Sikorski
„Am Heiligen Abend 2024 besuchte ich die Kirche von Karula in Südestland, für deren Aufbau meine Familie und ich uns zusammen mit den Pfarrern vor Ort und finnischen Freunden nach dem Zusammenbruch Sowjetunion engagiert hatten. Dort traf ich die Pianistin und Pädagogin Olesja Voronjuk, die auf der Insel Hiiumaa, im Nordwesten Estlands lebt. Sie bat mich, ein Pflichtstück für den Rudolf Tobias Klavierwettbewerb für Schüler zu schreiben, der in Käina auf Hiiumaa stattfindet. Käina ist der Geburtsort von Rudolf Tobias (1873 bis 1918), der für uns Esten eine große Bedeutung hat: Mit ihm begann die Tradition klassischer estnischer Musik, außerdem wohnte Tobias später lange in Berlin und arbeitete in der Hochschule für Musik. Mich freute diese Anfrage sehr. Es ist so wichtig, dass schon bei Schülern die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik beginnt, gerade auf dem Klavier, einem Instrument, auf dem schon alles gesagt zu sein scheint. Nachtbild mit Javafarnen setzt meine Reihe mit Nachtbildern für verschiedene Besetzungen fort. Javafarne wird fast jeder schon einmal gesehen haben. Aquarien werden gern mit ihnen bepflanzt. Sie sind Amphibien, die mit ihren langen, zarten Blättern sowohl unter Wasser als auch an der Luft leben können. Das Stück verlangt farbenreiches Spiel im zarten Bereich der Dynamik. Es geht weniger um Kraft als um Nuancen. Dabei nimmt das musikalische Material unterschiedliche Aggregatszustände vom Akkord bis zur Arabeske an. Wellenartige Bewegungen dürfen durchaus bildlich verstanden werden. Es gibt toccatenartige Passagen im schnellen Interlogging der Hände, aber sie sind klanglich gerade nicht toccatenartig, also ‚schlagend‘, sondern eher ‚schwebend‘ gemeint - wenn man so will: eine pianistische Amphibientechnik.“ (Jüri Reinvere)