeitete sie als Sekretärin und Dolmetscherin, unter anderem bei den Nürnberger NS-Prozessen. Weltberühmt wurde die Tochter des Ehepaares Kerr, Judith Kerr, mit ihren Kinderbüchern, vor allem mit Als Hitler das rosa Kaninchen stahl.
Der Chronoplan – eine humoristische Zeitoper mit kulturpessimistischer Färbung – handelt von einer Erfindung Albert Einsteins, einer Zeit-Reise-Maschine, die dieser einer erlesenen Berliner Gesellschaft in seinem Haus in Caputh bei Berlin vorstellt. Unter den geladenen Gästen befinden sich unter anderem Max Liebermann, Richard Strauss, George Bernard Shaw, Gerhart Hauptmann und ein Journalist. Einsteins Einladung, eine Reise durch die Zeit anzutreten, folgen Shaw und der Journalist. Auf dem Weg ins alte Rom erleiden sie allerdings „Schiffbruch“ und stranden im England des frühen 19. Jahrhunderts, wo sie auf den jungen Lord Byron treffen, der am mal du siècle leidet. Nachdem Einstein die Zeit-Reise-Maschine repariert hat, wird Byron überredet, mit in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückzureisen. Dort verliebt er sich in eine junge, emanzipierte Berlinerin ...
Norbert Biermann, der bereits für die Rekonstruktion der verlorengegangenen Partitur von Jaromír Weinbergers Frühlingsstürme gewonnen werden konnte, ergänzte die bei einer Rundfunkproduktion von Auszügen der Oper beim Bayerischen Rundfunk 1952 verloren gegangenen Teile für die posthume Uraufführung des Werkes, die am 24. Januar 2026 im Beisein der Nachkommen von Julia und Alfred Kerr am Staatstheater Mainz über die Bühne gehen wird – in der Inszenierung von Lorenzo Fioroni und unter der musikalischen Leitung des Mainzer GMD Gabriel Venzago.
Julia Kerr
Der Chronoplan
Oper in drei Akten (1930–32)
Libretto von Alfred Kerr
vervollständigt und eingerichtet von Norbert Biermann
UA: 24.01.2026 Staatstheater Mainz
Musikalische Leitung: Gabriel Venzago
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Bühne: Paul Zoller
Kostüme: Annette Braun
Dramaturgie: Sonja Westerbeck
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Abb: Vorabfoto Staatstheater Mainz mit Tim-Lukas Reuter (© Andreas Etter)