Instrument des Jahres 2026: das Akkordeon
Seit 2008 wird jedes Jahr deutschlandweit ein Instrument des Jahres gekürt und zwölf Monate lang in den Fokus gestellt. Jedes Bundesland beruft Botschafter*innen und weckt auf jeweils eigenen Wegen Neugier auf die vielen Facetten – aktuell des Akkordeons. Zum Anlass stellen wir modernes Repertoire aus unseren Katalogen vor.
Welche erstaunliche Vielfalt in dem vergleichsweise jungen Instrument Akkordeon und seinen nahen Verwandten Bajan oder Bandoneon verborgen ist, wurde nicht zuletzt in der Neuen Musik entdeckt und weiterentwickelt. Im 19. Jahrhundert von dem Thüringer Instrumentenbauer Friedrich Buschmann und dem Wiener Anton Haeckel gebaut, liegt das Vorbild für das diatonische Instrument mit wechseltönigem Diskant eigentlich in China: Die Mundorgel Sheng, die sich auch nach Japan, Korea und viele andere asiatische Länder ausbreitete, nutzt genau wie das Akkordeon freischwingende, durchschlagende Zungen.
Im 19. und 20. Jahrhundert war das Akkordeon in Europa vor allem ein Volksmusikinstrument, ging später aber auch in die Jazzmusik und die südamerikanische Musik über und wurde schließlich von der Avantgarde wegen seiner reichen Klangvarianten und Verfremdungsmöglichkeiten, etwa ein geräuschhaft „atmender“ Balg, immer differenzierter eingesetzt. Hier eine Auswahl unserer interessantesten und erfolgreichsten Kompositionen für Akkordeon:
Frangis Ali-Sade:
Counteractions für Violoncello und Akkordeon (2002/2003)
▶ Musik hören
Counteractions hat wie viele andere Werke des aserbaidschanischen Komponistin Frangis Ali-Sade eine Beziehung sowohl zur Natur als auch zur Mythologie ihrer Heimat. Die Instrumente bringen hier einen sogenannten „brennenden Berg“ (Yanar Dag) in Aserbaidschan zum Klingen, wo sich so viel Öl tief in der Erde befindet, dass Gasemissionen an die Oberfläche dringen und Feuer fangen. „Der monumentale Raumklang des Akkordeons“, so die Komponistin, „steht wie das Grummeln der Erde der aufgeregten ‚menschlichen‘ Stimme des Cellos gegenüber. Sie befinden sich in einem ewigen Widerstreit“.
Johannes Boris Borowski:
Lied für Akkordeon solo (2008)
▶ Musik hören
Im Lied für Akkordeon solo assoziiert der Komponist eine ruhige Schneelandschaft, in der alles liedhaft und einfach erscheint. „Unter der Schneedecke: Strophe für Strophe: Sehnsucht.“, kommentiert er. „Die Konturen sind verdeckt-verändert, rücken in die Ferne. ‚Es könnte so sein‘, denke ich. ‚Ja, so ist es‘. Und für einen kurzen Augenblick: ‚Das ist meine Welt. Aber: Unter den Konturen ist es lebendig. Und dieses Leben dringt in meinen Kopf und lässt mich erschrocken innehalten. Ich schließe die Augen, sehe die Weite des Himmels über der Schneefläche, höre das Knacken der Eisfläche über dem Fluss. Ich spüre die Kraft und die Gewalt. Zwingend, unbedingt und geradlinig.“
Brett Dean:
The Players für Akkordeon und Orchester (2018/2019)
▶ Musik hören
The Players bezieht auf Material aus Deans Hamlet-Oper. „Es war stets mein Ziel“, so der Komponist, „aus diesem Material ein Solowerk für Akkordeon zu schaffen, und so entstand, ein 20-minütiges Konzert mit mittelgroßem Orchester, das die Szenen der Schauspieler aus dem ersten Akt der Hamlet-Oper in einer Suite aus fünf miteinander verbundenen Sätzen neu interpretiert“. Neben einer Bearbeitung der Musik für die größtenteils pantomimisch dargestellte Aufführung von ‚Der Mord an Gonzago‘ enthält dieses Konzert neu komponierte Anfangs- und Schlussteile.
Moritz Eggert:
Zug um Zug für Akkordeonorchester (2004)
▶ Musik hören
Das ca. 14 Minuten lange Werk entstand für den Leiter des Nürnberger Akkordeonorchesters Stefan Hippe und wurde im Juni 2005 in Fürth uraufgeführt. Hippe war bis 2021 Dozent für Dirigieren und als Dirigent des Seminarorchesters am HOHNER Konservatorium in Trossingen und ehrenamtlich. Seit 2021 ist er an der Musikschule Nürnberg stellvertretender Schulleiter und hat dort auch das sinfonisch besetzte Nürnberger Jugendorchester wieder aufleben lassen.
