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Im Rahmen der diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik bringt Florian Hölscher ein neues Klavierwerk von Johannes Kalitzke zur Uraufführung: tunnel, blau wurde durch ein Aquarell des Kölner Malers und Bildhauers HG Prager inspiriert und ist nach seinem Tod zugleich ein „in memoriam“ auf ihn geworden.

Viele der Kompositionen von Johannes Kalitzke stehen im Zeichen visueller Assoziationen. Sie trachten nach einer Verräumlichung des musikalischen Geschehens und spielen mit unterschiedlichen Perspektiven und historischen Schichten. So auch sein neues Klavier-Solostück tunnel, blau, das am 24. April im Rahmen der diesjährigen Tage für neue Kammermusik im Atelier Witten zur Uraufführung kommt, gespielt von Florian Hölscher.

Der Titel des knapp 20-minütigen Werks verweist auf ein Aquarell des Kölner Malers und Bildhauers HG Prager, der 2025 im Alter von 80 Jahren starb. Pragers Bild „zeigt mehrere dunkelblaue Kreise in unterschiedlicher Stärke aus wechselnden Perspektiven, und es assoziiert in der Mitte eine Art Tunnel, wie man ihn von Jenseitsvisionen beziehungsweise Nahtoderfahrungen, vor allem aus der bildenden Kunst wie etwa bei Hieronymus Bosch, kennt“, so Johannes Kalitzke. Hinter der äußerlichen geometrischen Form öffnet sich für den Komponisten ein metaphysischer Raum – das „Urprinzip“ des Entschwebens in andere Welten scheine durch. Zur kompositorischen Struktur erklärt er:

„Diese Ambivalenz zwischen Konstruktion und Mythos manifestiert sich beim Klavierstück als Rondoform mit thematischen Grundelementen wie bei einer durchsichtigen Kugel, bei deren Drehung sich nacheinander alle Elemente einmal gegenüberliegend miteinander verbinden. Die Grundbausteine, Intervalle und rhythmische Patterns, entwickeln sich dabei durch die Permutation veränderlicher Geschwindigkeiten und Transpositionen zu Kreisläufen, in denen das Ende einer Struktur sich jeweils wieder in ihrem eigenen Anfang schließt.
Im Hintergrund entstehen dabei historische ‚Schwebezustände‘, Rekonstruktionen musikalischer Muster, die man von ‚Archetypen‘ der Klavierliteratur (wie in diesem Falle Schumann) kennt. Deren Lautstärkebezeichnungen dienen dabei vor allem als Maßstab von Nähe und Entfernung, so wie ein Wind ferne Signale näher oder weniger nah an das Ohr des Hörers trägt, um etwas Verlorenes gegenwärtig zu halten.“

Auf dem Programm des „Late Night: Tief im Tunnel“ betitelten Konzerts, das ab 22 Uhr auch live auf WDR 3 gesendet wird, stehen zudem Uraufführungen weiterer Werke von Enno Poppe, Sonja Mutic und Peter Evans. Neben dem Pianisten Florian Hölscher beteiligt sind Anne-Maria Hölscher, Akkordeon, das Ensemble Schwerpunkt sowie das SWR Experimentalstudio. Die 58. Wittener Tage für Neue Kammermusik vom 24.  bis 26. April 2026 stehen unter dem Motto „Gegenwart. Unentrinnbar." Im Mittelpunkt des Festivals steht die Komponistin Chaya Czernowin.

Johannes Kalitzke:
tunnel, blau
für Klavier (2025) 18 Minuten
Kompositionsauftrag der Stadt Witten für die Wittener Tage für neue Kammermusik 2026, finanziert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
UA: 24.04.2026 Atelier, Witten
Florian Hölscher, Klavier

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Foto: Johannes Kalitzke (© Manfred Rinderspacher)

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