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Scoring

3.3.3.3-4.3.3.1-timp-2-3hp-strings

Abbreviations (PDF)

Publisher

Sikorski

Availability

Uraufführung
7/15/2023
Pärnu Concert Hall, Pärnu
Estonian Festival Orchestra / Paavo Järvi
Composer's Notes

„Paavo Järvi kam, wie schon 2016 und 2018, mit dem Wunsch auf mich zu, ein neues Orchesterstück für ihn und das Estonian Festival Orchestra zu schreiben. Ich habe mich gefreut, aber auch lange überlegt, was für eine Art von Stück dies sein könnte. Dann schien mir die Idee reizvoll, ein eigenständiges Scherzo zu komponieren. Scherzi müssen ja nicht zwingend lustig sein. Sie können – das kennt man von Chopin oder Bruckner – auch gespenstisch, grotesk oder dämonisch werden. Aber vom Tempo oder vom Bewegungsgestus her wollte ich so ein Stück schreiben.
Ich habe dann lange über den Titel nachgedacht, und mein erster Impuls war, das Stück ‚Der Premierminister tanzt‘ zu nennen. Es gab nämlich während der Arbeit daran mehrere Vorfälle, etwa mit der finnischen Premierministerin Sanna Marin oder mit dem früheren estnischen Premierminister Jüri Ratas, bei denen führende Politiker Popularität erwerben wollten durch zur Schau gestellten Leichtsinn. Aber ich habe den Titel fallengelassen. Meine Musik ist kein tagespolitischer Kommentar. Meine Essays in ‚Postimees‘ oder der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ können das manchmal sein, aber sie verhalten sich eher komplementär zu meiner künstlerischen Arbeit. Sie verdoppeln sie nicht. Eher inspiriert eines das andere.
‚Auf dem Narrenschiff‘ hebt das Thema ins Allgemeinere, ins Überzeitliche. Am Ende des Mittelalters hat es mehrere große Bücher und Geschichten gegeben, die sich mit der Welt als Narrenhaus beschäftigten. ‚Das Lob der Torheit‘ von Erasmus von Rotterdam gehört dazu, aber auch die Figur des Till Eulenspiegel. Mich hat besonders ein Satz aus dem mittelalterlichen Roman ‚Das Narrenschiff‘ von Sebastian Brant inspiriert: ‚Mundus vult decipi, ergo decipiatur – Die Welt will betrogen werden, also soll sie betrogen werden‘. Wenn man sich die Rolle von Fake News in unserer Zeit, in den Jahren von Pandemie und Krieg, aber auch in allem möglichen politischen Aktivismus anschaut, weiß man, dass dieser Satz auch nach 500 Jahren noch gültig ist. Menschen betrügen einander auf Facebook und Instagram. Coronaleugner, Klimawandelleugner oder Genozidleugner aller Art ziehen wissenschaftliche Erkenntnisse in den Dreck und gewinnen Wahlen damit. Politiker veranstalten Shows, um prominent und sympathisch zu wirken, statt dringende Probleme zu lösen. Und aus Gründen zeitgeistiger politischer Korrektheit wird die Geschichte umgeschrieben, weshalb wir kaum noch wissen, wie wir geworden sind, was wir sind. Das alles sind Überlegungen, die mich beim Schreiben bewegen.
‚Auf dem Narrenschiff‘ ist für ein klassisches Symphonieorchester von etwa achtzig Leuten geschrieben mit Holz- und Blechbläsern, Streichern, zwei Harfen und Schlagzeug. Das Orchester begreife ich immer als organische Einheit. Ich zersplittere es nicht in Böcke oder Ensembles. In Form, Dramaturgie und Material spiegelt ‚Auf dem Narrenschiff‘ vielfach mein Stück ‚Und müde vom Glück, fingen sie an zu tanzen‘, das Paavo Järvi in Pärnu mit dem Estonian Festival Orchestra 2018 uraufgeführt hat.
In der Zwischenzeit sind weitere Werke für großes Orchester entstanden und aufgeführt worden: ‚Ehe Leviathan erwacht‘ mit Mihkel Kütson und dem Estnischen Nationalen Symphonieorchester (ERSO), ‚Das innere Meer‘ mit Pietari Inkinen und der Deutschen Radiophilharmonie, ‚Maria Anna, wach im Nebenzimmer‘ mit Andris Nelsons, den Bamberger Symphonikern und den Berliner Philharmonikern, ‚Vom Sterben der Sterne‘ mit Pablo Heras-Casado und dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, ‚Schoß des ungeheuren Lichts‘ mit Michail Gerts und dem ERSO sowie mit Juraj Valcuha und dem NDR Elbphilharmonieorchester. Die Erfahrungen aus all diesen Stücken und die Arbeit mit den Orchestern sind auch in mein neues Stück eingegangen. Alle diese Werke leben als Kunst in der Zeit, in der sie entstanden sind, aber sie transzendieren sie, hoffentlich, zugleich und eröffnen den Hörern die Möglichkeit, die Welt und ihr Leben in anderer Weise zu begreifen, als die Meinungsforen des Alltags es zulassen.“ (Jüri Reinvere)

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