OPERA SEARCH
Atman!
(2025)Libretto von Bart Moeyaert; deutsche Übersetzung von Jean Abel (niederl., dt.)
M(=crot,toy accordion)-accordion(preferably button-accordion with converter bass); pre-recorded soundscape; live-electronics;
alternative version for mobile productions without soundscape and electronics
Abbreviations (PDF)
Bote & Bock
Dutch National Opera & Ballet, Studio Boekman, Amsterdam
Annemiek van Elst, Regisseur
Company: Dutch National Opera & Ballet
| ATMAN / Erzähler*in und weitere Rollen | Mezzosopran |
| Schwester von Matilda | Akkordeon |
Atman ist ein ganz normaler Junge, etwa neun Jahre alt. Er lebt in einer Stadt, in der er sich auskennt – glaubt er. Doch eines Tages passiert etwas Unerklärliches: Obwohl er den Schlüssel zu seinem Zuhause in der Tasche hat, weiß er plötzlich nicht mehr, wo dieses Zuhause liegt. Die Straßen wirken fremd, die Menschen, denen er begegnet, haben es eilig oder verstehen ihn nicht. Was wie ein Missverständnis beginnt, wird zur Irrfahrt durch eine Stadt, die ihm nicht mehr vertraut ist – und zu einer Suche nach etwas, das sich nicht so leicht in Worte fassen lässt.
Auf seiner Reise trifft Atman die unterschiedlichsten Menschen. Da ist eine Frau mit einem Kinderwagen, die ihn nicht versteht. Ein Junge mit Kopfhörern, der keine Zeit für ein Gespräch hat. Ein alter Mann, der sich nur an den Wind erinnert. Und ein Mädchen mit einem Luftballon, das ihm eine seltsame Frage stellt: Ob man zu Hause sein kann, auch wenn man gerade woanders ist. Immer wieder versucht Atman, mit den Erwachsenen ins Gespräch zu kommen – aber oft sprechen sie nicht dieselbe Sprache wie er, und noch öfter hören sie gar nicht richtig zu. Die Welt um ihn herum wird mit jeder Begegnung geheimnisvoller. Türen, die sich nicht öffnen lassen. Straßen, die im Kreis zu führen scheinen. Erinnerungen, die auftauchen und wieder verschwinden wie Träume. Je weiter Atman läuft, desto weniger geht es darum, den richtigen Weg zu finden – und desto mehr um das, was „Zuhause“ eigentlich bedeutet. Ist es ein Ort? Eine Erinnerung? Jemand, der wartet? Oder ein Gefühl, das tief in einem selbst wohnt?
Am Ende erkennt Atman, dass es nicht nur um eine Adresse geht, sondern um Verbundenheit – zu sich selbst, zu den Menschen, die man liebt, und zu der Welt, in der man lebt.
Ein neues Werk für junges Publikum aus der Feder von Leonard Evers wird von den Bühnen stets aufmerksam beobachtet – gibt es doch kaum ein deutsches Opernhaus, das sein Erfolgsstück Gold! noch nicht gezeigt hat. Nun hat der niederländische Komponist einen Auftrag der Dutch National Opera in Kooperation mit der Nederlandse Reis Opera und Opera Zuid erhalten. Wiederum erkundet Evers die Möglichkeiten des kleinen Formats: Atman! erfordert nur eine Mezzosopranistin in Begleitung eines Akkordeons – dem perfekten und transportablen Miniaturorchester. Atman hat nicht damit gerechnet, sich jemals in seiner eigenen Stadt zu verlaufen. Er hat den Schlüssel zu seinem Haus in der Tasche, aber wo er wohnt, weiß er nicht mehr. Was als einfache Bitte beginnt, als er Passanten um Hilfe fragt, wird zu einer Reise mit Umwegen und Hindernissen, die für einen neunjährigen Jungen manchmal unüberwindbar scheinen. Für Atman! arbeitet Leonard Evers erstmals mit Bart Moeyaert zusammen. Der Belgier zählt zu den großen europäischen Kinder- und Jugendbuchautoren der Gegenwart, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Astrid Lindgren Memorial Award. Mit nur wenigen Worten vermag Moeyaert die Gefühlswelt seiner jugendlichen Protagonisten präzise zu skizzieren.