HK Gruber:
Busking für Trompete, Akkordeon, Banjo und Streicher (2007)
▶ Musik hören
Der Titel „Busking (Straßenmusik)“ bezieht sich auf das spanische Wort ‚buscar‘ (suchen). HK Gruber assoziiert hier aber auch Pablo Picassos Bild Drei Musikanten aus dem Jahr 1921. „Ich hatte beim Komponieren keine bildlichen Vorstellungen“, so Gruber, „außer den klanglichen, die Picassos Bild in mir auslösten. Mein Freund, der Komponist Kurt Schwertsik schilderte mir in einer Mail seine persönlichen Höreindrücke: ‚Busking ist bei mir bestimmt in der Kategorie Stimmung fest etabliert. Diese Straßenmusiker tun wirklich allerhand, um die Passanten zu Geldspenden zu bewegen. Der Trompeter und der Banjospieler kennen keine Faulheit. Nicht genug, damit werden sie auch noch von den Streichern dauernd angefeuert.“
Sofia Gubaidulina:
Fachwerk für Bajan, Schlagzeug und Streicher (2009)
▶ Musik hören
Für Gubaidulina enthält der Begriff Fachwerk, dessen Wortklang sie ungemein fasziniert hat, zwei Komponenten. Zum einen steckt darin die handwerkliche Arbeit, die notwendig ist, um die Komposition in Struktur, Form, Architektur und zeitlichem Ablauf zu einem aufführbaren musikalischen Werk zu machen. Auch in dem Instrument Bajan manifestiert sich aufgrund seiner Bauweise und seiner spezifischen Klangmöglichkeiten in den Augen der Komponistin das „Fachwerk“-Prinzip in vollendeter Weise. So verbinden sich in diesem Instrumentalkonzert – wie auch in ihren bisherigen Werken – Schönheit und Konstruktion zu einem künstlerischen Ganzen.
Magnus Lindberg / Janne Valkeajoki:
Accordion Jubilees (2000), arr. 2017 für Akkordeon solo
▶ Musik hören
Accordion Jubilees ist eine hochvirtuose Transkription des sechsteiligen Klavierzyklus Jubilees, der mit Jubilee I anlässlich eines Geburtstags von Pierre Boulez im Jahr 2000 seinen Ausgang nahm und noch im selben Jahr vollendet wurde. Die Transkription für Akkordeon wurde erstmals durch Janne Valkeajoki in der Camerata Hall im Helsinki Music Centre anlässlich eines Konzertes zum 40. Geburtstag der Akkordeon-Klasse der Sibelius Akademie im Jahr 2018 aufgeführt. Der Komponist sagt, dass es sich hier um eine herausfordernde Aufgabe gehandelt habe, handele es sich bei diesen Stücken doch um Werke aus sehr kurzen Sätzen, die eine harmonische Einheit bilden.
Claus-Steffen Mahnkopf:
Deconstructing accordion für Akkordeon solo (2001)
▶ Musik hören
Ein Instrument oder vielmehr den Umgang mit diesem Instrument zu dekonstruieren, seine Strukturen mit kompositorischen Mitteln zu zerlegen, kann ganz neue, unerwartete Klanghorizonte erzeugen. Claus-Steffen Mahnkopf tut genau das in seinem gewagten Akkordeonwerk, das Teodor Anzellotti 2002 in Stuttgart uraufgeführt hat. Im Anschluss daran nahm sich der Komponist das Werk, in dem er durch verschiedene Mittel die Notation zerlegt und tonliche Strukturen, Artikulation und Dynamik getrennt voneinander fixiert. Nicht nur instrumental erzeugte Klänge, auch die Stimme des Akkordeonisten, sein Atmen, ja sogar sein Pfeifen und Röcheln wird dabei mit eingebunden.
Johannes X. Schachtner:
Pasar la calle für Akkordeon solo (2017)
▶ Musik hören
Das Werk für mitteltöniges Akkordeon von Johannes X. Schachtner trägt einen spanischen Titel, weil es im Auftrag des spanischen Akkordeonisten Ander Telleria entstanden war und im selben Jahr in Saragossa von ihm zur Uraufführung gebracht wurde. Die Phrase „Pasar la calle“ hat der bayerische Komponist auch in anderen seiner Werke immer mal wieder verwendet, so als Untertitel zum Beispiel in seinem Orchesterwerk Epilog V. Was er damit ausdrücken will, fasst der Komponist in einem kurzen Satz zusammen: „Es geht um die Bewältigung einer Wegstrecke.“
Isang Yun:
Concertino für Akkordeon und Streichquartett (1983)
▶ Musik hören
Das Concertino für Akkordeon und Streichquartett entstand auf Anregung des Akkordeonisten Hugo Noth und war Isang Yuns erste Komposition für dieses Instrument. Yun geht hier der Versuchung keineswegs aus dem Weg, den Klang des Akkordeons in Beziehung zu Instrumenten seiner südkoreanischen Heimat zu setzen. So klingt das Akkordeon hier zuweilen fast wie eine asiatische Mundorgel, die in China Sheng, in Korea Ssaenghwang und in Japan Shô genannt wird. Die Streicher, sozusagen das „Tutti“ seines kleinen Konzerts, treten in starken Kontrast zu dem oft in gebrochener Akkordik spielenden Akkordeon.
Foto: Roman Kornev / Adobe Stock Fotos