From Japanese Poetry
(Aus japanischer Poesie) (1993)fl-pft/cel/vib
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Sikorski
Der Vokalzyklus „Aus japanischer Poesie“ besteht aus drei Sätzen, die ohne Pausen ineinander übergehen und musikalisch einheitlich gearbeitet sind.
Frangis Ali-Sade beschreibt ihr Werk folgendermaßen: „Hauptthema ist die Nostalgie, das Heimweh. Jede Zeile der fünfzeiligen japanischen Gedichte ist äußerst gewichtig und bedeutungsvoll. Die Stimmungen schwanken: von stillem Kummer bis zu Aus-brüchen der Verzweiflung, von lichter Trauer bis zu finsterer Weltentfremdung, von bitterer Groteske (Nr. 3) bis zu tiefer Tragik. Außerordentlich lyrisch sind die Erinne-rungsbilder an die heimatliche Landschaft: die feine Mondsichel, der Azaleenzweig, die Herbstnacht u.s.w. Die Poesie Takubokus beeinflusste die lakonische musika-lische Ausdrucksweise, die mosaikartigen Formen, die schnellen Wechsel der Tempi, der Faktur und der Klangfarben.
Das Werk ist Sofia Gubaidulina gewidmet. Für mich sind unsere Begegnungen in Baku, Moskau, Heidelberg und Hamburg sehr wichtig gewesen. Häufig unterhielten wir uns über den Verlust der Heimat. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurden wir in alle Winde zerstreut. Es ist interessant, dass dieser Zyklus im Jahre 1990 entstand, gewissermaßen wie ein Vorgriff auf die Ereignisse, die danach zur Wende führten. Als Ausgangspunkt für meine Gedanken versuchte ich, mir die Persönlichkeit Sofia Gubaidulinas vorzustellen: „Ich habe einen eigensinnigen Kopf! Immer denkt er an das, was unerreichbar ist.“
Die Musikwissenschaftlerin Dorothea Redepenning analysiert „Aus japanischer Poesie“: Die für Frangis Ali-Sade charakteristische, psychologisch motivierte Klang-farbenregie wird gleich im ersten Satz deutlich: Eine Sphäre sind die ruhig fort-schreitenden Akkorde der Celesta, die mit den Worten von Einsamkeit und Trauer korrespondieren; die andere Sphäre sind die figurativen Passagen im Klavier als ein Sinnbild für ein aufgewühltes Seelenleben, das hinter den Worten steht. Thema des zweiten Satzes sind schmerzvolle Erinnerungen, die in den virtuosen Passagen des Klaviers und der Flöte fast gewaltsam hervorbrechen, und am Schluss, wenn von Heimweh die Rede ist, in eine weitgespannte Kantilene (Sopran und Vibraphon) übergehen. Der dritte Satz beginnt mit einer Art Trauermarsch. Repetitionsfiguren und Arabesken, vielleicht eine ferne Reminiszenz an aserbaidschanische Musik, leiten über zum Text. Der imaginäre Held sieht sich hier als Ausgegrenzter und Grübler; dem entspricht musikalisch ein grotesker Tanz. Am Schluss kehrt der Trauermarsch wieder.