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Eine Einführung in die Musik Einojuhani Rautavaaras
von Hilary Finch

Zu den Dingen, die Einojuhani Rautavaara am meisten mit Stolz erfüllen, zählt ein Papierschnipsel, den er gerahmt und an die Wand seines Arbeitszimmers gehängt hat. Er trägt das Datum „Mai 1955" und ist folgendermaßen beschriftet: „Sibelius schlägt Koussevitzky-Stipendium vor für Studium in Tanglewood USA sechs Wochen Beginn Juli STOP mögliches Anschlussstudium für ein Jahr an Juilliard School STOP". Trotz der Förderung durch Sibelius jedoch musste Rautavaara seinen eigenen Weg finden, so wie jeder finnische Komponist, der dem Meister folgte. Sibelius‘ Vertrauen rechtfertigte er durch ein reiches kompositorisches Schaffen, das sich fortwährend weiterentwickelte.

<Rautavaara, zunächst Student, dann Musikarchivar, Rektor und schließlich Kompositionsprofessor an der Sibelius-Akademie in Helsinki, bewegte sich stilistisch von neoklassizistischen Experimenten über Avantgarde-Konstruktivismus bis hin zu serieller Musik – noch heute lässt er sich von der Disziplin der Schönberg’schen Zwölftontechnik inspirieren. Anschließend ging er, insbesondere in seinen symphonischen Werken, durch eine Phase unverblümter Romantik, um später den Mystizismus zu entwickeln, der seiner berühmten Siebten Sinfonie, Angel of Light, den weichzeichnerischen Effekt verleiht. Heute, mit Ende achtzig, zeigt sich Rautavaara weiterhin voller Schaffenskraft; häufig schreibt er Werke für bestimmte Interpreten.

Für das Denken und Schreiben des Komponisten stellte die Literatur immer schon eine prägende Quelle der Inspiration dar. Rautavaara ist sehr belesen, und seine Musik ist sowohl von philosophischen Ideen als auch von wirkungsmächtigen Bildern durchdrungen. Seine Verehrung gilt besonders der deutschen Literatur; schon immer fasziniert ihn die dunkle Furcht, die Rainer Maria Rilkes poetischen Engeln innewohnt. Wie Rilkes ist auch Rautavaaras Werk von seiner persönlichen geistigen Vision erfüllt. Einer eigenen Aussage zufolge ist er sich „einer Ebene der Existenz außerhalb unserer eigenen bewusst, jenseits unserer Erkenntnis". Dabei erwächst seine Spiritualität gleichermaßen aus der Welt der Natur: Eines seiner frühesten und immer noch bekanntesten Werke ist Cantus arcticus, ein Konzert für Vögel (die vom Band eingespielt werden) und Orchester. Er besitzt einen feinfühligen Scharfsinn für die Anblicke und Geräusche der Natur und sagt er über sein Kontrabasskonzert Angel of Dusk, es sei vom Anblick eines strahlenden Sonnenuntergangs inspiriert gewesen, den er vom Flugzeug aus durch dunkle Wochen beobachtet hatte. Im Jahr 2010, in seinem 85. Lebensjahr, vollendete er, gerade genesen von einer schweren Operation, sein Cellokonzert, das aus scheinbar unendlichen Melodien besteht und den treffenden Titel Towards the Horizon trägt.

Chormusik stellt einen sehr großen Teil von Rautavaaras Schaffen dar; seine Kompositionen für Singstimme jedoch (für die sich nicht nur Finnlands großartige Chöre, sondern auch der Sopran seiner Frau Siri als Inspirationsquelle erwiesen) umfassen auch bedeutende Bühnenwerke, etwa seine Van-Gogh-Oper Vincent von 1986, Das Sonnenhaus (1989) und Aleksis Kivi, eine dreiaktige Oper, die einen skurrilen Blick auf das Leben des berühmten finnischen Schriftstellers wirft. Zu Rautavaaras umfangreichem Schaffen für Stimme solo zählen auch ein Monolog und vier Lieder aus Aleksis Kivi, neben Vertonungen von Shakespeare und Rilke oder dem kürzlich uraufgeführten Rubaiyat, einem für Gerald Finley geschriebenem Liederzyklus nach Omar Khayyám. Mit Balada für Chor, Tenor und Orchester, das seine Premiere 2015 in Madrid erlebte, kehrte Rautavaara zu seinem geliebten Federico Garcia Lorca zurück.

Die Vokalmusik lässt Rautavaara nicht los; noch immer hegt er den Wunsch nach der Komposition einer weiteren Kammeroper, diesmal nach einer griechischen Geschichte über einen Schiffbruch und einen Jungen, der von einem Delphin an Land getragen wird. Das von ihm selbst geschriebene Libretto wartet noch auf die Transformation in das sich ständig weiterentwickelnde Wunder von Melodie und Klangbild, das seine Musik ausmacht.

Hilary Finch, 2015
(Kritikerin, Autorin und Radiomoderatorin, arbeitet für The Times, das BBC Music Magazine und BBC Radio 3, spezialisiert auf Lieder sowie die Musik Finnlands und Islands.)

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