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Sikorski
„Den Großteil seines Lebens verbrachte Hans Werner Henze in Italien und seinem Domizil in Marino in der Nähe von Rom.
Henze war Zeit seines Lebens ein Mensch des Theaters, und so hatte auch sein Leben und sein Auftreten theatralische Züge. Marino war sein eigener Sehnsuchtsort, den er sich mit Hilfe seines Partners Fausto Moroni opulent eingerichtet hatte, komplett mit eigenem Weinberg samt Verkostungs-‚Höhle‘, einem Badmintonplatz, einem Schwimmbad und einem weitreichenden Gartengrundstück, dessen Begrenzung man aufgrund der Größe selten wahrnahm. Genauso wichtig wie das Grundstück selbst waren die darauf lebenden Tiere, darunter wechselnde Generationen von unglaublich dünnen Windhunden und exotische Vögel.
Henze empfing gerne und oft Gäste, die den weiten Weg von Rom auf sich nahmen, um dann von Fausto in einem spektakulären Jaguar abgeholt zu werden. Als Gast wurde man damit zwangsläufig Teil der Inszenierung. Einerseits war Henze gemeinsam mit Fausto ein hervorragender Gastgeber – für Wein und leckeres Essen (lange Gelage mit glänzender Unterhaltung, oft auch mit interessanten weiteren Gästen) war eigentlich immer gesorgt. Andererseits war man sich auch immer sehr bewusst, Teil eines komplexen Schauspiels zu sein, das vornehmlich vom Rhythmus des „Maestros“ bestimmt war. Diese spezielle Atmosphäre hat Hans-Ulrich Treichel in seinem Roman ‚Tristanakkord‘ ziemlich akkurat beschrieben, sehr zum Missfallen des Meisters.
Henze pflegte – ungeachtet der nächtlichen Aktivitäten am Abend vorher – früh aufzustehen, oft um 4 oder 5 Uhr morgens. Diese heilige Zeit galt seinen Kompositionen und er zog sich dazu in sein kleines Dachstudio zurück. In den Stunden bis ca. 9 Uhr hieß das für die Gäste, keinen einzigen Mucks zu machen, denn ansonsten erzürnte man den Meister, der sich absolute Stille wünschte. Ich werde nie vergessen, dass ich einmal den Fehler machte, sehr leise zur selben Zeit an einem der beiden Flügel im Salon ein paar Töne auszuprobieren – der Meister war ‚not amused‘ darüber.
Nach 9 Uhr zog sich Henze noch einmal zum Schlafen zurück, auch diese Zeit hieß es, in absoluter Stille zu verbringen. Wenn es besonders heiß war, konnte man sich zum Swimming Pool begeben, dort wachte aber eine Videokamera darüber, dass kein Tropfen Wasser auf die schönen Poolmöbel kam, man musste also unauffällig wie ein Aal den Pool betreten und wieder verlassen.
Gegen 12 Uhr begann für den Maestro der ‚angenehme‘ Teil des Tages, meistens mit einem Glas Whisky und später mehreren Flaschen Wein, gerne in angenehmer Gesellschaft mit seinen Gästen oder auch zahlreiche berufliche Anrufe entgegennehmend. Gerade am frühen Nachmittag erlebte man ihn dann als besonders empfänglich und ungefiltert, ich erinnere mich an viele schöne Gespräche, in denen er von seiner beeindruckenden musikalischen Laufbahn oder von seiner innig geliebten Ingeborg Bachmann erzählte, meistens mit Ergänzungen von Fausto (währenddessen die Bewirtung managend, und das immer vorzüglich). Sehr gerne veranstalte Henze auch große Abendgesellschaften, Hauskonzerte und Empfänge, immer mit interessanten Gästen und großem Pomp bis hin zu Fackeln im Garten.
In meinem Stück ‚Marino‘ versuche ich die eigenartige und faszinierende Atmosphäre wiederzugeben, die ich bei meinen vielen Besuchen dort erlebt habe, mit einer Mischung aus größtem Respekt, aber gelegentlich auch ängstlichem Schaudern, sich in dem Labyrinth aus Zuckerdosen, riesigen gemalten Porträts und schweren Vorhängen und Kissen für immer zu verlieren, zu verschwinden wie die Hauptfigur von ‚Piranesi‘ von Susanna Clarke, die sich in einer Art virtuellen Renaissance-Gefängnis verliert.
Die Besetzung entspricht der Besetzung von Henzes ‚Amicizia!‘, ursprünglich für den Cantiere d’Arte in Montepulciano geschrieben. Ich widme das Stück dem Meister, Mentor und Freund, der Henze für mich immer war. Ich vermisse ihn.“
(Moritz Eggert, 26.05.2026)