Posthume UA von Gubaidulinas Prolog
Der Prolog ist ein bedeutendes Spätwerk der 2025 verstorbenen Komponistin Sofia Gubaidulina. An dem Auftrag der Orchester von Leipzig und Boston arbeitete sie wegen ihres angegriffenen Gesundheitszustands vor ihrem Tod nur mit großen Unterbrechungen und vollendete ihn nicht. Elena Firsova komplettierte nun die Komposition, die am 24. September uraufgeführt wird.
Der 2020 begonnene Prolog für Orchester bezieht sich auf Sofia Gubaidulinas kurz zuvor entstandenes Orchesterwerk Der Zorn Gottes. Wie so oft im Schaffen der Komponistin fügen sich mehrere ihrer Werke zu einem Gesamtkomplex, der eine bestimmte Idee umkreist und sich auf ein gemeinsames Material bezieht.
„Das Werk ‚Der Zorn Gottes‘ habe ich eigentlich als Finale geschrieben!“, kommentiert die Komponistin. „Ich bin immer knapp mit der Zeit ... Doch jetzt habe ich Zeit, einen Prolog zu diesem Finale ‚Der Zorn Gottes‘ zu schreiben und dabei zugleich an die Gedanken von Martin Buber anzuknüpfen, auf die sich mein Violinkonzert bezieht. Es geht mir übrigens immer so, dass mir der Schluss eines Werks zuerst einfällt – oder eine Stelle kurz vor dem Ende. Warum das so ist, weiß ich nicht. Jedenfalls kommt mir immer das Ende zuerst. Beide Werke – der ‚Zorn Gottes‘ und der ‚Prolog‘ – sind Beethoven gewidmet. Der Prolog soll die Ursache für das Finale präsentieren. Und das sind: Fragen, Fragen, Fragen.“
Sofia Gubaidulinas hochdramatisches, 2020 uraufgeführtes Orchesterwerk Der Zorn Gottes hatte seinen Ursprung in ihrem monumentalen Oratorium Über Liebe und Hass, dessen siebten Satz (in der 50-Minuten-Fassung, den dreizehnten in der 80-Minuten-Fassung) es ausdehnt und weiterentwickelt. Es ist eine Antwort auf die Rätsel, die Beethovens letztes Streichquartett Nr. 16 op. 135 aufwirft. Laut Gubaidulina „erscheint zu Beginn des letzten Satzes eine Phrase, die mich immer schon fasziniert hat: Muss es sein? Es muss sein! Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage: Muss es so sein? Ja, es muss so sein! ‚Der Zorn Gottes‘ gibt dann die Antwort auf diese Frage ... In orchestraler Hinsicht versucht die Musik immer wieder, vom Abgrund der tiefen Blechbläser über leichter strukturierte und solistisch geführte Episoden bis hin zu glocken-geladenen Schlussfanfaren emporzusteigen.“
Gubaidulina hatte an dem als Auftrag des Gewandhausorchesters Leipzig und des Boston Symphony Orchestra entstandenen Prolog für Orchester wegen ihres schlechten Gesundheitszustands nur unterbrochen arbeiten und das Werk nicht ganz vollenden können. Sie starb am 13. März 2025. Die mit ihr einst befreundete Komponistin Elena Firsova hat das Werk für die Uraufführung nun zu Ende komponiert.
Sofia Gubaidulina / Elena Firsova
Prolog
UA: 24.09.2026 | Symphony Hall, Boston, MA
Boston Symphony Orchestra | Andris Nelsons
> zum Konzert
__> Sofia Gubaidulina und das Boston Symphony Orchestra
Foto: Sofia Gubaidulina (li.) und Elena Firsova 2020 (© privat)