Ich trug mich schon seit Jahren mit der Idee, ein kleinformatiges Stück über den Tod für ein junges Publikum zu komponieren. Auslöser dafür waren die wunderschönen, poetischen Geschichten von Bart Moeyaert, der auf großartige Weise über dieses Thema schreibt. Auf Drängen von Mechteld van Gestel (Bildungsabteilung Dutch National Opera) und Waut Koeken (Opera Zuid) fasste ich Mut – und eines Februarmorgens saß ich mit Bart in Amsterdam beim Kaffee. Wir verstanden uns auf Anhieb hervorragend. Der einzige Wermutstropfen war, dass Bart gleich klarstellte, er habe „mit dem Tod eigentlich abgeschlossen“. Ich ließ nicht locker, und das Gespräch wandte sich unseren Kindheitserinnerungen zu. Wir fanden uns bei diesen kleinen, alltäglichen Erinnerungen, die einen doch ein ganzes Leben lang begleiten. Unser Gespräch driftete zu den Dingen, die verloren gegangen sind: Spielzeug, Münzen, die Hausschlüssel oder ein gefundenes Steinchen, das man immer in der Hosentasche hatte. Ich konnte mich daran erinnern, dass mich das damals so sehr beeindruckt hatte, dass ich dachte, die ganze Welt würde sich verändern, wenn ich so etwas verlieren würde. Nach ein paar Stunden verabschiedete ich mich von Bart mit gemischten Gefühlen. Um ein sehr inspirierendes Gespräch reicher, aber noch ohne Aussicht auf eine konkrete Zusammenarbeit, und den Tod über Bord geworfen ... Eine Stunde später rief mich Bart ganz aufgeregt aus seinem Auto an. „Was wäre, wenn du dich selbst verlaufen hättest?“, sagte er. Das schien mir eine wunderbare Idee zu sein! Wir sprachen über Flüchtlinge, Navigationssysteme, das Abenteuerliche daran, sich in einer Großstadt zu verlaufen, und schon war wieder eine Stunde vergangen, während Bart, ohne sich zu verlaufen, zurück nach Belgien fuhr.
Einige Wochen später las Bart die ersten Zeilen von Atman! bei der Opera Zuid in Maastricht vor. Als ich den Text hörte, war ich sofort von dem Ton, dem Rhythmus und dem Metrum berührt. Ich spürte, wie sich die Zeilen wie von selbst formten, und konnte es kaum erwarten, bis der Text fertig sein würde. Wieder einige Wochen später erhielt ich das komplette Libretto, woraufhin ich es einen Sommer lang in einem Zug komponierte. Selten konnte ich so intuitiv schreiben. Die Sätze sangen sich geradezu von selbst. Ich merkte, dass ich mich manchmal sogar anstrengen musste, um aus dem Metrum auszubrechen. Es war wie eine dieser Erfahrungen, die man als junger Leser macht, wenn man so sehr in eine Welt eintaucht, dass man vergisst, dass man liest. Dieses Gefühl hatte ich beim Komponieren. Der Text gab mir die Gelegenheit, in verschiedene Welten einzutauchen: das weite Meer, große Wälder, die Kühle der geschäftigen Stadt. Und dann all diese unterschiedlichen Figuren mit ihren seltsamen, geheimnisvollen und doch wiedererkennbaren Charakteren!
Seit ich sechs war, wollte ich Akkordeon spielen. Dazu ist es leider nie gekommen. Deshalb habe ich mich entschlossen, dieses Stück aus der Kindheit für das Lieblingsinstrument meiner Kindheit zu schreiben. Es stellte sich als goldrichtige Entscheidung heraus. Das Akkordeon hat so viele Klangfarben und kann wie kein anderes Instrument zwischen verschiedenen Musikstilen hin- und herwechseln. Es war eine kleine Wiedergutmachung für die verpasste Chance aus meiner Kindheit. Ich spiele zwar immer noch kein Akkordeon, kann aber zumindest dafür komponieren!
Ich hoffe, dass jeder, der dieses Stück aufführt und miterlebt, in dieselbe poetische Welt hineingezogen wird, in der ich mich befand, als ich das Stück schrieb. Eigentlich war ich traurig, dass ich fertig war und diese Welt verlassen musste. Viel Spaß beim Verirren!
Leonard Evers
poetisch