Bote & Bock
tunnel, blau wurde durch ein Aquarell des Kölner Malers und Bildhauers HG Prager inspiriert und ist nach seinem Tod zugleich ein „in memoriam“ auf ihn geworden. Das Bild zeigt mehrere dunkelblaue Kreise in unterschiedlicher Stärke aus wechselnden Perspektiven, und es assoziiert in der Mitte eine Art Tunnel, wie man ihn von Jenseitsvisionen beziehungsweise Nahtoderfahrungen, vor allem aus der bildenden Kunst wie etwa bei Hieronymus Bosch, kennt. Hinter der äußerlichen geometrischen Form öffnet sich also der Raum eines durchscheinenden Urprinzips, der ein momentum des Entschwebens in andere Welten enthält.
Diese Ambivalenz zwischen Konstruktion und Mythos manifestiert sich beim Klavierstück als Rondoform mit thematischen Grundelementen wie bei einer durchsichtigen Kugel, bei deren Drehung sich nacheinander alle Elemente einmal gegenüberliegend miteinander verbinden. Die Grundbausteine, Intervalle und rhythmische Patterns, entwickeln sich dabei durch die Permutation veränderlicher Geschwindigkeiten und Transpositionen zu Kreisläufen, in denen das Ende einer Struktur sich jeweils wieder in ihrem eigenen Anfang schließt.
Im Hintergrund entstehen dabei historische „Schwebezustände“, Rekonstruktionen musikalischer Muster, die man von „Archetypen“ der Klavierliteratur (wie in diesem Falle Schumann) kennt. Deren Lautstärkebezeichnungen dienen dabei vor allem als Maßstab von Nähe und Entfernung, so wie ein Wind ferne Signale näher oder weniger nah an das Ohr des Hörers trägt, um etwas Verlorenes gegenwärtig zu halten.
Johannes Kalitzke, 2026